Rastlos im Beruf, ratlos im Ruhestand? Ein Buchtipp

Ich finde ja, dass bei jedem Buch eine der wichtigsten Fragen lautet: Weiß der Autor, wovon er da spricht? Kennt die Autorin die Milieus, in denen die Handlung angesiedelt ist? Natürlich lässt sich reine Fiktion – wie der Name ja schon sagt – auch vollständig erfinden. Doch selbst dann werden Autor/innen immer durch den Text „schimmern“ … Noch wichtiger werden meine ersten Fragen bei jedem Sachbuch, auch und gerade, wenn Autor/innen neben allen notwendigen Fakten immer mal wieder von sich selbst sprechen. Das alles ist schon mal rundum gelungen bei dem Buch, von dem hier die Rede sein soll: Es ist Wegweiser, Ratgeber, Sachbuch, hoch informativ UND mit vielen persönlichen Passagen. Und es geht um die „späte Freiheit Ruhestand“.

Ruhestand kann und muss geplant werden

Wolfgang Schiele hat sich aus dem „angestellten Erwerbsleben“ ganz planmäßig in die Rente verabschiedet. Und sich nahtlos im Anschluss daran mit sehr viel Elan um so gut wie alle Fragen zu den „Perspektiven Ruhestand“ gekümmert. Da der Ruhestand für ihn ganz ohne Frage auch das neudeutsche „Mindset“, psychische Prozesse und soziale Kontakte umfasst, hat er sich folgerichtig zum (Vor)Ruhestandscoach weitergebildet und betreibt jetzt www.coachingfiftyplus.de. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich glaube, er ist rundum glücklich mit dieser Entscheidung. Die hatte es durchaus in sich: Auf seiner Webseite zähle ich rund 12 – zum Teil wirklich anspruchsvolle – Fortbildungseinheiten, die er erfolgreich für das neue Berufsziel absolviert hat. In den sozialen Netzwerken ist er vor allem auf Xing aktiv – daher kenne ich ihn auch, als sehr geduldigen Moderator beispielsweise. Da fehlte jetzt wirklich nur noch eins: Das Buch zum Thema. Und das ist nun erschienen: „Rastlos im Beruf, ratlos im Ruhestand? Wegweisende Impulse zur aktiven Gestaltung der dritten Lebensphase“ heißt es.

 

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Manche Stufen sind ganz schön hoch

Was mir an diesem Buch am besten gefällt, ist sein breites Spektrum. Das beginnt schon damit, dass er das (immer wieder unterschätzte) Gedicht von Hermann Hesse zu den „Stufen“ im Geleitwort nicht nur zitiert, sondern direkt auf sich bezieht: „Auch ich musste ein paar Stufen erklimmen, um zum aktuellen Zwischenziel, diesem Buch, zu gelangen.“ Und genau dieser Weg, den er selbst gegangen ist, macht es Leserinnen und Lesern jetzt möglich, ihre eigenen Wege in den Ruhestand an Schieles Erfahrungen auszurichten, Wege abzugleichen, Anregungen zu finden. Oder sich überhaupt erst einmal der nicht unproblematischen Lage bewusst zu werden: Manche Stufen sind nämlich ganz schön hoch. Das beginnt schon mit der Tatsache, dass es zu fast jedem und allem unterschiedlich aufbereitete Hilfsangebote gibt, zum „Eintritt“ in den Ruhestand aber so gut wie gar nicht. Dabei ist das einer der wichtigsten Entwicklungsschritte unseres Lebens: Danach ist sehr vieles ganz anders als zuvor.  Nicht nur Wolfgang Schiele muss da sagen, er kenne nur ganz wenige Menschen, die uns diesen Schritt zu erklären versuchen. Ich denke, das geht den meisten von uns so. Für Schiele ist einer der wichtigsten Gründe für dieses Fehlen, dass niemand für den Eintritt in den Ruhestand so etwas wie eine Qualifikation braucht: „Da wir weder ein Zertifikat noch einen Ausbildungsnachweis vorlegen müssen, um in den Ruhestand gehen zu können, kursiert landauf, landab die feste Überzeugung, dass das mit der Rente nicht so schwierig sein kann.“ Falscher geht es kaum.

Doch, Rente kann schwierig werden!

Denn dem Ruhestand stehen ungeheuer viele Missverständnisse, falsche Hoffnungen und schlichte Verkennungen von Tatsachen entgegen. Genau denen begegnet Schiele in seiner „zweiten Berufstätigkeit“ als Coach mehr oder weniger täglich – nicht selten begleitet von einem nicht unbeträchtlichen Leidensdruck, in den die Rentnerinnen und Rentner, die ihn aufsuchen, oft ganz unerwartet geraten sind. Das ist übrigens eines der ganz großen Verdienste dieses Buches: Schiele dramatisiert nie. Er zeigt sehr gelassen und systematisch auf, wo all diese Missverständnisse beginnen – und wie wir ihnen rechtzeitig begegnen können. Das ist Schieles sehr berechtigter Appell: Wer zwei bis drei Jahre vor Beginn seines Ruhestands anfängt, sich mit dem Thema zu beschäftigen, kann und wird sich „gelassen und unaufgeregt“ auf seine „späte Freiheit“ vorbereiten können. Denn auch da hat er Recht: Nur wer verstanden hat, dass man „die Droge Arbeit wie ein Antidepressivum gezielt ausschleichen sollte, um psychischen Entzugsproblemen aus dem Weg zu gehen“, hat wirklich gute Chance, die „dritte Lebensphase“ als gelingenden Lebensabschnitt – ganz nach eigenen Vorstellungen – leben und erleben zu können.

Jeder Abschied tut weh

Dass Wolfgang Schiele das alles selbst so erlebt hat, finde ich auch darum so wichtig, weil es mir regelrecht zu Herzen ging, wie intensiv er seinen eigenen Abschied von vierzig Jahren Arbeit als Angestellter thematisiert. Es geht um Trauer und Verlust, Ersetzbarkeit, Wertschätzung (oder eben nicht), Selbstwertgefühl, alte und neue Werte … Es geht um viel. Denn es ist ein Abschied. Schiele führte dabei ein „Ausstiegstagebuch“. In das notierte er unter anderem: „Wir sammeln ein Leben lang Erfahrungen und gerade dann, wenn wir das Maximum erreicht haben, verlieren sie mit einem Schlag an Bedeutung … Der Arbeitskalender wird am 18. April gestoppt, das Leben nicht! Mein Wunschtraum als zukünftiger Trainer oder Coach soll sich erfüllen …“ Und genau das ist es: Schiele hat diesen „Wunschtraum“ noch, während er angestellt ist. Er hinterfragt und konkretisiert, beleuchtet und plant ihn.

Die persönliche Bestimmung finden

Das allein ist schon nicht ganz einfach. Noch schlimmer aber ist, dass uns so viele unerwartete, bisher oft genug völlig unbekannte Hürden, Fragen, Mythen, Belastungen und Ängste massiv dabei im Weg rumstehen können. In Schieles Buch werden sie alle benannt, das Alte und das Neue, Verluste und neue „Gewinnmöglichkeiten“: vom „Gefühl der Nutzlosigkeit“, dem „Rentnerblues“ bis zu „Alterskompetenzen“, „alterskonformem Lernen“ oder „Genuss im Alter“. Auch „sinnlos glücklich nach dem Beruf“ zu sein, ist möglich – unter bestimmten Voraussetzungen. Schiele benennt und begründet sie, vor allem auch psychologisch. Sehr kurz zusammengefasst: Wir müssen uns keinen Druck mehr machen – das muss und sollte uns aber auf keinen Fall daran hindern, unsere ganz persönliche Bestimmung zu leben … Das ist vermutlich das Allerschwierigste. Und Wichtigste. Vor allem darum ist dieses Buch so wichtig.

Ja: Wir können uns (ver)wandeln. Und das macht Hoffnung

Eines der letzten Kapitel trägt die Überschrift, die ich für die wichtigste Botschaft des Buches halte: „Die Kunst des späten Gelingens – oder: Wie wir uns wandeln und aufblühen im Alter“ – das ist das Ziel. Bis dahin aber gilt es, diesen Lebensabschnitt gut zu planen. Und die wirklich wichtigen Dinge im Blick zu behalten – oder vielleicht erstmals in den Blick zu nehmen. Etwa, dass Männer und Frauen andere Bedürfnisse haben – und auch pflegen sollten. Oder, dass Langeweile krankmachen kann – und wie wir dem entgehen können. Denn Langeweile birgt jede Menge Risiken als (psychischer) Krankheitsauslöser.

In Rente zu gehen, sollte eben gerade nicht rund dreißig Jahre lang „Nichtstun“ bedeuten … Das macht Schiele beispielsweise mit seiner „Bore-out-Uhr“ eindrücklich klar – eine von mehreren Grafiken, die dieses Buch neben Kästen voll mit komprimierten, überaus zielgenauen Fragen und den kompakten Tipps für die Praxis nach jedem Kapitel gekonnt abrundet. Das alles zusammen mit den Erfahrungen, die Schiele selbst gemacht und/oder aus Sicht seiner Coaching-Kunden beisteuert, zeigt mehr als eindrücklich: Die Zeit des Ruhestands kann der Beginn zu etwas rundum Neuen, Aufregenden werden … wenn wir das wollen. Das Schönste dabei ist: Wir können es.

Alle Bestellmöglichkeiten des Buches im Blog von Wolfgang Schiele hier. https://spaetefreiheitruhestand.wordpress.com/mein-buch/

Text: Maria Al-Mana, die Texthandwerkerin


 

Ich freue mich, wenn ihr diesen Beitrag in die Welt tragt ... danke!

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