„Erleichterter Familiennachzug“ in der Praxis. Ein Buchtipp

Biggi Mestmäcker kenne ich als Textkollegin schon ein Weilchen. Ich habe auch – eher mit halbem Auge – verfolgt, wie sie immer wieder auf Facebook und woanders darüber berichtete, wie sie „über den Tellerrand“ kochte… Fotos von leckerem Essen, immer multinational. Kein Wunder, geht es doch hier um eine gemeinnützige Organisation, die „ohne Vorurteile für ein neues Miteinander zwischen Geflüchteten und Beheimateten“ kocht, isst, Gemüse schnippelt, voneinander lernt, lacht, sich austauscht. Das gefiel mir. Biggis Essensberichte und -fotos handelten oft von syrischen Gerichten, das interessierte mich. Unter anderem darum, weil ich in den 1960er Jahren einen verzweifelten Mann erlebt habe, der in keinem deutschen (Feinkost-)Laden jene Blätter auftreiben konnte, in die man leckere Füllungen aus Reis, Hackfleisch, Rosinen, Petersilie, Pinienkernen…. – je nach Geschmack, wickeln – könnte. In seiner Ratlosigkeit nahm er Salatblätter. Das Ergebnis war regelmäßig zerkochte Matsche. Erst viele Jahre später gab es eingelegte Weinblätter in deutschen Geschäften zu kaufen. Und der Mann war mein Vater, er kam aus Irak. Ich erzähle das hier nur darum, weil ich mein ganzes Leben lang erlebt habe, wie – im Großen und im ganz Kleinen – sich die Dinge zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen verändern. Mal zum Besseren, mal zum Schlechteren.

Kein Problem?! O doch, jede Menge Probleme!

Über den Tellerrand hat in über 30 deutschen Städten „Sateliten“, in denen sich Menschen aller Kulturen „mit und ohne Fluchterfahrung bei kulinarischen, gestalterischen und sportlichen Events“ regelmäßig treffen. Zu den wichtigsten Zielen gehören Aufbau und Pflege „nachhaltiger Freundschaftsnetzwerke“. Einer dieser Sateliten ist in Schwalmtal, wo Biggi Mestmäcker lebt. Dort lernte sie einen syrischen Flüchtling kennen, nennen wir ihn Elias. Es gefällt ihr, wie er „ohne viele Worte“ ausdauernd, „säuberlich“ und stets freundlich Gemüse schnippelt. Als sie ihn besser kennt, imponiert ihr seine stoische Ruhe, die Geduld, mit der er das Leben im engen Flüchtlingsheim erduldet, seine fatalistische Standard-Antwort auf so vieles: „kein Problem!“ Biggi nennt ihn später ihren „besten Freund“. Und sieht, dass er – natürlich! – jede Menge Probleme hat. Das drängendste von allen ist: In Syrien hat er seine Frau und ihren gemeinsamen, damals neunjährigen Sohn zurück gelassen. Die Flucht nach Deutschland war lebensgefährlich, das wollte er ihnen nicht zumuten.

Erleichterter Familiennachzug?! Alles andere als das!

Aus der Freundschaft wird wirklich ein Netzwerk: Elias zieht in das Gästezimmer der Familie Mestmäcker, Biggis Mann wie ihre beiden Töchter nehmen den freundlichen Mann gern auf, allerdings: „Wir konnten ihm seine Familie nicht ersetzen, aber wir konnten ihm zeigen: Du hast hier ein Zuhause.“ Die Familie von Elias ist noch immer in Syrien. Und genau das ist das Hauptthema des Buches, das Biggi Mestmäcker jetzt geschrieben hat: „Familiennachzug aus Syrien“, gegen alle Widerstände – so der Untertitel von „Wir sehen alle denselben Mond“. Dieses Buch ist ein Bericht. Ein hautnaher, ungeschönter Bericht über ein Thema, das in der Praxis deutscher wie anderer Bürokratien zu schreiendem Hohn wird: „erleichterter Familiennachzug für Syrer“. Da wird nichts erleichtert. Gar nichts. Ganz im Gegenteil. Als Elias als Flüchtling anerkannt wird, machen sich er, Biggi und deren ganzes Netzwerk daran, diesen „erleichterten Familiennachzug“ zu organisieren. Es wird die reine Odyssee, von Erleichterung keine Spur, allenfalls, als endlich alles vorbei ist. Und wer – wie ich – solche Geschichten immer mal wieder am Rande mitkriegt, wer eigene Vermutungen hat, vielleicht gar nur Gerüchte kennt, der sollte unbedingt dieses Buch lesen. Denn die Chance, den ganzen Irrsinn, den dieses Procedere auslösen kann, hautnah und sozusagen wörtlich mitzuerleben, hat man wirklich nicht oft. Biggi Mestmäcker ist definitiv eine Chronistin dieses Irrsinns.

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Wenn aus Salatblättern Weinblätter werden….

Meine persönliche Hoffnung wäre ja, dass sich das bürokratische Procedere im Lauf der Zeit besser einspielt, dass alle betroffenen Staaten verstehen, dass es hier um Menschlichkeit geht. Und um ein verbrieftes deutsches Recht, den Familiennachzug. Dieses Recht müsste Deutschland, wenn es nicht anders geht, mit viel größerem Nachdruck einfordern… Aber das wird dauern. Vermutlich mindestens so lang, wie mein Vater gefüllte Weinblätter mit Salatblättern kochen musste.

Wie sehen alle denselben Mond

Eigentlich wollte Biggi Mestmäcker ja gar kein Buch schreiben… Und tat es doch: „Weil ich es aufschreiben musste. Ich war vor einem Jahr, in diesem Juni 2016 so voll mit Emotionen, mit Wut, Liebe, Freude, Angst und Erleichterung, riesiger Erleichterung, dass ich ein Ventil brauchte. Und was macht eine Texterin dann? Sie schreibt. Schreiben macht frei.“ Inzwischen gibt es auch eine eigene Webseite zum Buch.

Und es ist nicht nur darum ein besonderes Buch geworden, weil es so authentisch, nah dran und ungeschminkt wahr ist, sondern auch, weil es die beiden Sprachen deutsch und arabisch unter zwei Buchdeckeln vereint (zur Entstehungsgeschichte hier lang – auch eine ziemlich spannende Angelegenheit! Und ein Beispiel für wunderbar funktionierende Netzwerke…) Es ist fast symbolisch: „zwei Sprachen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten – nach 140, bzw. 116 Seiten begegnen sie einander.“ Es ist mit deutsch und arabisch wirklich wie mit dem Mond: Wo arabischsprachige Menschen von rechts nach links lesen, lesen wir von links nach rechts. Für die einen beginnt das Buch „von hinten“, für die anderen „von vorne“ – alles nur eine Frage der Perspektive. Genau wie beim Mond. Und vielem anderen…

Biggi Mestmäcker: Wir sehen alle denselben Mond. Gegen alle Widerstände – Familiennachzug aus Syrien. Zweisprachige Ausgabe Deutsch – Arabisch. Tredition 2017. 256 Seiten. Hardcover Euro 22,90, Taschenbuch Euro 12,90, E-Book Euro 4,99. ISBN TB 978-3-7439-2788-9. Bei amazon hier.

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