„Ich dachte, älter werden dauert länger“: Buchempfehlung

„Ich dachte, älter werden dauert länger“: Buchempfehlung

Die wichtigste Information – jedenfalls für mich – steht immer am Anfang jeden Kapitels rechts oben auf der Seite: Heike oder Lucinde? Lucinde ist die, der Zahlen, die mit „5“ beginnen, so ganz und gar nicht in die Tüte, auf die Geburtstagstorte oder sonstwohin kommen sollen. Dumm nur, dass ihren Ehemann das weniger zu stören scheint – der will demnächst ganz ungeniert seinen 50. Geburtstag feiern. Zu dem Lucinde (auf dem Foto die, die hinten steht)  ihm eine Rede halten will … Wenn also schon nicht für sich selbst, muss sie sich nun ihm zuliebe mit dieser Zahl auseinandersetzen. Heike dagegen ist ziemlich entspannt. Und das obwohl – oder vielleicht gar WEIL?! – sie die 50 schon hinter sich gelassen hat.

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Random House, © Gaby Gerster/Feinkorn

 

Von Haferflockenpeeling bis „Sport für Spätberufene“

Noch ein Buch übers Älterwerden?! Ja! Denn diese Frauen haben sehr viel Humor. Und wissen genau, wie Schreiben geht: Lucinde Hutzenlaub arbeitet als Kolumnistin und Autorin, Heike Abidi als Werbetexterin und Autorin. Gemeinsam haben sie jetzt das ultimative „Überlebenstraining für alle über 50“ geschrieben, Haupttitel „Ich dachte, älter werden dauert länger“.
Mein einziger – wirklich der einzige! – Einwand ist: Das „für alle“ stimmt nur bedingt. Frauen profitieren mit einiger Sicherheit mehr davon als Männer … Was mich jetzt nicht wirklich stört. Denn ich bin sowieso drauf und dran, das Buch zweckzuentfremden: als Ratgeber für mir bislang unbekannte Schönheitstipps. Vom perfekten Augenaufschlag über Haferflockenpeeling, Kaffeesatz-Handpflege bis Brillenlosigkeit, Nahrungsergänzungsmitteln, die Sinn machen, Diäten, die keine sind, die „Wahrheit über Botox“, den Umgang mit Krampfadern, Schuhshopping, „sieben goldene Tipps gegen XXL-Shopping-Frust“, bekannte und unbekanntere Sportarten (für „Spätberufene“), Gesichtsgymnastik oder gleich die „kleine Abkotzrunde“ gegen Frust-Attacken aller Art. Nicht nur hier habe ich zwar oft gekichert, wollte mir die ein oder andere Seite aber auch gleich schon für mein Archiv der nützlichen Tipps kopieren … Genau so ist das ganze Buch. Und das ist wirklich eine Kunst, die nicht alle Autor/innen so fehlerfrei beherrschen wie Heike und Lucinde: dieser ziemlich breite Spagat zwischen Ernst und Gekicher. Natürlich geht es auch um Dinge wie „Flirten für Wiedereinsteiger“, die Suche nach einem gemeinsamen Hobby für Paare oder nach weiblichen Vorbildern von Politik bis Wissenschaft und Wirtschaft, in Musik-, Film- und Bloggerwelt. Da ist durchaus Ernst drin, generell aber gilt eigentlich bei allem die Antwort auf die Frage des letzten Kapitels: „Und was machen wir nun“? Ganz klar: „Spaß mit Sachen: Einfach mal was Neues probieren.“ Und an der Stelle hat dann auch Lucinde schon nichts mehr dagegen einzuwenden.

Von der Kunst der Spaß-Übertragung

Das alles geht natürlich nur mit einer extra großen Portion Selbstironie: „Und plötzlich heule ich bei Pampers-Werbung“ (Heike). Oder: „Zum Glück kann mich niemand zwingen, so etwas wie Eis am Stiel oder American Pie anzuschauen. Puh, Himmel, was für ein furchtbarer Gedanke. Das wäre ja fast, als müsste ich die Pubertät noch ein zweites Mal erleben! Andererseits: Manchmal habe ich das Gefühl, es wäre ohnehin so …“ (Heike.) Klar, oder? Plupps, ist das Lustige ins Ernste gekippt. Das passiert in diesem Buch ständig. Überall merke ich, wie viel Spaß Lucinde und Heike beim Schreiben hatten. Dieser Spaß überträgt sich problemlos auch auf mich. Aber – und genau das meine ich mit „Spagat“: Erhobenene Zeigefinger findet man in diesem Buch so wenig wie Allgemeinplätze. Wir alle kichern und altern halt ganz anders. Und das ist gut so! Um den Spagat noch größer zu machen: Tests, Info-Kästen, konkrete Shopping-Tipps plus Preisangabe gibts noch obendrauf.

Positiv enttäuschte Erwartungen

Was ich beispielsweise auch lustig finde, ist, dass die Ältere der beiden Autorinnen das Älterwerden meistens richtig gut findet, während die Jüngere damit (noch) ziemlich fremdelt. Hätte „man“ auch anders rum erwarten können, oder? Landläufige Erwartungen zu enttäuschen, gefällt mir jedenfalls mit jedem Tag, den ich selber älter werde, immer besser. Und genau das geschieht hier oft. Finde ich toll. Okay, das ist mein persönlicher Blick. Lässt sich auch etwas objektiver sagen: Der ganze Buch-Plot erinnert an ein Spiele-Set, das sich Lucinde und Heike in eigener Sache ausgedacht haben.

Von neuen Spielen …

Gewonnen hat, wer am längsten mit spielerischer Leichtigkeit über das Älterwerden schreiben kann. Allerdings bekommt am Ende keine von beiden den Sieges-Pokal – und das ist gut so. Denn der steht uns als Leser/innen zu: So lange wir noch so spielerisch über das Älterwerden schreiben können, kann uns das Alter nichts anhaben. Nullkommagarnichts! Okay, eine Voraussetzung hat die Teilnahme an diesem Spiel wahrscheinlich schon: Wir sollten dabei so ehrlich sein wie möglich. Heike und Lucinde sind es. Und auch darum mag ich dieses Buch so. Lucinde etwa: „Klar ist fünfzig nur eine Zahl, aber eine wichtige. Doppelt so viel ist hundert, und wer wird schon so alt? Ich habe also weniger als die Hälfte übrig, und das macht mir Angst.“ Schön auch, wie Lucinde am Ende des Buches – nicht ohne vorher ausgiebig das Angebot von Erotikshops live in Augenschein genommen zu haben – ihr Fazit „nach meiner Lehrzeit bei Heike“ beschreibt.

Hicks!

Und dieses Fazit ist weder das Fazit eines Spiels noch eines Buches, sondern das Fazit eines jeden Lebens, mit Kostbarkeiten, Erfahrungen, „Schlaglöchern“ und allem Drum und Dran. Überschrift: „Wir feiern die Feste, wie sie fallen“. Letztes Wort: „Hicks“. Natürlich erst, nachdem Lucinde die Sache mit der Geburtstagsrede hinter sich gebracht hat … Bravourös, wie sonst?

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Beide Fotos: Randomhouse.de

Text: Maria Al-Mana, die Texthandwerkerin


 

Ich freue mich, wenn ihr diesen Beitrag in die Welt tragt ... danke!

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