Sonja Schiff über das „Lernen von alten Menschen“: Eine gnadenlos subjektive Buchempfehlung

Wenn eine Altenpflegerin findet, ihre Arbeit sei „der coolste Job der Welt“ – nicht ironisch gemeint, wohlgemerkt! -, dann ist sie mit Sicherheit eine richtig gute Altenpflegerin.

Wenn eine Altenpflegerin beginnt, ein Buch zu schreiben und dieses Buch dann gar keine Berufs-, sondern eine Lebensbeschreibung wird – und zwar des Lebens einer Vielzahl von Menschen -, dann ist das ein aufregendes Buch. Ein Buch, das vom Leben unterschiedlicher Menschen aus verschiedenen Generationen erzählt: Vom Leben der Autorin und von kleinen wie großen Geschichten aus dem Leben ihrer Patientinnen und Patienten.

Wenn die Angehörige eines Berufsstands, der eigentlich der Schweigepflicht unterliegt, sich die Mühe macht, das, was sie als Autorin zu erzählen hat, so zu „verschlüsseln“, dass die Menschen nicht erkennbar, wohl aber ihre Geschichte(n) ganz und gar plastisch werden, dann liebt diese Autorin die Menschen. Und deren Geschichten.

Wenn ich ein Buch von einer lieben Bloggerkollegin geschenkt bekomme, mich auch noch verpflichten muss, ein blödes Selfie dazu zu machen (ja, ich hab geschummelt….), dieses Buch dann lese und restlos begeistert bin, dann ist es ein wirklich tolles Buch: Und glaubt mir: Ich versteh‘ was von Büchern!

Auf speziellen Wunsch der Autorin: Bild mit Buch und Hund.

Auf speziellen Wunsch der Autorin: Bild mit Buch und Hund…

Eine gnadenlos subjektive Buchempfehlung

Wenn einen Sprach-Pingel wie mich sprachliche Holprigkeiten – die es gibt, und die nicht alle daher rühren, dass die Autorin Österreicherin ist – wenn die also selbst mich kaum noch stören, weil ich das Gefühl habe, in einem aufrüttelnd liebevoll-nachdenklichen Gespräch mit einer guten Freundin zu sitzen… dann, ja dann ist diese Buchempfehlung natürlich eine gnadenlos subjektive Angelegenheit. Manche Dinge sind einfach so universell wahr (etwa die Tatsache, dass „Altersweisheit“ nicht automatisch mit der Zunahme gelebter Jahre wächst, sondern Schwerstarbeit ist), dass für mich alles davon abhängt, WER sie mir erzählt.

Wenn man ein Buch zu Ende gelesen hat und sich dann kurz aber ernsthaft fragt, ob man dieses Buch wirklich öffentlich empfehlen soll, oder ob die Autorin es nicht vielleicht für mich ganz allein geschrieben hat, dann ist man mitten ins Herz getroffen. Ziemlich unerwartet übrigens. Und: Natürlich gehört das Buch empfohlen, denn das ist doch schon lang mein Credo: Älterwerden geht uns alle an.

Ach ja: Die Autorin ist die Altenpflegeexpertin und Alterswissenschaftlerin (Gerontologin) Sonja Schiff und das Buch heißt: „10 Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte“, edition a; ISBN-13: 978-3990011393, bei amazon hier.

Entscheidender Unterschied: Nicht ÜBER, sondern VON Menschen schreiben

Sonja Schiff ist ehrlich, großzügig und bei aller Kenntnis des „alternden Menschen“ völlig unvoreingenommen. Sie interessiert sich für Menschen. Punkt. Und das ist für mich die beste Empfehlung, die jemanden dazu qualifiziert, über das Älterwerden zu schreiben. Großzügig teilt sie außerdem noch ihr ganzes bisheriges eigenes Leben mit uns, Ängste und Zukunfts-Wünsche inklusive. Jede Erfahrung, eben all das, was sie „von alten Menschen gelernt“ hat, hat eine Geschichte. Ist plastisch, manchmal komisch, manchmal tragisch, immer vom gelebten Leben mindestens eines Menschen erfüllt. Wird dann noch mal von der Autorin reflektiert, überdacht, wiedergespiegelt. Was im Titel fast banal klingt, ist in Wahrheit also ein ziemlich kompliziertes Geflecht aus „Real Life“ (verschlüsselt, weil anonym) von vermutlich ausnahmslos bereits verstorbenen Menschen und biografischen Elementen einer 1964 Geborenen, die sich und ihre Erfahrungen ebenso zum Gegenstand der „Untersuchung“ macht wie die Erfahrungen der von ihr betreuten Menschen. Da schreibt nicht jemand ÜBER Menschen, sondern VON Menschen – für mich macht das einen gewaltigen Unterschied. Ein wenig Talent gehört allerdings schon auch zu: Kaum überraschend, dass schon Sonja Schiffs Ausbilder ihr „gutes Händchen für Menschen in Ausnahmesituationen“ erkannten.

Von Österreich in die Mongolei. Und zurück

Weil sie eben auch ihre eigene Geschichte erzählt, hat das Buch sogar so etwas wie einen „Spannungsbogen“. Ein Höhepunkt (wenn man von so etwas sprechen mag…) ist für mich dabei der Moment, in dem sie neben einer 90-jährigen mongolischen Nomadin sitzt (ja, auch das gehört dazu: eine Reise in die Mongolei, um Nomaden ein wenig vom Wissen über Altenpflege nach österreichischen Standards weiterzugeben) und auf deren Frage, ob sie denn nun in der Mongolei endlich gefunden habe, was sie suchte, antwortet: „Ich bin auf der Suche nach der Frage, was wirklich wichtig im Leben ist, wo meine Aufgaben liegen, einfach, was das Ziel des Lebens ist.“ Der Kniff, damit diese eigentlich viel zu allgemeine Frage nicht banal wird, liegt in der ganzen Struktur des Buches: Sonja Schiff erzählt von so vielen Lebens-Bruchstücken, eigenen wie fremden, von Fragen und unerwarteten Erkenntnissen, dass es niemals nur DIE EINE Frage – oder gar Antwort – geben kann.

Denn Sonja Schiff hat auch noch das beneidenswerte Talent, hinter allem Gehörten und Erlebten stets das zu finden, was trägt. Was für uns alle gilt. Etwa: „Am Ende meines Lebens möchte ich zu mir sagen können, dass ich meine Talente alle genutzt habe. Ich muss sie nicht zur Perfektion bringen, aber ich will sie ausprobieren, kennenlernen, ich will meinen Talenten Raum und Zeit in meinem Leben geben und mit ihnen spielen dürfen.“ Sätze wie diese schreibt sie nicht einfach so, im luftleeren Raum. Nein: Dem geht immer eine ganz konkrete Geschichte voraus. Mindestens eine. In diesem Fall die Geschichte eines sehr spät berufenen Holzbildhauers, der sein Leben „satt und zufrieden verlassen“ hat.

Sterben ist Teil des Lebens…

Ja: Natürlich geht es auch immer um den Tod. Der schwebt wie eine Kontrastfolie hinter allen erzählten Geschichten. Aber der „Gevatter“ ist wirklich immer genau das: Kontrast, die Kehrseite dessen, was wir im Leben getan haben. Oder unterlassen, missachtet, verschmäht… Er wird weder geleugnet, noch verharmlost. Für Sonja Schiff ist „das Sterben ein Teil des Lebens“. Aber: Man müsse auch immer ganz genau hinsehen, mahnt sie: „Will jemand nur sterben, weil er Schmerzen nicht mehr erträgt, oder weil er das Gefühl hat, seiner Würde beraubt worden zu sein, dann sind Medizin und Pflege gefragt, diese Situation möglichst zu ändern.“

Ganz ehrlich: Ich hab Sonja Schiff als Bloggerin „kennengelernt“, fand sie sympathisch – und wollte das Buch lesen. Ich interessiere mich kaum für Altenpflege, spreche ungern über den Tod (was nicht heißt, dass ich nicht über ihn nachdenke….) – und doch hat mich das Buch getroffen. Päng! Zum Beispiel geht es auch um Umbrüche im Älterwerden, darum, wie Dinge sich ändern – scheinbar ohne unser Zutun. Da ist sie wieder, meine Unruhe. Und die Frage: Was genau verändert sich da eigentlich? Wie Sonja habe auch ich beispielsweise lange (sehr lang!) geglaubt „Liebe müsste immer weh tun, schmerzhaft und intensiv sein“ und erkenne jetzt langsam, wie wunderbar es ist, wenn man alten Paaren begegnet, die ihr Leben lang geteilt haben, und „immer noch liegt Zärtlichkeit in der Luft, wenn sie einander ansehen oder berühren.“ Von solchen Paaren und vielen anderen Menschen, veränderten Blickwinkeln, geraden und „ungeraden“ Lebenswegen, sich ändernder Liebe, von Aufbrüchen und Vergessen, Verbitterung, Festhalten und Loslassen erzählt Sonja Schiff… Mich lässt das nicht kalt.

Und was denkt ihr?

Und ich wäre jetzt sehr neugierig zu erfahren, wie euch das geht! Das Buch gibt es hier oder in jeder Buchhandlung: edition a; ISBN-13: 978-3990011393. Weitere Rezensionen dazu auch auf Sonjas Blog vielFalten.

3 Kommentare




  1. Ich habe dieses Buch Seite für Seite gelesen. Für einen Vielleser für mich, der oft zum hastigen Überspringen neigt, etwas ganz Besonderes. Ich habe gelacht und geweint. Habe mein eigenes Leben und Altern in und zwischen den Zeilen entdeckt. War beeindruckt von der Offenheit, mit der die Autorin nahezu autobiografisch Einsichten in ihr Leben gibt, die Leserinnen und Leser daran teilhaben lässt, die dabei offensichtliche eigene Verwundbarkeit in den Dienst der Hoffnung stellt.
    Hoffnung. Mut. Das Altern mit all seinen Facetten schon frühzeitig zur Kenntnis nehmen. Sich darauf einstellen. Auch auf das Ende dieses Prozesses, der mit unserer Geburt beginnt. Auf das Sterben.
    Für mich gehört dieses Buch in jeden Haushalt. Und sollte auch jungen Menschen nicht vorenthalten werden.

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