„Noch einmal ist alles offen“ – das Älterwerden als Geschenk & Chance zum Aufbruch. Eine Buchempfehlung

Was passiert, wenn jemand mit viel Lebenserfahrung, Neugierde, Optimismus und einem extrem offenen Blick ein Buch über ein Thema schreibt, um das andre lieber einen großen Bogen machen – sagen wir: über das Alter(n)? Und dabei weder Demenz noch Tod, weder Spiritualität noch Pflegebedürftigkeit ausklammert?  Genau! Ein solches Buch macht fast von selbst Mut, öffnet den Blick und lässt Leserinnen und Leser selbst auf die Suche gehen, nach dem „Geschenk des Älterwerdens“.

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Fundament: Auseinandersetzung mit meiner Endlichkeit

Wenn die Autorin dann auch noch evangelische Oberkirchenrätin im Ruhestand ist, schadet das sicher nichts. Ist aber eigentlich auch nicht unbedingt notwendig, denn zum Beispiel die „sorgende Gemeinschaft: Engagement macht stark“ – so der Titel eines Kapitels – ist jederzeit auch ohne Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche oder anderen Glaubensgemeinschaften möglich. Und das gilt für alle anderen Themen. Etwa, wenn es darum geht, die Arbeit neu zu gestalten, Rollen neu zu „erfinden“ oder „dem Leben nachzugehen“. Wichtig sind immer „lebendige Beziehungsnetze“, der Wunsch „wesentlich“ zu werden, wie auch neu entdeckte oder bekannte „Kraftorte“ – damit all die Erkenntnisse auch  praktisch umgesetzt werden können. Und ganz viel Neugierde. All das hat Cornelia Coenen-Marx entweder immer schon gehabt, sich erarbeitet oder im Nachdenken über ihre Rolle(n) in der Gesellschaft, über eigene Bedürfnisse und den Blick auf die menschliche Endlichkeit neu/wieder entdeckt. Denn auch darum geht es: “um die bewusste Auseinandersetzung mit meiner eigenen Begrenztheit und Endlichkeit, und zwar nicht erst am Ende des Lebens. Denn wenn ich Angst habe, mich zu verlieren, kann ich weder lieben noch Kinder in die Welt setzen, noch überhaupt etwas Neues beginnen. Und am Ende auch nicht sterben. Das Thema Sterblichkeit geht also immer mit. Wer die Frage nach dem Ende einfach in die sogenannte vierte Lebensphase verschiebt, tut sich selbst nichts Gutes.“

Diese Erkenntnis muss man nicht immer schon gehabt haben, sie darf gern auch erst in der Auseinandersetzung mit dem Älterwerden entstehen: „Vielleicht besteht die Herausforderung des Älterwerdens gerade darin, sich noch einmal auf den Weg zu machen und weiter zu geben, was die Summe unseres Daseins ist.“ Was das genau beinhaltet, entscheidet natürlich jeder und jede selbst. Und zwar ganz unterschiedlich. Da gibt es keinerlei Vorgaben. Offenheit, Neugierde und Mut können allerdings sehr hilfreich sein: „Heute weiß ich: Wenn ich den Mut finde, in Worte zu fassen, was mich schmerzt, komme ich der Frage näher, die das Leben mir gerade stellt“.

„Heimathafen“ Diakonie

Natürlich werden wir alle durch das geprägt, was wir in den ersten Jahrzehnten unseres Lebens gesehen und erlebt haben. Cornelia Coenen-Marx wurde 1952 geboren. Sie wurde Pfarrerin, hat viel gesehen, viel erlebt, vieles mitgestaltet.

Und in einem Gespräch sagte sie mir, dass die Diakonie durchaus zu ihren Herzensthemen gehört. Diakonie – für viele ein eher diffuser Begriff. Seit der Mehrteiler „Charité“ über die berühmte Berliner Klinik mit den noch berühmteren Ärzten im Fernsehen lief, für viele Menschen auch ein diffuser Sehnsuchtsort, Heimathafen: Immer wieder sagten dort Krankenschwestern, sie gingen „zurück ins Mutterhaus“. Das erste  Mutterhaus aller Diakonissen liegt in Düsseldorf-Kaiserswerth – dort lernte übrigens auch unter anderem auch die „Begründerin der modernen westlichen Krankenpflege“, wie wikipedia sagt, die Engländerin Florence Nightingale, die Grundlagen ihrer Arbeit. Und Coenen-Marx leitete 1998 bis 2004 als „theologischer Vorstand“ genau diesen Ursprungsort diakonischer Arbeit, war damit auch Vorsteherin der Kaiserswerther Schwesternschaft.

Das ist vor allem darum im Hinblick auf das hier vorgestellte Buch wichtig, weil Coenen-Marx ihr eigenes „Geschenk des Älterwerdens“ in jedem Fall noch nutzen möchte, ihre sehr lebendigen Vorstellungen von Diakonie weiterzugeben. Sie lebt also quasi genau das vor, was sie im Buch beschreibt: Als Pfarrerin repräsentiert sie natürlich auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Anstellungsverhältnis weiterhin die Evangelische Kirche. Nun aber hat sie sich, im „Rentenalter“, aber keineswegs als „Rentnerin“ als Inhaberin ihrer neuen Agentur „Seele und Sorge“ selbstständig gemacht. Dabei geht es ihr unter anderem „um die Entwicklung diakonischer Identität, um Spiritualität und Ethik in der Führung, um die Zusammenarbeit in neuen und tragfähigen Kooperationen und die Förderung des freiwilligen Engagements.“

Und mit ihrem eigenen Verhalten setzt Coenen-Marx eine weitere Forderung im Gedanken-Kanon des „neuen Älterwerdens“ um: Sie definiert Arbeit neu. Und nimmt dabei ihre eigenen Worte sehr ernst: Es gehe darum, „sich noch einmal auf den Weg zu machen und weiter zu geben, was die Summe unseres Daseins ist“, hat sie geschrieben. Das tut sie beispielsweise auch mit ihrem Angebot der „diakonischen Pilgerreisen“: „Seit ich Vorsteherin in Kaiserswerth war und erleben durfte, welche Kraft diese alten Mauern geben können, habe ich das Projekt ‚Diakonische Pilgerreisen‘ im Kopf“, beschreibt sie dort den Beginn ihrer neuen Arbeit. Womit sich für mich ein Kreis schließt. Denn da geht es um genau jene „Kraftorte“, von denen Coenen-Marx in ihrem Buch noch sehr viel mehr beschreibt, als sich in einer Pilgerreise wohl je besuchen lassen können.

So viele Projekte, die Mut machen!

Neben all den klugen Gedanken und plastischen, praktischen Lebenserkenntnissen, die sie in ihrem Buch darlegt, ist darum genau das einer jener Mutmach-Punkte, die das Buch für mich regelrecht wertvoll machen: Es  lässt sich tatsächlich auch wie ein Kompendium von Projekten, Orten, Denkansätzen und Lebensmodellen des „neuen Alterns“ lesen.

Ganz im Sinne etwa von Lisa Frohn, die in #Ran ans Alter!“ so vehement „öffentliche Räume“ für das selbstbestimmte, neue Älterwerden fordert, denn – so Frohn – „unser Generationen-Wir ist auch wichtig, um gleichberechtigt mit anderen Wir-Formationen kommunizieren zu können.“ Das hat Coenen-Marx ähnlich beobachtet: „Oft sind es die Älteren selbst, die Initiative zeigen“, hat sie festgestellt und sieht die „neuen Wohnprojekte, die Seniorenwohngemeinschaften, Mehrgenerationenhäuser, Nachbarschaftsprojekte und Beginenhöfe“ ebenso als „Herausforderungen für die Gesellschaft und die einzelnen“ wie auch die „vielen generationenübergreifenden Projekte“, die im besten Fall gleich auch noch „Neues stiften“ können. Von Beispielen solcher Projekte wimmelt dieses Buch geradezu – das meinte ich mit „Kompendium“, mir juckt es regelrecht in den Fingern, mir Listen all dieser spannenden Projekte anzulegen. Und nach dem Lesen nehme ich mir fest vor, diesen Beispielen im Einzelnen so gründlich wie möglich nachzugehen, sie vorzustellen, hier im Unruhewerk oder woanders…. Das wird sich zeigen. Denn das macht mir wirklich Mut: zu sehen, wie allerorten das Älterwerden neu überdacht wird. Als „Geschenk“ oder Denkanstoß, Aufbruch zu Neuem, Gemeinsamem, Übergreifenden…. Und dabei wird nichts beschönigt –  das ist eine wichtige Voraussetzung, sonst würde der „neue Aufbruch“ auch kaum gelingen.

„Ich möchte jederzeit aufbrechen können“

Einer meiner Lieblingssätze aus dem Buch von Coenen-Marx ist: „Selbstbestimmung und Angewiesenheit sind keine Gegensätze. Noch im Sterben geht es darum, beides in eine gute Balance zu bringen.“

Nur, wer so denken kann, hat auch den Blick frei auf das ganz Große – etwa die Spiritualität in all ihren Formen. Und auf das ganz Kleine – den Rollator zum Beispiel. Coenen-Marx widmet ihm ein ganzes Kapitel, findet es wenig verwunderlich, dass er von einer Frau – der Schwedin Aina Wifalk – erfunden wurde, setzt ihn in Beziehung zu eigener Krankheit, einem beliebten Konfirmationsspruch, kommunalpolitischer Nachlässigkeit bei Ampelschaltungen, öffentlichem Nahverkehr und dem Wunsch Menschen jeden Alters, weiterhin reisen zu können. Für sie selbst gilt: „Ich möchte jederzeit aufbrechen können“ – und meint damit nicht nur das Reisen, sondern ebenso das Lernen, die physische Selbstfürsorge, den Umgang mit dem eigenen „Zeitbudget“ oder die aktive Kontaktpflege.

Diesem Wunsch schließe ich mich nahtlos an – und bedanke mich herzlich bei Cornelia Coenen-Marx für die Fülle an Anregungen, die sie mir dazu (mal wieder, wie etwa auch mit ihrem Buch „Aufbrüche in Umbrüchen„) gegeben hat. Denn wenn dieses „Jederzeit-Aufbrechen-Können“ eine reelle Chance hat, verliert das Älterwerden – jedenfalls für mich – schon sehr viel von seinem Schrecken. Dass es auch ein Geschenk sein kann, ist ein Gedanke, der unbedingt mehr als einmal gedacht, laut ausgesprochen und gelebt werden sollte.

Das Buch

Cornelia Coenen-Marx: Noch einmal ist alles offen. Das Geschenk des Älterwerdens.
Aus der Verlagsankündigung: “ … genau hier, bei den Menschen in der ‚Dritten Lebensphase‘, schlummern enorme zivilgesellschaftliche Potenziale. Das lustvolle Entdecken und Leben dieser Potenziale ist für die Autorin nicht möglich ohne spirituelle Motivation….“. Hier direkt beim Verlag (Kösel/Random House) zu bestellen, hier bei amazon.

Netzwerke des Älterwerdens

Da ja auch wir ein nicht unbeträchtliches Netzwerk bilden – das Unruhewerk wird zu meiner überaus freudigen Überraschung neben Elvira Löbers Septemberfrau sogar im Buch genannt, hier Elviras Buchrezension. Und selbstverständlich beschäftigt sich auch Petra Schuseils Blog „wesentlich werden“ mit dem Buch, nämlich hier.

 

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