Konflikte als Chance

Aaargh, Hilfe! Ich hab so viele Ichs! Das eine will unbedingt Sicherheit, wenigstens endlich irgendwo „ankommen“, das andre ist eine waschechte Rebellin, das dritte will spielen und nie erwachsen werden. Und das vierte träumt davon, eine gleichzeitig besonnene und verrückte Alte zu werden…. das sind natürlich noch lang nicht alle, nur eine kleine Auswahl, um euch nicht völlig zu verwirren. Das alles ist nichts Neues für mich. Nur: Die werden dummerweise ja auch noch älter. So wie ich. Darum hab ich das Unruhewerk erfunden.

Hilfe! So viele Ichs! So viel Konflikt-Potential!

Neu ist jetzt, dass ich mir in den Kopf gesetzt habe, bei der Blogparade von Christina Wenz Mediation mitzumachen. Das Thema reizt mich – im wahrsten Sinn des Wortes. „Konflikte als Chance“ heißt es. Es reizt mich. Bedeutet: Es regt mich auf UND an. Was mich aufregt, ist, dass ich dahinter einen weiteren der verflixten Selbstoptimierungs-Ansätze vermute, denen ich künftig unbedingt aus dem Weg gehen will. Das Thema regt mich aber auch an. Denn es ist ja ganz sicher kein Zufall, dass ich mit 55 hier grade anfange, mich komplett neu zu erfinden. Dahinter steht nicht EIN Konflikt, sondern eine ganze Konflikt-Armee.

Gut. Mal näher hingucken. Konflikt Nummer eins ist: Wer von den vielen konfliktbeladenen Ichs darf hier jetzt mal zu Wort kommen? Ziemlich laut ist das beleidigte, einst angestellte „Ich-will-Gebraucht-Werden-Ich“. Zugegeben: Es hat den längsten Leidensweg hinter sich. Es war ehrgeizig, ziemlich gut in seinem Job. Aber auch sehr, sehr doof: Es hat nicht gemerkt, wie es sich immer weiter verbogen hat, bis es kaum noch existent war. Gestorben sozusagen an gebrochenem Rückgrat. Dass es dann auch noch drauf bestand, seine Arbeit immer und unter allen Umständen mit Leidenschaft machen zu wollen, hat ihm den Rest gegeben: Es wurde zum leichten Spielball für Kollegen, die sich neben so viel Leidenschaft ganz glanzlos werden sahen…. den Rest nennt man Mobbing.

Da hör ich schon das stolze „Ne-ich-geb-Fehler-doch-nicht-öffentlich-zu-Ich“ schreien. Das ist noch untertrieben. Es tobt regelrecht, will dem ersten Ich den Mund am besten ganz dick mit Klebeband verpappen…. Klare Sache: Die beiden haben ziemlich große Konflikte. Ich glaube, die zwei sind es, die im Moment den meisten Lärm veranstalten.

Aber es gibt noch andere, ältere. Die haben sich scheinbar arrangiert. Haben gelernt, sich „gut“ zu benehmen: Mit 55 ist man kein Punk mehr, rebelliert nicht, macht sich nicht lächerlich, indem man versucht, an alte Ideale anzuknüpfen. Mit 55 ist man – bitteschön! – vernünftig. Und ruhig. Da ist also das „Ich-will-mich-nicht-blamieren-Ich“. Ihm gegenüber – und in sehr aktiver Boxbereitschaft – steht das uralte „Das-kann-doch-noch-nicht-alles-gewesen-sein-Ich“ im Ring. Letzteres ist noch ziemlich klein, denn ich hab ihm lange nicht erlaubt, den Mund aufzumachen…Ich will doch schließlich ernst genommen werden. Denn ein Problem, das wir alle gemeinsam haben (ihr, ich und meine Ich-Armee…): Wir werden älter. Und wie verhält man sich da am besten?

Okay. Also: Geschrei, Boxkämpfe, Konflikte überall. Doch dann passiert was Wundersames. Wo erst nur zwei, drei Leutchen um den Kampfplatz herum standen, immer dieselben: die Bedenkenträger, die Hamsterrad-Renner und die Kopf-in-den-Sand-Stecker, kommen auf einmal immer mehr Zuschauer zusammen. Sie kommen wie aus dem Nichts. Es ist, als hätte ich sie nie vorher gesehen. Oder sie sind Schatten alter, vertrauter, doch lang vergessener Gedanken. Da ist der gesetzte Herr mit Hut, der sagt: „Ich bin dein Bauchgefühl. Auf mich kannst du dich verlassen.“ Und die Vogelfrau mit buntem Federkleid, die zwitschert: „Hör auf mit dem Selbst-Optimierungs-Quatsch! Ist alles schon ganz richtig, wie du bist. Du bist du. Und das ist gut so.“ Und ein scheuer Maulwurf, der mir zuraunt: „Hab keine Angst. Dich gibt’s nur einmal. Du bist unverwechselbar.“ Irgendwas fliegt durch die Luft. Ideen, das sind Ideen! Ich hab nicht drum gerungen wie sonst so oft. Nein, sie sind plötzlich da. Woran mag das liegen? Könnte sein, dass es eine logische Reaktion darauf ist, dass ich meine ganzen Bestien, die so laut toben und sich schlagen wollen, dass ich die endlich frei gelassen habe? Dass ich ihnen erlaubt habe, sich zu zeigen? Dass ich nicht mehr meine ganze Energie darauf verwenden muss, sie im Zaun zu halten? Dass dadurch Kraft freigesetzt wird? Mit der ich tatsächlich spielen kann – wenn ich das möchte. Wenn ich mich wohlfühle damit.

Nein, dies ist kein Märchen. Und in Wirklichkeit ist mir natürlich gar nichts zugeflogen. Das ist hart erarbeitet. Aber es sind meine Ressourcen, diese netten Zuschauer, die da plötzlich um den Boxring rumstehen: Die Phantasie, die Kreativität, die hatte ich immer schon. Die sind Teil meines Kapitals. Ich dachte halt nur viel zu lange ICH MUSS (brav sein, anständig, ruhig, geordnet und sortiert, pflegeleicht, effektiv… bitte selbst ergänzen!). All die kleinen, tobenden Monster sind lauter solche Muss-Gedanken – nur sie produzieren meine Konflikte. Und die Chance ist ganz einfach: Lass deine Konflikte leben – du optimierst dich sowieso nie. Und ohne Konflikte bist du tot. Wenn du aber nicht deine ganze Energie in die Bändigung der kleinen Miststücke steckst, sondern sie einfach toben lässt, dann kommen auch nettere Wesen um die Ecke. Oder: Vielleicht waren die netten Wesen immer schon da. Du hast sie nur nie (oder schon lange nicht mehr…) gesehen, weil du viel zu beschäftigt warst mit deinen Monstern. Und damit hast du der Chance keine Chance gegeben.

Und wisst ihr, was das Allerschönste ist: Älterwerden an sich ist schon solch eine Chance. Man kann nicht mehr so schnell laufen, kommt darum auch weniger in Versuchung, all diesen Ich-Schlingeln hinterher zu rennen…. Man kann ziemlich gelassen da in seinem eignen Boxring stehen. Braucht sich nur ab und zu zu fragen: Will ich das? Tut mir das gut? Na ja, davor steht leider schon noch ein Mut-Schritt. Nämlich der, die Monster aus ihren Käfigen zu lassen…. Aber: Haben wir es denn noch nötig, „Gefangene“ zu machen? In unsrem Alter?!

 

4 Kommentare


  1. Liebe Maria,
    der Beitrag ist ganz wundervoll und amüsant geschrieben, wenngleich ich nur bedingt über das „Älter-geworden-sein“ mitreden kann. Doch ist dieses hin und her zwischen den vielfältigen „Ichs“ wirklich altersabhängig?
    Ich persönlich halte mich seit jungen Jahren gerne an den Ausspruch einer tollen Bekannten, die mit damals kurz vor der 60 sagte:
    Mit 30 beginnen die schönsten Jahre einer Frau,
    mit 40 die besten und
    mit 50 fängt das Leben gerade erst an.

    Irgendwie hatte ich vielleicht genau deswegen nie die „Sorgen“ anderer Ladies vor der nächsten großen „0“… im Gegenteil, ich freu mich auf die 40.
    Liebe Grüße – und bitte weiter machen mit den tollen Texten.
    Sabrina

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    1. Liebe Sabrina, ich danke dir sehr!!! Ja, sicher hast du Recht: Das meiste ist nicht abhängig vom Alter. Seh ich auch so, hab ich immer so gesehen…. Hatte sogar wie du früher so einige Vorbilder oder zumindest Menschen in meinem Umfeld, die ich toll fand. Und die 20 – 30 Jahre älter waren als ich. AAABER: Wenn man dann selbst älter wird, kriegt das alles noch mal einen ganz andren „Dreh“…. Darum hab ich dieses Blog gestartet. Um festzustellen, wie andre die Sache sehen. Ganz toll ist es, wenn das dann sogar altersunabhängig funktioniert! Was ich gar nicht zu hoffen gewagt hätte….
      Hab ein schönes Wochenende!
      Lieben Gruß
      Maria

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  2. Liebe Maria, ich bin sehr glücklich, dass Du die Einladung zu meiner Blogparade entdeckt hast und dabei bist! Dein Beitrag ist super toll, ich bin total begeistert. Du hast eine wunderbar angenehme Art zu schreiben und Dein Text ist spitze – Ich denke darin erkennen sich alle Leser sehr sehr gut wieder! Diese Konflikte kennen wir alle, denke ich! Toll, dass Du so mutig warst, sie mit uns zu teilen! Einfach klasse! Ich danke Dir sehr und sende Dir ganz liebe Grüße, Christina Wenz

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    1. Liebe Christina, das freut mich sehr!
      Herzlichen Gruß
      Maria

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