Beruflicher Neustart 50plus

Wer glaubt hier noch an Märchen?

Lange Zeit hab ich sie ja geglaubt, all die Märchen, die einem so erzählt werden…. Nicht nur als Kind. „Du bist kurzsichtig? Macht nichts. Im Alter wird jeder weitsichtig. Da hebt sich das bei dir dann wieder auf.“ Haha! Heute habe ich eine Gleitsichtbrille.

Oder: Wer fleißig ist, halbwegs gut ausgebildet, ab und zu die Zähne zusammenbeißt und sich insgesamt nicht allzu dämlich anstellt, der wird dann, wenn die Kräfte nachlassen, wenn das Älterwerden seine Tribute fordert, immerhin seine „Schäfchen im Trockenen“ haben: gut abgesichert, mit einer Rente, von der sich leben lässt. Gehälter stiegen mal mit dem Älterwerden an, Urlaubstage nahmen zu – erinnert sich noch jemand? Für einige, die heute über 50 sind, mag das auch noch stimmen: eigenes Häuschen, gute Rente in Aussicht. Doch das ist schon lang nicht mehr die Regel. Und wird es jedes Jahr weniger.

Es ist schrecklich, wenn Menschen der sogenannten „Generation Y“ mit dieser Aussichtslosigkeit schon aufwachsen müssen. Ein Beispiel dafür ist Alix Faßmann, Jahrgang 1983. Sie hat ein bitterböses Buch darüber geschrieben: „Arbeit ist nicht unser Leben“ (erschienen bei Bastei-Lübbe, mehr darüber hier). Daraus nur zwei Kapitelüberschriften „Karriere macht dumm“ und „Arbeit macht arm“. Untertitel: „Anleitung zur Karriereverweigerung“, weil – grob gesagt – jeder zum Scheitern verurteilt sein MUSS, der auch nur versucht, Karriere zu machen. Aus ihrer Sicht kommt erschwerend dazu, dass wir „Alten“ sowieso überall den Weg blockieren. Kann ich alles nachvollziehen. Aber um das Buch soll es hier gar nicht gehen.

Der berufliche Neustart mit 50plus ist nicht immer so einfach.... Foto: http://de.123rf.com

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Beruflicher Neustart 50plus

Noch viel bitterer wird die Sache nämlich, wenn man sich mehr oder minder erfolgreich vierzig oder fünfzig Jahre lang dieser alten Hoffnung hingegeben hat, es könne doch noch alles gut werden. Und dann erkennen muss: Nein. Wird es nicht. Nicht für mich. Da hat man dann weder den „Generationenzusammenhalt“ derer, denen es allen mehr oder weniger so ähnlich geht. Da glaubt man – lang und heftig – „nur ich hab versagt! Es ist allein meine ‚Schuld‘. Die andren schaffen es doch alle.“ Oder so ähnlich. Je nach Temperament. Da hat man große Schwierigkeiten damit, zu erklären, wie DAS denn nur passieren konnte. Will nämlich niemand hören. Viele ahnen, dass so etwas passieren kann. Noch mehr haben Angst davor. Verdrängung, ganz einfach.

Nun, mir ist es passiert. Zu viel Herzblut im Angestelltendasein kann ganz schnell zu Mobbing führen. Damit stehe ich nicht allein. Konsequenz: langwierige Krankheitsschübe. Noch eine weitere Krankheit dazu – und du bist für ziemlich lange Zeit lahmgelegt. Anderen Menschen mit „50plus“ geschehen andre schlimme Dinge: Ehepartner verlassen, betrügen, treiben in Krankheit und/oder Ruin, Finanzen geraten aus dem Lot – aus welchen Gründen auch immer. Es gibt viele Ursachen. Allen gemeinsam ist: Plötzlich bist du über 50, stehst vor einem Schutthaufen. Und musst sehen, wie du „neu durchstarten“ kannst. Wenn du die Kraft dazu findest. Dies sind die „worst cases“.

Es gibt viele Gründe….

Doch es geht auch anders: Mit über 50 erkennst du plötzlich, dass dir was fehlt. Dass du dein Leben eigentlich ganz anders leben, deine Energien anders verteilen wolltest, dass du deine Ziele noch lange nicht erreicht hast, kurz: Dass es höchste Zeit ist, etwas zu ändern. Was ich sagen will: Es gibt sehr viele unterschiedliche Gründe, um mit über 50 noch mal ganz neu und/oder anders „durchzustarten“. Dieses „Durchstarten“ ist schon eine Art Beschönigung, denn niemand ist mit 50plus noch so schnell wie mit 20. Aber ich lass das Wort mal so stehen, denn nach meinem Empfinden trägt es genau die Menge an Energie in sich, die es braucht, um dieses Unterfangen überhaupt beginnen zu können.

My way: ab in die Selbstständigkeit

Und was dann? Dann solltest du dir erst mal selbst sehr viele Fragen stellen, Bestandsaufnahme(n) machen, Freundschaften sortieren oder neu schließen, Rat und Hilfe suchen. Und noch viel mehr… Diesen Prozess will ich versuchen, in den nächsten Beiträgen dieser kleinen Serie zu beschreiben. Mit hoffentlich guten Tipps. Und ganz und gar subjektiv (wie immer…) Denn natürlich beschreibe ich meinen Weg, meine Gedanken, was sonst? Mein Weg führte nach 15 Jahren Festanstellung in die Selbstständigkeit. Wie das holperte und stolperte, darüber werde ich noch berichten.

 

Im nächsten Teil dieser kleinen Reihe über den beruflichen Neustart mit 50plus geht es um Kontakte aller Art….

16 Kommentare



  1. Hallo,
    habe nun einige Deiner Artikel gelesen. Du machst da ein Riesending aus Deinem Neuanfang. Ja, das überrascht ich. Denn ich habe in den letzten 25 Jahren mehrfach einen Neustart machen müssen/wollen. Das fand ich eigentlich ganz normal.
    Ich bin jetzt 60 Jahre alt. Ich habe auch in den letzten Jahren nicht das Gefühl gehabt, dass ich aufgrund meines Alters keinen Job mehr kriegen würde. Ich kenne da so einige Frauen (und Männer) älteren Semesters, die auf dem üblichen Weg einen Job gefunden haben. Schließlich haben wir hier nicht einmal mehr 7% Arbeitslosigkeit. Das ist fast Vollbeschäftigung!
    Ich erlebe es, auch im Zusammensein mit Jüngeren, dass das Alter den Vorteil größerer Erfahrung bietet, mehr Offenheit und Toleranz mit sich bringt.
    Wichtig ist: Niemals sagen: „Ich bin zu alt, um…“ und möglichst optimistisch und positiv sein. Das strahlt aus. Gerade bei Bewerbungen ist das sehr wichtig. Wenn jemand sich beklagt, dass er keinen Job kriegt, aus welchen Gründne auch immer, dann merke ich häufig und sehr schnell; Das ist jemand, der eher pessimistisch ist, der jammert und manchmal die Schuld anderen an seiner/Ihrer Misere gibt.
    Ach, ich glaube, ich möchte auch bald mal einen Artikel dazu schreiben.
    Beste grüße
    Ulrike

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    1. Liebe Ulrike,
      das freut mich ehrlich! Ich finde es wunderbar, endlich mal ein Gegenbeispiel zu lesen – und bin sehr gespannt auf deinen Beitrag! Was mich angeht: Ich habe ja nie behauptet, über was anderes zu schreiben als über meine eigenen Erfahrungen. Und die sind halt, wie sie sind… Dass ich das so ausführlich mache, hat den einfachen Grund, dass ich mich durch viele Reaktionen darin bestärkt sah. Weil es offensichtlich Interesse am Thema gibt. Sooo ausführlich und Ich-bezogen hatte ich das alles anfangs gar nicht geplant. (Ist ja immer eine Gratwanderung in so einem Blog: wie viel, wie persönlich, wie nützlich und für wen….?)
      Herzlichen Gruß
      Maria

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    2. Hallo Ulrike,
      Du scheinst ferab der „Welt“ zu sein. Es spielen doch soviele
      Kriterien eine Rolle.
      Heutzutage ist schon mit 45J „Feierabend“.
      – Es gibt nämlich nicht genügend Arbeitsstellen
      – prekäre Beschäftigunen oder Jobs bis 1050 Euro schon.
      – es gibt Menschen, die Ihren Lebensstandard auf Ihren eigentlich
      guten Beruf (manchmal 1/2 Ausbildungen oder auch Akademiker-Berufe ) haben
      – Sie haben ein höheres Gehalt und rutscht Du ab…

      Denn es trennen Dich nur 1 Jahr von Hartz IV, darfst Du erstmal
      an Dein Eingemachtes gehen.

      – bist Du womöglich noch chronisch krank oder sonstwas, hat
      die „liebe Arbeitsagentur“ noch Deine kpl. Gesundheitsdaten
      – funkt von hinten in Dein Berufsleben

      Wie gesagt, Dein Optimismus ist Klasse, aber ich behaupte
      fest, Du weisst nicht gut Bescheid und hast wenig Ahnung.

      Mit Optimismus hat dies nichts zu tun, sondern mit Arroganz
      und Unwissenheit.

      Es freut mich für Dich, dass Du immer einen Job gefunden hast.

      Wie bist Du ausgebildet?
      wie ist Deine Gehaltsklasse?
      bist Du gesund?
      kennst Du Dich mit der Gläsernheit aus?
      kennst Du Verbis? die Datenbank in der alles steht?

      Ich könnte mich endlos dran halten.

      – was hälst Du von den prekären Callcentern, die wie
      Pilze aus dem Boden schiessen?
      – wo in ALLEN Callcentern, die Menschen zw. 12 Tagen und 21 durcharbeiten? mit 1 GANZEN TAG frei dazwischen.
      – 365 Tage rund um die Uhr
      – an allen Feiertagen /Wochenenden arbeiten.
      – das alles für ca. 1050,– Euro im Monat/ca. 250,– mehr als Hartz IV.

      Ehrlich gestanden, hat mich Dein Text ernsthaft angewidert!

      Ich wünsche Dir alles Gute und vor allem mehr Wissen.

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      1. Liebe Gina, deutliche Worte! Aber du hast völlig recht: Manchmal müssen die einfach sein. Ich sehe Blogs ja vor allem als Möglichkeit, sich gegenseitig von den eigenen Erfahrungen zu erzählen – etwas anderes geht auch kaum in einer Welt, die immer komplizierter wird…. Genau das tust du – dafür bin ich dir sehr dankbar. Jeder von uns macht seine eigenen Erfahrungen, kaum eine gleicht der anderen. Ulrikes Erfahrungen sind nun mal ganz anders als unsere… und mir ist völlig klar, dass es einen Punkt gibt, an dem einen zwangsläufig noch der größte Optimismus verlassen muss. Für mich war das der bitterste Punkt. Denn danach war in meiner Vorstellung kaum noch ein „Morgen“ möglich…. Und darum wünsche ich dir vor allem, dass du ein wenig wieder bekommst von dem, was uns alle irgendwie trägt… nenn es Optimismus oder Humor, Lebensfreude oder irgendwie anders.
        Alles Gute und einen herzlichen Gruß
        Maria

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    3. So wie Ulrike geht es mir als fast lebenslang Selbstständiger. Ich habe öfter neu angefangen – weil ich in ein anderes Land gezogen bin und wieder in ein anderes, weil sich Bedürfnisse bei Kunden änderten oder ich Neues lernen wollte oder sich der Markt für etwas grundlegend änderte. Zwischendurch hatte ich öfter mal das Wehklagen, dass ich doch lieber eine Festanstellung wollte, um endlich mal durchschnaufen zu können – aber wenn ich dann Geschichten wie deine lese, gibt es die „Fest“anstellung ja auch nicht mehr.

      Mein Alter sehe ich dabei übrigens als Vorteil: Ich prüfe finanzielle Risiken besser als mit 20. Ich schreibe einen Businessplan schneller und leichter als mit 30. Ich habe eine immense Erfahrung gesammelt, die nicht nur mir nützt, sondern die ich auch weitergeben kann. Und ich mus zugeben – ich bin inzwischen recht unempfindlich der Frage gegenüber, was wohl im Alter mit mir geschehen wird.
      Ich wünsch dir viel Energie und Optimismus und bin neugierig auf weitere Blogbeiträge,
      Petra

      Und natürlich kommen auch die Durchhänger, vor allem angesichts der Bürokratie. Auch da habe ich im Laufe meines Lebens gelernt: Einzelkämpferinnen haben es schwer. Nie war es so leicht, sich Verbündete zu suchen, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Ob man sich gegenseitig ganz praktisch hilft oder sich einfach mal gemeinsam ausheult – es tut gut!

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  2. Liebe Maria,

    ein wichtiges Thema und ein mutmachender Beitrag! Und dazu noch mitten aus dem (Deinem) Leben gegriffen.
    Ich bin gespannt auf Deine Serie, die ich gerne teile. Zu mir kommen vor allem Frauen, die mit 50 endlich ihren eigenen Weg gehen wollen und den Weg in die Selbständigkeit wählen. Sie brauchen Vorbilder und eines davon bist Du.

    Herzliche Grüße von Mutmacherin zu Mutmacherin
    Ulrike

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    1. Liebe Ulrike, o! Ein solches Lob aus DEINEM Mund!!! Das macht mich fast verlegen! Aber da bin ich leider wie viel zu viele Frauen. .. Es kostet regelrecht Überwindung, sich die eignen Verdienste bewusst zu machen. Und da ist es immer gut zu wissen, dass es Menschen wie dich gibt… Aber du hast schon Recht: Mut machen will ich auch. Manchmal aber auch einfach nur „aufräumen“… Diese kleine Serie wird von beidem etwas sein…

      Herzlichen Gruß
      Maria

      Antworten

  3. Ich hab noch einen zu bieten. Meine Mutter sagte mir: „Was du bis dreißíg nicht gelernt hast, lernt du nicht mehr“ *lach*, ja das war so die Nachkriegsdenke.

    Fakt: Auch ich musste mit 50 einen totalen Break machen. Ich war zwar schon seit Mitte Dreißig selbstständig, merkte aber plötzlich, dass in meinem Bereich ohne Internet nichts mehr geht. Ich habe die letzten Jahre enorm viel dazu gelernt und das Lernen geht ständig weiter. Ich hoffe auch noch mit 70+, 80+ und mehr.

    Danke für das Mutmachen hier – ich bin auf die Serie gespannt!

    LG Sylvia

    Antworten

    1. Liebe Sylvia…. ja, manche Märchen halten sich hartnäckig. .. Aber grade, was das Internet angeht: falscher geht gar nicht! Ich find ja auch immer, da kriegt der seniorengerecht-romantische Begriff vom „lebenslangen Lernen“ noch mal eine völlig andre Bedeutung. Vor allem, weil du ja so gut wie nie gefragt wirst, ob du das überhaupt WILLST..
      Aber wir schaffen das – allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz!
      Herzlichen Gruß
      Maria

      Antworten

  4. Liebe Maria,

    oh, was wird eine spannende Serie, so wie du hier durchstartest.
    Darauf freue ich mich sehr.
    Diese Zeilen habe ich mit Gleitsicht-Kontaktlinsen 🙂 geschrieben.

    Alles Liebe,

    Ulrike

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    1. jaja, so ist das mit den Märchen…. Da wird dir immer die Hälfte verschwiegen. Wusste gar nicht, dass es so was gibt!!! Gleitsicht-Kontaktlinsen, meine ich….

      Und die kleine Reihe handelt ganz allein von meinen subjektiven Erlebnissen und Gedaanken. Allerdings bin ich grad wirklich baff darüber, wie groß das Interesse am Thema ist…Hier und auf FB. Allerorten rufen mir Menschen über 50 zu: „Hab ich auch gemacht/mach ich grade…“ Das gibt mir schwer zu denken. Na vielleicht bedeutet „Gleitsicht“ ja auch so was wie Hellsicht…

      Dank dir! Und: Lieben Gruß
      Maria

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  5. Liebe Maria,
    ich bin gespannt auf die Serie! Es heißt ja immer die deutschen Arbeitgeber würden längst auch Mitarbeiter über 50 einstellen. Das scheint bei vielen noch nicht angekommen zu sein.

    Ohne all zu sehr aus dem Nähkästchen zu plaudern, ich kann deine Sätze alle nachvollziehen.

    Liebe Grüße
    Renate

    Antworten

    1. Liebe Renate,
      pssst… nix vorweg nehmen 😉
      Aber: Ja, ist leider auch meine Erfahrung (Mist, jetzt hab ichs doch getan!)
      Herzlichen Gruß
      Maria

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  6. Liebe Maria,

    das erste Märchen stimmt bei mir. Ich war kurzsichtig (-2,5, also nicht so stark) und kann heute vollkommen auf die Brille verzichten. Das ist wunderbar.
    Bei allem anderen gebe ich dir recht. Bei mir wurde mein Mann schwer krank. Unsere Firma ging den Bach runter und es blieben nur noch Schulden. Ich habe dann all meinen Mut zusammengefaßt und mich mit Mitte 50 in einem Beruf, den ich nicht gelernt hatte, der mir aber höllisch Spaß machte, selbstständig gemacht. Es ist auch ein bißchen „aus der Not eine Tugend machen“. Wer gibt einer Mitte 50jährigen noch einen anständigen Job?
    Am Dienstag erscheint zum gleichen Thema ein Beitrag bei mir unter dem Titel „Wenn nicht jetzt, wann dann?“.
    Ich kann allen, die in späten Jahren einen beruflichen Bruch erleben, nur Mut machen, das auch als Chance zu sehen.

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    1. Liebe Karin, is ja witzig… zwei Seelen, ein Gedanke… Bin gespannt auf deinen Beitrag!
      Und: Ja, ich weiss, dass es viel mehr „Betroffene“ gibt, als man gemeinhin denkt…
      Umso mehr: Zeit, dass wir endlich laut drüber reden. Denn – wie ich versucht hab zu beschreiben – ich fürchte schon, dass da die „Schamgrenze“ völlig ungerechtfertigt bei vielen ziemlich hoch liegt. Und auch dieses Thema gehört unbedingt zum „Sichtbarbleiben“ beim Älterwerden, finde ich….
      Herzliche Grüße
      Maria

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