Beruflicher Neustart 50plus: Kontaktpflege – kleiner Ratgeber


Falle Nummer eins

Ich habe mir ja vorgenommen, meinen Weg aus der Festanstellung in die Selbstständigkeit mit „50plus“ zu beschreiben – sozusagen ein kleiner Ratgeber, geboren aus eigenen Erfahrungen….

15 Jahre lang war ich fest angestellt, in einem großen Verband. Da geschah, was geschehen musste: Was man im Internet die „Filterbubble“ nennt, dieses Phänomen, dass du im Netz immer nur zu sehen kriegst, was Provider, Anbieter, Suchmaschinen etc. für deine Vorlieben halten – dieses Phänomen ist schon viel älter. Man nannte es früher schlicht „Betriebsblindheit“. Firmen haben Kooperationspartner, deine Chefs arbeiten zusammen mit „Entscheidungsträgern“ andrer Firmen, direkt neben, unter oder über dir hast du mehr oder weniger immer die gleichen Kolleg/innen…. Diese Menschen hast du im Blick. Musst du im Blick haben. Mehr noch: Du musst wissen, wie sie „ticken“, was sie mögen und was nicht.

Du lebst und arbeitest in einer geschlossenen Welt. Und auch wenn du denkst, dass du dort eine ziemlich große Zahl an Kontakten – vielleicht gar zu Menschen aus andren Abteilungen, Arbeitsgebieten etc. hast, so habt ihr doch alle in der Regel nur ein Thema: Das Arbeits-Thema eurer Firma.

Das war meine „Falle Nummer eins“: Ich dachte, ich wäre Teil eines halbwegs verlässlichen Berufs-Netzwerks. Immerhin war das über Jahre gewachsen,  gemeinsam war man durch viele Höhen und Tiefen gegangen.  So was verbindet doch, oder?

Der berufliche Neustart mit 50plus ist nicht immer so einfach.... Foto: http://de.123rf.com
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Falle Nummer zwei

Ich war tatsächlich stolz darauf, ein großes Netzwerk innerhalb „der Firma“ zu haben. Und, ja: Es umfasste durchaus Menschen verschiedenster Arbeitsgebiete. Ich hab sogar „Externe“ für einzelne Jobs oder längere Projekte eingestellt, angeleitet, begleitet. Auch die interne Kommunikation gehörte zu meinen Arbeitsbereichen, ich hab nachgefragt und vermittelt, zusammengeführt und über Abteilungen hinaus gemeinsame Projekte auf den Weg gebracht.

Nie hatte ich dabei das Gefühl der „Betriebsblindheit“. Und doch gab es sie. Natürlich. Der kleinste gemeinsame Nenner war immer das Interesse an unsrer Arbeit für „die Firma“.

Dazu kam ein ungeheuer großer Loyalitätszwang: Nichts Schlechtes darf jemals „nach außen“ dringen. Das schweißt auf eine Weise zusammen, dass man es schon mal mit Gemeinschaft verwechseln kann.

Das war „Falle Nummer zwei“: Ich dachte wirklich, diese Menschen und ich, wir mögen uns, wir haben „echte Gemeinsamkeiten“. Nein, mit Freundschaft hab ich es nicht verwechselt. Aber gegenseitige Sympathie wäre ja schon mehr als genug gewesen für einen „guten Kontakt“.

Als ich dann nicht mehr zu „der Firma“ gehörte, war nichts mehr übrig von Sympathie, Gemeinsamkeit oder auch nur „Kontakt“. Mein Wert für andere bemaß sich ganz offensichtlich nur an meinem Wert innerhalb „der Firma“. Als der weg war, war auch mein Wert für andre weg. Das ist vermutlich menschlich: mit dieser Art der Kontaktpflege versuchen Menschen sich gegenseitig zu schützen – innerhalb geschlossener Systeme. Doch es war schmerzhaft. Ich hatte – blauäugig wie ich sein WOLLTE – nicht damit gerechnet. Wie in vielen andren Dingen wollte ich mir die Zwangsloyalität „schönreden“: zu einem Grundgefühl an Gemeinsamkeit mit ziemlich vielen Menschen. Doch so war es nicht. Hier also mein

Ratschlag Nummer eins

Rechnet immer damit, dass ihr über kurz oder lang das „geschlossene System“ verlassen müsst! Wenn ihr Glück habt, weil ihr in Rente geht. Doch auch dann fallen viele Menschen in ein tiefes Loch. Die Sache mit den „wertlos gewordenen Kontakten“ könnte ein Grund dafür sein. Wenn ihr Pech habt, verlasst ihr die Zwangsgemeinschaft eurer „Firma“, weil ihr gekündigt werdet….

Fragt euch bitte BEVOR das geschieht: Welche meiner „Kontakte“ sind mir so wichtig, dass ich sie auch außerhalb dieses geschlossenen Systems ab und zu gern treffen würde? Versucht, persönliche Anknüpfungspunkte zu finden. Und zu pflegen. Und mit etwas Glück halten die dann – auch über euer Ausscheiden aus „der Firma“ hinaus noch.

Und dann kam meine nächste Erkenntnis. Die hatte nun wirklich ausschließlich mit meinem Alter zu tun, besser gesagt: Mit der nachlässigen Art, Kontakte über Jahrzehnte zu pflegen. Oder eben nicht. Ab und zu mal eine Grußkarte oder ein Anruf – aus dem Festnetz. Irgendwann geht die Notiz mit Adresse oder Telefonnummer verloren…. Im schlimmsten Fall hast du sogar noch den Nachnamen deiner ehemaligen Schulfreundin vergessen. Oder sie hat (wieder) geheiratet. Sehe ich mir die Kids von heute an, hoffe ich, dass denen das nicht passiert. Dass sie die technischen Möglichkeiten gut nutzen. Und ihre Kontaktdaten speichern, am besten ihr Leben lang… Jedenfalls würde ich das heute so machen. Doch der Zug war für mich abgefahren.

So hab ich denn in meinem Gedächtnis gekramt… ziemlich erfolglos. Dann bin ich ins kalte Wasser gesprungen, hab mich bei Facebook und Co. angemeldet. Nach langem Zögern auch endlich mit meinem richtigen Namen…. Hab Kontakte gesammelt wie wild. Bin zu Barcamps und andren Netzwerktreffen gegangen.

Und was soll ich sagen: Es hat funktioniert! Zumindest kenne ich jetzt einige Menschen – im „wahren Leben“ oder nicht, die mir helfen können, Tipps geben, freundlich und aufgeschlossen sind… Dank an euch alle!

Ratschlag Nummer zwei

Nutzt die technischen Möglichkeiten des Internet! Und zwar vor allem grade dann, wenn ihr das bisher (noch) nicht gemacht habt. Nein: Dazu ist man nie alt!

Sucht gezielt berufliche Vernetzungsmöglichkeiten oder macht euch auf die Suche nach ehemaligen Schulfreunden. Macht euch schlau, welche Social-Media-Kanäle es gibt, welche ihr mögt, welche euch nützen könnten.

Das Schöne für mich dabei war und ist:  Das sind eben keine „geschlossenen Systeme“. Es ist völlig klar, dass man immer unterwegs ist, sich vielleicht morgen schon für andre Themen interessiert. Es gibt weniger Loyalitätszwänge. Und unfreundliche Menschen kann und sollte man einfach meiden.

Sicher: Es hat eine zeitlang gedauert, bis ich mich in dieser Welt zurecht fand. Bis ich die Marktschreier und Hohle-Luft-Produzenten erkennen und aussortieren konnte…. Doch es hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Wenn ich mich morgen selbstständig machen möchte, muss ich nicht mehr meinen verlorenen Kontakten aus der alten „Firma“ nachtrauern, muss (hoffentlich) noch nicht mal groß „Werbung“ machen, sondern kann mich auf mein virtuelles Netz verlassen, es weiter pflegen und ausbauen… Und das macht Spaß. Denn da ist auf keiner Seite irgendeine Form von Zwang dabei.

Ratschlag Nummer drei

Es  empfiehlt sich wirklich,  an dieser Stelle einen radikalen Schnitt zu machen: dort  Vergangenheit, hier Zukunft. Verlorene Kontakte und neue Kontakte. Ja, ich gebe es zu: Die alten Kontakte „abzuhaken“, war für mich extrem schmerzhaft. Weil ich so viel Lebens- und Arbeitszeit investiert hatte. Und weil es um Menschen geht. Doch die Alternative wäre ja, dem Verlorenen immer weiter nachzutrauern…. Wie soll da Neues entstehen?

Es hat auch was mit dem Selbstbild zu tun. Ich zum Beispiel halte mich für einen verlässlichen, treuen Menschen. Da fällt es schwer,  ehemalige Kontakte so einfach hinter sich zu lassen. Doch es war absolut notwendig , und – als ich die Zusammenhänge dann endlich aufdröseln konnte – auch sehr befreiend. Auf die Sache mit dem Selbstbild komme ich später noch mal zurück.

Ich schreibe ja grad an einer Art Ratgeber für den beruflichen Neustart 50plus… Im nächsten Teil wird es erst einmal um die Chancen und Risiken des Querdenkens gehen….

15 Kommentare


  1. Habe ich auch so erlebt, allerdings vor 15 Jahren. Da ging ich aus einer 10 jährigen Anstellung als Sozialmanagerin raus und machte mich selbständig. War schlimm. Tat weh. Da gab es sogar Kolleginnen die schlecht über mich redeten, meine Kompetenzen öffentlich anzweifelnden, eine nannte mich öffentlich „selbsternannte Expertin“ . Später hab ich dann irgendwann verstanden, dass ich für sie eine Gefahr darstellte, für ihr Selbstverständnis, weil ich wagte, was sie sich nie getraut hätten. Ja, war schmerzhaft….. aber mich gibt’s nach 15 Jahren Selbständigkeit immer noch 🙂

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    1. Liebe Sonja, danke! Diesen Ball muss ich jetzt einfach aufnehmen! Mir hängt nämlich zu diesem Beitrag dauernd noch der Spruch im Hinterkopf rum: „Wer den Schaden hat… Aber in Abwandlung jetzt statt „Spott“ – der „braucht für Ohrfeigen nicht zu sorgen“.

      Wie du hab ich mich dafür entschieden, mich mit solchen Gedanken auf keinen Fall weiter „runterziehen“ zu lassen (was grad an diesem Punkt leider schrecklich schnell passiert…), sondern statt dessen ganz fest im Blick zu behalten, wie sehr wir alle gefangen sind in einem Arbeits-System, das für Mitgefühl, Uneigennützigkeit (ganz zu schweigen von so was Altmodischem wie „Solidarität“) einfach keinen Platz (mehr) hat. Ganz ehrlich: Unter’m Strich finde ich diesen Gedanken noch VIEL erschreckender als die Erinnerung an all die „Ohrfeigen“…. Und ich bin überzeugt davon, dass nur wir, die wir das mal durchaus anders erlebt haben, es mit dem notwendigen Schrecken sehen können

      Ich bin glücklich, dass wir beide uns mit Hilfe unsrer Selbstständigkeit „in Sicherheit“ bringen konnten. Aber auch sehr traurig darüber, dass es aus meiner Sicht (nicht nur für über 50-Jährige – aber für die vor allem!) kaum noch echte Alternativen zu geben scheint….

      Ach, das wird ja glatt ein Zweit-Beitrag hier in den Kommentaren! Vermutlich, weil DU das bist… <3

      Herzlichen Gruß
      Maria

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  2. Durch einige Jobwechsel kenne ich das Gefühl. Aber auch, dass es Kontakte gibt, die weiter bestehen überzeugt Jahre.
    Dennoch: es ist mehr als schmerzlich auf diese Art und Weise „Loslassen“ zu lernen. Und bitter.

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  3. Ich bin immer noch mit einer ehemaligen Kollegin in Kontakt, die jetzt in Rente ist. Wir treffen und etwa 2 x im Jahr. Das finde ich total schön 🙂 In unserem Betrieb gibt es einen Oldieclub für Ehemalige.

    Liebe Grüße Sabine

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    1. Liebe Sabine, unbestritten: Es gibt sicher auch positive Beispiele. Ich freu mich sehr für dich, dass es bei dir gut „ausgegangen“ ist. Die negativen Erlebnisse sind nämlich wirklich nicht schön… Wer da etwas sensibler reagiert, kann zumindest zeitweise regelrecht das Vertrauen verlieren… in sich selbst wie in seine Mitmenschen…
      Was ich halt ganz wichtig dabei finde: Es geht nicht darum, ob da jemand was falsch oder richtig gemacht hat, es liegt m.E. einfach in den „Systemen“ unsrer Arbeitswelt, wie sie heute nun mal ist…
      Herzlichen Gruß
      Maria

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  4. Einen Moment lang habe ich gedacht, da beschreibt jemand meine Geschichte. Ich kann Dir nur beipflichten. Das Team kann noch so verschworen sein, wenn Du raus bist, bist Du raus. Definitiv. Auch nach 15 Jahren Zusammenarbeit.

    Als klar war, daß ich die Firma verlassen würde, war auch schlagartig mein Wert für das Team, die Gemeinschaft dahin. Viele Kollegen, die sonst immer gern mal auf einen Ratsch vorbei schauten, um Rat oder Hilfe fragten, gingen an mir vorbei. Hartes Brot….

    Daß die meisten Kontakte beim Verlassen der Firma verloren gehen, wußte ich aus Erfahrung. Trotzdem bin ich in die Falle getappt und habe gedacht, der eine oder andere Kontakt wird bleiben. Pustekuchen 😉 Es hat nur ein knappes halbes Jahr gedauert, bis auch der/die Letzte kein Interesse mehr zeigte oder man sich schlicht nix mehr zu sagen hatte. Spätestens dann bin ich aber auch so rigoros und beende den Kontakt von meiner Seite.

    Viele Grüße
    Gabriele

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  5. Spannend, denn ich habe es ganz anders erlebt. Aus meiner Verlagszeit von vor 20 Jahren sind mir tatsächlich viele Kontakte noch erhalten geblieben, was aber vermutlich daran liegt, dass wir schon damals nicht nur Kolleginnen und Kollegen, sondern befreundet waren.

    Und was die Social-Media-Kontakte angeht, Gerda – ich empfinde sie nicht als körperlos. So viele der Menschen habe ich schon im wirklichen Leben getroffen und festgestellt: Mag ich sie virtuell, mag ich sie in aller Regel auch im wirklichen Leben. Ich finde es großartig, durch das Internet so viele Menschen kennengelernt zu haben, die mein Leben bereichern. Sei es dadurch, dass wir uns für ähnliche Themen interessieren oder ähnliche Ansichten haben, oder indem ich durch sie ganz neue, interessante Einblicke erhalten habe.

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    1. Liebe Simone, so geht es mir auch… Und ich hoffe sehr, es bleibt auch so. Aber da bin ich irgendwie optimistisch…
      Herzlichen Gruß
      Maria

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  6. Ja, das kenne ich auch. Aus früheren Angestelltenverhältnissen sind so gut wie keine Kontakte übrig geblieben. Zunächst hat mich das menschlich sehr enttäuscht und ich habe das auf meine Person bezogen. Es hat eine Weile gedauert zu begreifen, dass das ganr nichts mit mir zu tun hat, sondern mit dem System.

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    1. Liebe Karin, ganz genau darum ging es mir: das „System“ in den Blick zu nehmen. Und nicht etwa zu denken „selber schuld!“
      Herzlichen Gruß
      Maria

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  7. Ich bin grad am Rätseln, ob die social media Kontakte nicht noch unzuverlässiger sind als die im Berufsleben. Es geht in jedem Fall um die „Pflege“ – kümmerst du dich nicht, sind sie hin, zumal sie ja aus noch dünnerer Luft bestehen als, zB, die alten Schulfreundschaften, die Beziehungen aus vergangenen „politischen Kämpfen“, aus verflossenen Liebschaften und aus gemeinsamen Berufsfeldern.
    Die Social media Kontakte sind körperlos und lösen sich ohne größeren Schmerz auf, außer sie entwickeln sich zu persönlichen Freundschaften mit allem Drum und Dran. Liebe Grüße von Gerda

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    1. Liebe Gerda, genau dieses „die Social-Media-Kontakte sind körperlos und lösen sich ohne größeren Schmerz auf“ ist es, was mir an der Sache gefällt. .. <3
      Herzlichen Gruß
      Maria

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      1. Bei einigen von uns werden die Kontakte ja bald „körperlich“. Ich hoffe, dass daraus doch wenigstens ein paar wertvolle Bekanntschaften oder gar Freundschaften entstehen. Ich glaube, dass ist dann schon etwas anderes.

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