Beruflicher Neustart mit 50plus: Mein Weg

Das letzte „Kapitel“ meiner kleinen Reihe rund um den beruflichen Neustart mit 50plus hieß ja „in Schwierigkeiten.“ Und ich muss sagen: Liebe Leserinnen (ist da zufällig auch irgendwo ein Mann?), ihr habt mich überwältigt mit euren Reaktionen, eurer Ehrlichkeit, den Beispielen aus eurem eignen Leben – noch einmal ganz herzlichen Dank dafür! Ihr habt mich auch dazu gebracht, jetzt noch ein Kapitel einzuschieben, das ich so gar nicht geplant hatte. Aber mittlerweile glaube ich, dass ich euch das schulde. Darum hier also die Beschreibung meines Wegs, ganz konkret:

Wie ich mich aus den Schwierigkeiten befreit habe…..

Als ich buchstäblich gar nichts mehr konnte, depressiv und von Chemotherapie gebeutelt im Bett lag, hab ich mich mit aller Kraft auf meine Träume konzentriert. Nicht auf Phantasiegestalten, Hexen oder weiße Ritter, sondern auf die Frage: Was erträume/erhoffe ich mir noch von meinem Leben? Und zwar so konkret wie möglich. Da tauchte als Erstes ich in der Rolle der etwas skurril gekleideten, fröhlichen Alten auf, die in einem Second-Hand-Shop andren Menschen dabei hilft, bunt und fröhlich zu werden. Eine Menge Kunst(handwerk) noch drumrum, zum Teil in Kommission, zum Teil selbst gestrickt, Schmuck und Hüte, Kunstwerke und Stickbilder… Das war alles wirklich schon sehr konkret, bis hin zur Ladeneinrichtung, den Kleiderständern und -bügeln. Und dann hab ich mich dagegen entschieden. Ganz ohne Bedauern, ohne jede Resignation, sondern aus ganz andren Gründen:

  1. Ich hab nie „was Kaufmännisches“ gelernt. Sicher glaube ich nach wie vor, dass man – unabhängig vom Alter! – wirklich alles erreichen kann, was man will. Aber ich hatte grade halt auch eine schmerzhafte Lektion hinter mir, die mir mit Macht beigebracht hatte, dass ich dazu neige, mich selbst zu überfordern. Sogar über ganz lange Zeit. Und ohne es zu merken. Bis ich platt auf der Nase liege. Wer das grad hinter sich hat, will es nicht unbedingt ein zweites Mal riskieren. (Und hier kommt für mich eben das Alter ins Spiel, beziehungsweise die Erkenntnis: Ich kann noch immer ganz, ganz viel. Aber eben nicht mehr alles.)
  2. Ist das immer schon ein Weg gewesen, der sich für mich bewährt hat: Wenn ich etwas „ausbrüte“, dann fang ich in Gedanken erst mal ganz groß an, ganz weit oben, das Tollste, was ich mir vorstellen kann… Und dann kann ich ja immer noch Abstriche machen. Muss es meistens auch. Aber das ist dann quasi der Weg „zurück auf den Boden der Tatsachen“. Da bin ich dann ganz realistisch, mach es mir passend, so gut es geht. Das tut dann auch nicht weh, ganz im Gegenteil: Ich steh mit beiden Beinen auf der Erde und nähere mich meiner Zielgeraden. So mache ich mir meine Träume passend…. Das ist MEIN Weg, denn andernfalls wäre ich vermutlich schon lang in den Wolken des Wahnsinns, der Phantasie, der Verzweiflung, der Selbstüberschätzung stecken geblieben….

So, da war ich dann wieder, beim Machbaren gelandet. Und hab aus meinen Phantasien doch ganz viel in die Realität gerettet: Die Erkenntnis, dass ich Selbstgemachtes, Upgecyceltes, Handgearbeitetes liebe. Und all die Menschen, die das noch/wieder tun. Ganz klar auch das Bild von mir als Selbstständiger (ich war das übrigens vor meiner 15jährigen Festanstellung schon mal, als Journalistin, Layouterin, Fotografin…) Und warum soll ich noch was ganz Neues lernen, wo ich doch vieles schon kann? Aus all dem wurde die Texthandwerkerin. Und dieser Blog hier, mit dem ich andren vielleicht doch auch noch helfen kann, bunt und fröhlich zu werden….

Odyssee einer blauäugig Hilflosen

Dann begann das, was ich meine Odyssee der blauäugig Hilflosen nennen würde. Nachdem ich mit Krankheit endlich durch war (das allein dauerte und dauerte!!!), hab ich mich arbeitslos gemeldet – mein gutes Recht. Und dachte: Wer braucht schon Texter/Redakteure, dann noch in meinem Alter? Ganz klar: Ich bin dem „ersten Arbeitsmarkt“ nicht vermittelbar – und ziehe schon jetzt meine eignen Konsequenzen daraus, freiwillig und mit Freude: Ich werde wieder selbstständig. Ganz blauäugig dachte ich: Wenn das die Arbeitsberater hören, machen die doch einen Luftsprung vor Freunde, wenn ich sage, dass ich die Arbeitslosenstatistik ganz schnell Richtung Existenzgründung verlassen will!

Pustekuchen! Das Gegenteil war der Fall! Es war wohl mein Glück, dass ich diese Idee erstmals noch krankheitsbedingt eher zaghaft-schüchtern geäußert habe. Und dass ich gute Antennen für die Äußerungen andrer Menschen hab. Die Antwort auf meine Idee einer Existenzgründung war kein lautes „Nein, auf keinen Fall, wir haben unsre Vorschriften! Und die besagen: Das wird so selten wie möglich genehmigt, der Weg dahin ist absichtlich mit bösartig spitzen Steinen gepflastert!“ Die Antwort war ausweichend, beschwichtigend und hieß: „Jetzt bewerben Sie sich doch erst mal! Ich hab schon oft Menschen Ihres Alters erfolgreich in eine Festanstellung vermittelt.“ Da war ich erst mal still und unterschrieb die mir hingehaltene Vereinbarung, dass ich mein Arbeitslosengeld nur dann bekomme, wenn ich mich mindestens X-mal pro Monat bewerbe. Und das auch nachweisen kann. Was soll ich sagen? Es war MEIN Name, der auf diesen Bewerbungen stand. Und natürlich hab ich das dann anständig gemacht, mit all der Recherche, die es jedes Mal kostet, mit jedes Mal neuen, sympathisch und hoffnungsfroh frisierten Anschreiben…. Das alles brauchte Zeit. Viel Zeit. Und gleichzeitig hab ich meine Ersparnisse für Weiterbildungen ausgegeben, mich fit fürs Social-Networking gemacht, meine Webseite aufgebaut. Heimlich.

Der berufliche Neustart mit 50plus ist nicht immer so einfach.... Foto: http://de.123rf.com
Foto: www.123rf.com

Nein: Es war kein gutes Gefühl. Das, was mir wirklich am Herzen lag, die Selbstständigkeit, die musste ich geheim halten, darüber durfte ich nicht reden, es hätte mich mein Arbeitslosengeld kosten können. Auf den Gründungszuschuss war und bin ich angewiesen. Denn ich starte ja quasi bei Null.

Mit den Absagen auf die Bewerbungen habe ich gerechnet – oft kam aber noch nicht mal eine Reaktion, in fast 50% der Fälle sogar. Ich hab in diese Bewerbungen nie wirklich Hoffnungen gesetzt. Und musste doch jedes Mal wieder so tun als-ob. Eine Zeitlang hab ich mir das sogar schöngeredet…. „wär doch toll, es würde wider Erwarten doch klappen!“ Kurz: Einmal mehr musste ich mich verbiegen, obwohl ich mir doch geschworen hatte, das nicht mehr zu tun.

Das war ein Prozess, der hat mich mürbe gemacht. Dazu das Wissen: Du hast nur ein einziges Mal die Chance, einen Gründungszuschuss zu beantragen. Wird der abgelehnt, könnte ich noch versuchen, das gerichtlich anzufechten – aber hätte ich dazu die Nerven gehabt? Ich fürchte: nein. Gott sei Dank: Es hat geklappt. Ich habe eine Gründungsberaterin gefunden, die weiß „Frauen gründen anders“ (von ihr wird später noch mal die Rede sein…) Wir haben gemeinsam einen Businessplan erstellt, nach allen Regeln der Kunst, rund 50 Seiten dick – der reine Wahnsinn. Ohne Hilfe hätte ich das nie geschafft.

Fazit

  • Alles ist gut ausgegangen. Ich hatte ein wenig Glück. Und wusste immer: Du musst dir gute Hilfe suchen. Ja, die gibt es!
  • Und, ja: Es ist möglich, sich mit 50plus noch selbstständig zu machen. Auch, wenn du kaum oder keine finanziellen Rücklagen hast. Du musst nicht auf die staatliche Unterstützung verzichten – die dir schlicht und einfach zusteht. Es wird dir aber leider oft nicht leicht gemacht, sie zu erhalten. Das solltest du dir vorher klarmachen.
  • Die Sache mit den Träumen war bei mir natürlich durch die Krankheiten extrem. Ich glaube aber, dass es grundsätzlich und für alle Menschen kein schlechter Weg ist, immer erst mal mit den größten Träumen zu beginnen. Und dann zu sehen, was sich davon realisieren lässt. Es gibt dazu viele Tipps, Ratgeber, Schulungen und Anleitungen – die können nützlich sein. Am wichtigsten aber finde ich: Erst mal innehalten (am besten, so lange man noch gesund ist!), in sich „reinhören“, weiter innehalten, eine Entscheidung treffen. Und dann erst weiter gehen. Oder, wie mein Fahrlehrer immer so schön sagt: „In der Ruhe liegt die Kraft.“ Ja, da ist was dran!

Wer Ähnliches plant, dem wünsche ich ein bisschen Glück, nach Möglichkeit die notwendige Ruhe, in jedem Fall gute Freunde und professionelle Hilfe. Und das gute Gefühl zu wissen: Es ist genau das Richtige, was ich hier tue. Wer über 50 ist, der hat schon ganz viel geleistet – das dürft ihr euch ruhig selbst glauben! Und ihr seid der beste Seismograph für euch selbst….

Viel Erfolg!

Im nächsten Beitrag geht es um ganz konkrete Fragen für alle über 50, die sich (noch einmal) selbstständig machen wollen.

9 Kommentare


  1. Liebe Maria,

    ich bin Dir unendlich dankbar für diese Artikelserie. Und nicht nur dafür. Ich lese Deine Zeilen einfach sehr gerne, sie sind für mich immer eine Inspirationsquelle.

    Deine Herangehensweise – erst groß zu träumen und dann das Machbare herauszufiltern – finde ich sehr schön.

    Ich habe gleich bei meinem ersten Arbeitsamtsbesuch thematisiert, dass ich mich selbständig machen will (sonst wäre ich mit großer Wahrscheinlichkeit jetzt für eine Zeitarbeitsfirma tätig). Da war ich noch krankgeschrieben und bekam trotzdem schon das erste Stellenangebot mit Bewerbungsaufforderung und Sanktionsandrohung. Nachdem ich meine Beraterin nochmals auf die Krankschreibung hingewiesen habe, wurde zurückgerudert und ich musste erst einmal meinen Arzt von seiner Schweigepflicht entbinden….natürlich auf „freiwilliger Basis“ mit Sanktionsandrohungen.

    Zum Glück brauche ich mich jetzt nicht zu bewerben, da ich in der Warteschleife hänge, wer für mich zuständig ist: Rentenversicherung oder Arbeitsamt. Die Zeit nutze ich weiter für meine Vorbereitung.

    Es ist schön, dass Du trotz all der Unsicherheiten wieder optimistisch sein kannst. Hab vielen, lieben Dank für Deine Offenheit.
    Herzliche Grüße,
    Sabine

    Antworten

    1. Liebe Sabine,
      von Leserinnen wie dir träume ich! Und DAS muss ich mir zum Glück dann auch nicht klein rechnen… Schließlich bist du ganz real! Und ich bin sicher: Auch in deiner Realität wird alles ein gutes Ende nehmen! Ich drück dir ganz doll die Daumen!
      Herzlichen Gruß
      Maria

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  2. Man hat jederzeit das Recht, sich selbstständig zu machen – auch nebenberuflich!! Ein Freund von mir hat das fast zwei Jahre durchgezogen, kein Sachbearbeiter konnte ihn daran hindern, denn „hauptberuflich“ stand er ja der Arbeitsvermittlung zur Verfügung. Es passt zwar nicht wirklich in deren Strukturen, aber das ist letztlich das Problem der Behörde.

    Selbst hab ich in den späten 90gern einfach angefangen, Aufträge anzunehmen – auch „aus der Arbeitslosigkeit heraus“. Wenn es genug war, meldete ich mich kurz ab, später dann wieder an, solange es nicht kontinuierlich lief. Bis es dann soweit war, dass ich voll beschäftigt war – auf irgendwelche Gründungszuschüsse und die Arbeit mit Businessplan etc. hab ich verzichtet. Wesentlicher erschien es mir, Aufträge zu generieren, die Energien dahin zu lenken.

    Ein anderer Freund ist selbständiger Aufstocker – geht heute ja auch.
    Ich wünsch dir jedenfalls viel Erfolg!!!

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    1. Liebe Claudia, danke für diese Ergänzung! Ja, das mit dem „rein – raus“ hatte ich auch gehört. Ich hab es mir aber als schrecklich großen administrativen Aufwand vorgestellt…. Vielleicht irre ich mich ja. Eine Möglichkeit ist das sicherlich.
      Herzlichen Gruß
      Maria

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  3. Mein Eindruck aus Erfahrung als Selbstständige (Krankheiten, Sozialbehörden und Aufstockung) deckt sich mit Deiner hinsichtlich „Drangsalieren“ von Arbeitslosen.

    Ich behaupte, es gibt in diesen Sozialbehörden keine Hilfe zur Selbsthilfe, sondern der Verwaltungsapparat will erhalten bleiben. Das vorherrschende Misstrauen und die Knüppel zwischen die Beine überwiegen alles. Ist ja auch eine Art der Arbeitsplatzsicherung innerhalb der Behörden.

    Toll, dass Du Deinen Weg gegangen bist!

    Liebe Grüße
    Evelyn

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  4. wieder und wieder lese ich gern deine Texte, die mit so viel Herzblut geschrieben sind. Wünsche viel Erfolg mit allem, was du beginnst, und gute Gesundheit! Gerda

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  5. Das kommt mir alles so bekannt vor. Ich war vorgewarnt und habe beim Arbeitsamt erst nach einer ganzen Weile gesagt, dass ich mich – wenn nichts anderes funktioniert – evtl. selbstständig machen werde. So herum wurde es dann akzeptiert.
    Was ich nie verstanden habe ist, dass man erst 3 Monate arbeitslos sein muß damit man den Gründerzuschuß überhaupt bekommt. Heißt, wir kosten den Staat erst einmal 3 Monate unnütz Geld. Na ja, sollte mir recht sein. Ich habe das damals auch länger als 3 Monate ausgenutzt und hatte in keiner Weise ein schlechtes Gewissen. Da ich mein Leben lang gearbeitet habe, war von mir ja auch entsprechend viel eingezahlt worden.
    Du siehst, unsere Erfahrungen sind ähnlich. Ich freue mich so für dich, dass du deine Krankheit hinter dir gelassen hast, gesund geworden bist und nun mit neuem Mut durchstarten kannst. Wir stehen dir zur Seite, wenn du uns brauchst – versprochen!
    Liebe Grüße
    Karin

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