Blogparade: Mein Sommer. Zwischen Brotjob, Kultur und Wutanfällen

Mein Sommer 2017? Tja. Erst hab ich ferngesehen. Barbara Schöneberger fragt: „Kommt nur mir das nur so vor – oder ist die Sonne in diesem Jahr wirklich viel aggressiver als sonst?“ Eifriges Nicken der Talkgäste. Mir fällt ein Stein vom Herzen: Liegt es also doch nicht nur an meinem Älterwerden, dass ich in diesem Jahr die Sonne regelrecht flüchte. Ist mir zu heiß. Viel zu heiß. Darum bin ich auch kein bisschen sauer darüber, dass ich den Sommer im Büro verbringe.

Trenne Berufliches von Privatem!

Dann hab ich versucht, Bücher zu machen. Ich bin ja so eine Buchverschlingerin. Privat: Belletristik. Und das soll auch bitte so bleiben. Selbstständige müssen überall Grenzen zwischen Privat und Beruf ziehen… Ich jedenfalls muss das, hab ich inzwischen gelernt. Konsequenz: Beruflich kommen mir nur Sachbücher, selbst Erlebtes, Biografisches, Ratgeber, Mut-Machendes auf den Tisch. Oder vor die Lektorinnen-Brille. Unter anderem dafür gibts ja meinen verlag-texthandwerk.de.

Wutanfall I

Ich glaube wirklich, dass jede/r was zu erzählen hat. Warum nicht in einem Buch? Manche zögern da schon ganz lange. Und kriegen dann nichts auf die Reihe. Bei anderen quellen die Schubladen von Buch-Anfängen über. Oder der Kopf steckt voller Ideen. Daraus wird oft auch kein Buch: zu viel, zu verwurschtelt, zu lange her….  Das finde ich schade. Da würde ich gern helfen. Und das könnte ich. Wenn ich kann, wenn wir uns einig werden… Wieder andere sind ganz schlau: Rücken mir mit sieben fertigen Büchern voller Schreibfehler auf die Pelle, wollen, dass ich dafür „professionelle PR-Arbeit“ mache – gegen Umsatzbeteiligung. Die Bücher vorher überarbeiten? Ne, so viel Professionalität dann bitte doch nicht! Viel zu teuer! Das macht meine Ex-Deutschlehrerin, die ist Rentnerin und freut sich jedes Jahr über einen Essensgutschein für sie und ihren Mann. „Freundschaftliche Verbundenheit“ nennt mein Nicht-Kunde das. Ich kriege einen Wutanfall. Und erfinde Matias Qwrst.

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Traum: erzählendes Sachbuch

Und doch glaube ich immer noch, dass jede/r was zu erzählen hat. Ich träume von erzählenden Sachbüchern: Fiktion und Erlebtes, Sachverstand und Fakten, Streifzüge durch Gedanken und Landschaften…. Wer den Mut hat, mit diesen Versatzstücken zu jonglieren, kann wunderbare neue Welten erschaffen – die aber nie reine Fiktion sind.  Ein solches Projekt habe ich diesen Sommer in Arbeit: Eine Auszeit in Irland. Die Autorin erzählt schwebend fein, überraschend und intensiv. Es ist das Highlight meines Sommers 2017. Ist noch in Arbeit, also kann/darf ich nicht viel mehr darüber sagen. Überhaupt: Viel lieber würde ich ja selbst erzählen, schreiben, meine ganzen Kenntnisse und Interessen bündeln… Zum xtausendsten Mal nehme ich mir vor, mir mehr Zeit zum Selbst-Bücherschreiben freizuschlagen, eine Schneise durch diesen Dschungel der freiberuflich viel zu vielen, viel zu divergierenden Jobs hauen. Zum xhundertsten Mal plane ich neue Projekt, die mich und meine Dienstleistungen greifbarer, verständlicher, sichtbarer machen. Schließlich ist jetzt Sommer, da sollte doch etwas Luft für so was sein. Sollte. Ist aber nicht.

Sehnsucht. Und eine Traummöglichkeit geht verloren

Inzwischen regnet es viel. Und ich genieße es. Ohnehin liegen meine Sehnsuchtsziele mit den Jahren immer weiter nördlich: Hamburg, Helgoland, Finnland, Island, Grönland. Ich träume davon, wenigstens in „meinem“ Oostende zu sitzen, ein oder zwei Manuskripte von anderen und ein eigenes Buch in Arbeit. Das wärs. Ich lese, dass ein Düsseldorfer Privatsammler meinen geliebten „Altar“, die wunderbare Meeres-Skulptur von Kris Martin, vom Oostender Strand weggekauft hat. Steht jetzt mitten in der Stadt, auf einem Hausdach. Ich trau mich nicht hin. Fürchte einen weiteren Wutanfall. Denn noch vor kurzem habe ich so schön an und vor diesem perfekten Triptychon geträumt…. War ein wunderbarer Rahmen für meine Rolle als Kreativitäts-Dolmetscherin….

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Kann es das sein? Freiwillig, ehrenamtlich?

Dann hab ich weiter in meinem Zweit- oder Drittjob als freie Journalistin und Spezialistin für besonders schwierige Arbeits(markt-)Situationen geschrieben, nach Hartz IV und Langzeitarbeitslosigkeit zur Abwechslung mal über häusliche Pflege – neben oder statt Vollzeitbeschäftigung. Mir graut schon wieder. Was für ein Wahnsinn ist hier eigentlich ausgebrochen?! Wie sehr wir uns durch lauter Gutmeinen, Mitleiden und ehrenamtliches Mitarbeiten das bisschen bezahlte Arbeit kaputt machen, das wir (Staat/Kommune/Privatwirtschaft) noch zu vergeben haben (hat) – das sagt einem ja keiner! Das machen wir uns gar nicht klar! Weil wir nicht genügend informiert sind. Mir zum Beispiel war der Gedanke völlig neu, dass die Pflegeversicherung von Anfang an darauf ausgerichtet war, dass Angehörige ehrenamtlich freiwillig pflegen. Natürlich tun sie das gern, geht es doch in aller Regel um Menschen, die geliebt werden, denen man dankbar ist… Und doch: Wer das nicht kann, nicht will, sich nicht zutraut oder gleich selbst daran zerbricht, die eigene Gesundheit ruiniert – der muss extrem tief in die Tasche greifen. Ganz brutal – und sicher auch schrecklich übertrieben – gesagt: Opfere dich auf oder verschulde dich! Diesmal kriege ich keinen Wutanfall. Diesmal fühlt es sich eher wie Lähmung an. Denn ich denke an all die anderen Bereiche, in denen wir alles tun, was in unseren Kräften steht. Um Menschen zu unterstützen, zu helfen. Um Kunst zu installieren, zu erhalten, Kultur zu leben, lebendig zu halten… Und zwar aus eigenem Antrieb, voller Leidenschaft und Engagement. Freiwillig, ehrenamtlich. Wird das alles schon stillschweigend vorausgesetzt? Ich fürchte: ja!
(Und: Wie viel ungeschriebene, erzählende Sachbücher in diesen Themen noch stecken!!!)

Wert der Arbeit?

Die Sache mit dem Ehrenamt wird in diesem Sommer zu meinem roten Tuch. Was die Kultur angeht: Es gibt massenweise ehrenamtlich organisierte Kulturvereine, Festivals, Treffpunkte, Ausstellungen, Märkte und noch viel mehr….. Da wird ganz wunderbare Arbeit geleistet, gar keine Frage! Ich habe solche Dinge auch schon sehr aktiv  – also: ehrenamtlich – unterstützt, sie als selbstbestimmt und eigenwillig definiert und genauso erlebt, ihre Unabhängigkeit, Flexibilität, ihr Engagement, die Leidenschaft dahinter gelobt, genossen und gelebt. Das ist immer sehr viel Arbeit, doch am Ende stehen konkrete Ergebnisse. Die können sich sehen lassen, stopfen allerdings ständig riesige Löcher – die nie kleiner werden…. Und so langsam glaube ich, dass es Zeit wird, diesen Wahnsinn mal zu hinterfragen: Müssen wir das wirklich tun? Haben wir keinen Sozialstaat? Haben Kommunen keinen Kulturauftrag? Und nehmen wir mit all unserem ehrenamtlichen Engagement nicht möglicherweise anderen Menschen – die hoffentlich gut bezahlte! – „echte Arbeit weg? Andres rum: Je mehr Löcher durch ehrenamtliche Arbeit gestopft werden, desto weniger drängend wird die Aufgabe, „offizielle“, hauptamtliche Lösungen für „echte Arbeit“ mit echten Sozialleistungen (also: Rentenbeiträge, Krankenkasse und all die anderen Versicherungen) suchen und finden zu müssen. Diese Fragen bedrängen mich heftig. Aber es sind eindeutig Herbst-Fragen… Zumal dann, wenn der Herbst ein Wahl-Herbst wird.

Was mir ganz wichtig ist: Mit solchen Fragen schließen sich Kreise. Der Kreis zwischen meinem Wutanfall angesichts des „Umsatzbeteiligungsangebots“ und der mühsamen Zähigkeit aller freiberuflichen Arbeit: Ich vermisse Wertschätzung (ja, auch die finanzielle!) für „echte Arbeit“. Mehr dazu hier: Vom (Un-Wert) der Arbeit –  ein Ergebnis meines Sommers 2017. Auch der Kreis zwischen Älterwerden, viel zu kleinen Renten und dem Fehlen anständig bezahlter, für Ältere geeigneter Jobs: Die werden nämlich größtenteils schon von Ehrenamtlern erledigt – und zwar (dummerweise) meistens richtig gut…

Wutanfall II

Spätestens an dieser Stelle kriege ich den größten Wutanfall von allen: Merkt ihr, wie wir hier alle gegeneinander ausgespielt werden?! Freiberuflerinnen, schlecht bezahlte Irgendwas, ehrenamtlich Arbeitende, Ältere…. GRRRRR!

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Urheber: stylephotographs / 123RF Lizenzfreie Bilder

 

Ja: Diese Wutanfälle bedeuten was. Wer mich auch nur ein klein wenig kennt, weiß, dass ich eigentlich eher Freundlichkeit, Verbindendes oder sogar Harmonie im Sinn habe. Mir platzt nur selten der Kragen. Wenn, dann aber richtig. Immerhin hat mich all das in einen Dialog mit der wunderbaren Claudia Klinger gebracht, über „Kostenloskultur, Altersarmut und Ehrenamt“ – auch das wurde zu einem Highlight meines Sommers (bis mein Blog plötzlich all seine Inhalte verlor… Da denke ich gleich schon so was Blödes wie: Ist das jetzt die Strafe für meine „Aufsässigkeit“? Doch das ist eine andere Geschichte…) Jedenfalls war ich damit mitten in meinen beiden Hauptthemen: Menschen 50plus und (freiberufliche Kultur-)Arbeit –  danke, Claudia!

Dieser Text gehört zur Bloparade `Mein Sommer: Zwischen Brotjob, Kultur und Ferien. Wer noch mitmachen will: Schnell, bis 31. August gehts noch! Mehr hier. Liebe Clia Vogel, bzw. Ariadne-Team – herzlichen Dank für die Einladung!

 

Text, Foto 1 + 2: Maria Al-Mana, die Texthandwerkerin Kreativitäts-Dolmetscherin, erzählendes Sachbuch, beruflicher Neustart 50plus, Kreativität, Älterwerden und sichtbar bleiben, Kreativität, Selbstständigkeit, Wert der Arbeit
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2 Kommentare


  1. Mich bringt das „Ehrenamt“ regelmäßig auf die Palme und insbesondere die Freiwilligenagenturen. Vor allem so was: Vier Angebote (1. 10 Std./Woche, 2. 1 bis 2 Std./Woche, 3. keine Angabe, 4. 1 bis 2 Std./Woche) und zwar für alles für die selbe Einrichtung. Da sind wir schon bei 14 Stunden + x pro Woche und ergo fast schon bei einer halben Stelle.

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    1. Aus finanzieller Sicht völlig richtig – danke für die Ergänzung! Aber wie mein Beitrag hoffentlich zeigt, ist mir auch schmerzlich bewusst, dass Ehrenamt für viel mehr als „nur“ für die finanzielle Sicht vom Wert der Arbeit steht… Es geht – im weitesten Sinn – um Emotion. Und genau das macht uns so anfällig dafür, uns im schlimmsten Fall gegeneinander ausspielen zu lassen. Das ist es, was mir vor allem Sorgen macht.

      Mit herzlichen Grüßen
      Maria

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