Zwischen 1950 und 1980 geboren? Von der Kraft der Kriegsenkel…

Ich habe es geahnt: Meine Beschäftigung mit dem Buch von Ingrid Meyer-Legrand ist noch lange nicht beendet. „Die Kraft der Kriegsenkel“ heisst es.

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Und auch wenn es nicht das erste und einzige Buch zum Thema ist, gibt es vier Dinge, die mich sehr für grade dieses Buch einnehmen:

  1. Das Wort Kraft. Ja, ich zähle mich eindeutig zur Generation der Kriegsenkel. Und die ist größer, als Generationen sonst definiert werden. Sie umfasst die Jahrgänge der zwischen 1950 und 1980 Geborenen: Wir sind Enkel, weil wir Kinder von Kriegskindern sind. Wir haben oft schmerzlich lernen müssen, wie es ist, mit dem Leid der eigenen, oft genug kriegstraumatisierten Eltern umzugehen. Das hat uns geprägt, im Guten wie im Schlechten. Hat uns manchmal zögerlich werden/wirken lassen, hat Sehnsüchte für und in uns festgesetzt – bei mir beispielsweise die Sehnsucht, endlich mal irgendwo anzukommen. Hat uns aber auch Werte vermittelt, die ich wichtig – was sage ich? – unabdingbar finde: altmodisch scheinende Werte wie den Kampf gegen Ungerechtigkeit, für unsre und die Freiheit anderer, das Recht auf zeitweiligen Rückzug, das „stop an grow“, wie Meyer-Legrand es so schön nennt. Und viele andere Werte, den Wert der Individualität beispielsweise. Der Prozess zum Erkennen dieser Werte war und ist schwierig. Und langwierig – darum beginnen die Aussagen dieses Buches bei vielen von uns auch jetzt erst zu wirken. Das darf so sein, das dürfen wir uns zugestehen. Und ich finde es extrem wichtig, diesen Prozess fortzuführen, nicht im Unklaren, Schmerzbehafteten stecken zu bleiben. Denn am Ende steht – für mich  zumindest – die klare Erkenntnis: Ja, darin steckt eine Kraft! Die habe ich mir erarbeitet. Die kann ich nutzen. Und wenn ich sie noch nicht als Kraft erkennen kann, bietet mir dieses Buch ganz praktische Hilfen an, um meinen Lebensweg im Rahmen der Geschichte meiner Familie zu erforschen, meine Rolle in diesem Prozess zu erkennen. Und als Kraftquelle zu nutzen.
  2. Die Praxisnähe. Zum einen eben die praktisch nutz- und umsetzbaren Instrumente von  „Genogramm“ und „My Life Storyboard“, die Meyer-Legrand in ihrem Buch anbietet.  Doch, damit lässt sich die Kraft der Kriegsenkel sehr gut intensivieren! Zum anderen die vielen aufrichtigen, offenen Erzählungen von Menschen „meiner Generation“ – ihrem Lebensweg, ihren Zweifeln,  Verletzungen, Fragen und Erkenntnissen.
  3. Die gesellschaftliche Relevanz der Werte, die wir durch die – bewusste oder unbewusste – Beschäftigung mit dem Leben der durch Krieg(e) mehr oder weniger schwer traumatisierte Generation unserer Eltern erlangt haben. Sei es der Kampf ums nackte Überleben, die Verstrickung und Lösung in und aus Schuld, ein undefiniertes Gefühl von Scham, dieses seltsame Zögern, depressive Verharren, die ständige Unsicherheit von Eltern, die ihre Kinder (also uns) viel zu früh zum Erwachsenwerden gedrängt haben auf der einen Seite. Oft genug mit der Konsequenz, dass wir gelernt haben, (soziale) Verantwortung zu übernehmen, verschiedene Perspektiven gelichzeitig im Blick halten können, zuhören wollen und können – und vieles mehr. Auf der anderen Seite die Welt unseres Aufwachsens, in der uns (zumindest für die heute rund 50-Jährigen) alles noch offen zu stehen schien… grob gesagt: Ein Begriff von Freiheit, den es schon lang nicht mehr in dieser Form gibt. All das hat uns Werte vermittelt, die wir verteidigen sollten. Finde ich jedenfalls.
  4. Die öffentliche Wahrnehmung des Buches, die fundierten, ehrlichen offenen Rezensionen dazu, die ich hier jetzt gern mal sammeln möchte.

Die Kraft der Kriegsenkel. Rezensionen

Ich fang mal ganz unbescheiden mit meiner eigenen ersten Reaktion an: Für mich war und ist dieses Buch ein Geschenk… nachzulesen hier.

Tanja Köhler schreibt unter anderem selbst Bücher, ist Diplom-Psychologin, Kauffrau und Systemische Beraterin. Für sie ist die „Kraft der Kriegsenkel“ vor allem „für Therapeuten und Coaches“ nützlich und wichtig, aber durchaus auch „für Kriegsenkel mit entsprechenden Kenntnissen der Psychologie“. Ihre Rezension hier.

Helmut Achatz beschreibt in seinem Blog Vorunruhestand sehr offen seinen Blick auf die eigene Jugend und den Vater, Fazit: „Ingrid Meyer-Legrand ist es in diesem Buch […] gelungen, das ‚lange ins Private abgeschobene Leid in die Öffentlichkeit zu holen‘. Mich hat es angeregt, über meine eigenen Erfahrungen zu reden, wobei mir einiges deutlich geworden ist, was ich bislang nur ahnte.“

Petra Lupp (Lebensdomizile weltweit) unterstreicht ebenfalls die mögliche Funktion des Buches als Kraftquelle: „So klärt das Buch auf, ohne anzuprangern, um die eigene Lebensgeschichte als Prozess zu verstehen und als einen permanenten Wandel zu begreifen. Diese Erkenntnis kann als bereichernd erlebt werden.“

In der Reihe „Totenhemd-Blog“ von Petra Schuseil und Annegret Zander hat Petra Schlitt schon im November 2016 unter dem Ttel „Meine Großmütter, meine Ahninnen“ Bezug auf Meyer-Legrands Buch genommen, wobei auch sie betont, „welche Ressourcen wir als Kriegsenkel entwickelt haben und wie uns das hilft, mit heutigen Herausforderungen besser umzugehen.“

Hab ich Rezensionen vergessen, übersehen? Bitte meldet euch!

Lebenswege von Kriegsenkeln. Und ein bisschen was von meinem…

Als ich auf der Suche nach weiteren Rezensionen dann auf Monika Birkners Interview mit Ingrid Meyer-Legrand von 2014 stieß, wurde mir überrascht und schlagartig klar, wie eng verzahnt mein eigener Lebensweg mit dem Thema Kriegsenkel schon lange ist: Erstens hatte ich den Text schon einmal vor längerer Zeit gelesen – und er hat mir sehr gefallen. Zweitens kenne und schätze ich Monika Birkners Arbeit auch schon seit einer Weile – sie ist überzeugte Solo-Unternehmerin, die anderen auf eben diesem Weg zum Erfolg verhelfen will. Wirklich frappiert hat mich schon die Überschrift des Interviews: „Sich als Solo-Unternehmer den eigenen Markt schaffen und ausbauen.“ Das ist doch als Texthandwerkerin seit fast einem Jahr wieder MEIN Thema! Sowohl im Bezug auf meinen eigenen Weg wie auch im Bezug auf Dienstleistungsangebote an meine „Wunschkunden“! In dem Interview erklärt Meyer-Legrand den für mich so wichtigen Zusammenhang:“… haben viele Kriegsenkel Schwierigkeiten, einen Platz im Leben und in der Gesellschaft zu finden. Sie meinen, ständig Top-Leistungen erbringen zu müssen – beruflich und privat. Auch die Multioptionsgesellschaft stellt hohe Anforderungen an die Einzelnen. Ständig darf, aber muss man sich neu erfinden.“ Einmal mehr: touché! Ja, ich bin Kriegsenkel. Definitiv. Meyer-Legrand weiter: „Kriegsenkel findet man oftmals in Führungspositionen oder als Solo- UnternehmerInnen.“ Exakt: stellvertretende Leiterin einer großen Pressestelle war ich, Solo-Unternehmerin bin ich.

Von der Erleichterung, doch keine krasse Außenseiterin zu sein. Sondern „nur“ Kriegsenkel…

Zu diesem Gefühl: „Ja, erwischt, ich bin Kriegsenkel!“ gesellt sich bei mir das Gefühl, wie schön es ist, sich in einer so großen Generation wie unserer aufgehoben zu wissen… Gut: Bei mir ist manches noch viel exotischer als bei anderen… Mein Vater kam 1958 aus Irak nach Deutschland… SEHR exotisch damals. Meine Mutter wurde zusätzlich zu ihrer Kriegskindgeschichte noch dadurch traumatisiert, dass ihr Vater auch noch zwei Jahre in Bautzen im Gefängnis saß, was der jungen Schülerin eine Komplettüberwachung der frühen Staatssicherheit einbrachte. Nur wenige Monate vor dem Bau der Berliner Mauer kam die Familie im Westen an – wo mein stets als extrem exotisch erlebtes Leben begann. Ehrlich, es tut mir extrem gut, jetzt langsam ein wenig von dieser Rolle als ewiger Außenseiterin abrücken zu können, in dem Wissen, dass ich wie so viele einfach nur Kriegsenkel bin…

 

 

 

 

12 Kommentare


  1. Ich habe dieses Buch auch „verschlungen“, habe geweint, war berührt und bin dankbar für solche Bücher. Das Thema „Kriegsenkel“ beschäftigt mich schon seit einigen Jahren – dazu gibt es viele wirklich gute Bücher auf einer sachlichen, informativen Ebene. Dieses Buch beschäftigt mich noch mehr auf der persönlichen Ebene. Gerade auch, wenn es um Arbeit geht. Es hilft mir, mich diesbezüglich wieder ein Stück weit besser zu verstehen bzw. mich mir klarer zu machen. 🙂 Viel davon habe ich schon bedacht, gespürt und bearbeitet. Viel von meinen Befindlichkeiten nahm ich auch „persönlich“. Dieses Buch hilft mir, meine Befindlichkeiten nicht nur als meine zu sehen sondern als gesellschaftliches Thema, das viele der Kriegsenkel und -enkelinnen beschäftigt und auch oft hemmt.
    Das macht das Eigene nicht immer leichter, aber mir hilft es, zu wissen, dass ich nicht allein „spinne“. 🙂 Herzensdank für solche Bücher.

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    1. Liebe Michaela, genau! „Dass ich nicht allein spinne…“ das fand ich auch sehr tröstlich. Trotzdem muss man vieles mit sich selbst ab-machen. Aber zu wissen, man ist nicht allein, hilft schon sehr.
      Herzlichen Dank für deine Worte,
      Lieben Gruß
      Maria

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  2. Danke dir für Erwähnung meines Artikels, liebe Maria. In meiner Beratung erlebe ich immer wieder Frauen, die „endlich“ die Anerkennung ihrer alten Elten suchen. Das Buch hilft ihnen dabei, sich klarzuwerden, dass sie sich selbst die fehlende Anerkennung geben können, statt immer wieder gegen die gleiche Wand zu rennen.
    Herzliche Grüße aus Frankfurt Petra

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    1. Liebe Petra,
      ja, das kann ich mir gut vorstellen… Bemerkenswert an der ganzen Sache finde ich ja auch, dass wir, die wir eigentlich gelernt haben, wie schnell man heute in allem zu sein hat, uns einem Prozess „ergeben“ müssen, der Jahrzehnte brauchte, um jetzt endlich klarer zu werden/in unser Blickfeld zu rücken. Manche Dinge brauchen wirklich ZEIT.
      Herzlichen Gruß
      Maria

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      1. Hallo Petra und Maria,

        Schön dass die Diskussion so lebendig ist.

        Es gibt sicher eine ganze Reihe Kriegsenkel die schon durch sind mit dem Thema … ich hab auch meine Zeit gebraucht.

        Ist für euch eine Option an der Jahrestagung der Kriegsenkel teilzunehmen im Februar?

        Herzliche Grüsse
        Petra

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        1. Liebe Petra, danke! Auch für den Hinwies – darfst du gern auch noch mal ausführlicher posten…. Was mich angeht, so fürchte ich, das passt nicht in meinen Zeitplan…
          Herzlichen Gruß
          Maria

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  3. Danke für diesen Lesetipp!
    Ich kenne die Bücher von Sabine Bode (bei Klett-Cotta erschienen) zum Thema Kriegsenkel / Kriegskinder. Da habe ich schon einiges draus gelernt … und jetzt ist -schwupps- ein weiteres Buch auf meine Leseliste gehüpft 🙂

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    1. Liebe Frauke,
      danke DIR! Ja, Sabine Bodes Kriegskinder kenne ich, die Enkel stehen noch aus… Meine Leseliste wird immer länger 😉

      Herzlichen Gruß
      Maria

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  4. Liebe Maria,
    danke für deinen zweiten Artikel zum wichtigen Buch von Ingrid Meyer-Legrand. Du hast ja viel „Futter“ gefunden … muss ich mir noch näher anschauen. Will ich dann aber auch wie du mit deinen beiden Rezensionsartikeln in meinem neuen Blog veröffentlichen. Ich warte noch auf die Freischaltung.

    Meine Rezension erscheint um halb fünf. Viel Freude beim Lesen meiner sehr persönlichen Buchbesprechung und vielleicht gibt es wie bei dir auch noch einen „Nachschlag“ bei mir.

    Dass ich ein Kriegsenkel bin war mir in den Ausmaßen nie wirklich bewusst … erst seit wenigen Wochen ist das gerutscht. Ja, es ist gut wie es ist. Wir haben viel gelernt und tolle Fähigkeiten.

    Gut gemacht! Danke.
    Herzlicher Gruß
    Petra

    https://wesentlichwerdenblog.wordpress.com/

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    1. Liebe Petra,
      vielen Dank! Freut mich auf deinen Beitrag, kämpfe aber grad mit kaum vorhandener Technik….
      Bis bald
      herzlichen Gruß
      Maria

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  5. Liebe Maria, ich habe dieses Buch auch verschlungen, weil es mir vieles erklärte. Ich zähle mich (Jahrgang 1954) nicht zu den Kriegsenkeln, eher zu den Töchter. Mein Vater wurde mit 17 eingezogen in den Rußland-Feldzug. Meine Mutter, noch ein Kind (15 Jahre bei Kriegsende) war sicherlich traumatisiert. Ein Leben mit Hunger im fast völlig zerbombten Köln war sicher schwer. Leider kann ich beide nicht mehr fragen, denn sie sind viel zu jung gestorben. Viel geredet wurde darüber nicht.
    Das Buch „Die geprügelte Generation“, über das ich hier http://www.sweetsixty.de/buchempfehlung-die-gepruegelte-generation geschrieben habe, hat auch viel mit mir und meiner Generation und der Vergangenheit der Eltern zu tun.
    Trotzdem oder gerade deswegen – ich weiß es nicht genau – ist aus mir eine starke und selbstbewußte Person geworden. Ich habe mich auseinander gesetzt mit dem Leid meiner Eltern, über das sie nicht sprechen konnten und konnte verzeihen.

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    1. Liebe Karin,
      wie immer: Vielen Dank für deine Offenheit! Ja, dieses „Trotzdem oder gerade deswegen?“ gehört auch zu meinen großen Fragen… Ich hab mir vorgenommen, mich noch ein wenig mehr mit dem Buch zu beschäftigen. .. Nur jetzt nicht (netcologne hat mich grad ziemlich lahmgelegt… alles übers Handy ist aetzend… grrrr!)
      Herzlichen Dank und ganz lieben Gruß
      Maria

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