Keine Altersfrage: Nein-Sagen lernen

Ja, Kirstin Nickelsen hat ein wunderbares Buch geschrieben.
Ja, sie ist toll.
Ja, das Buch war überfällig. Ja, es ist wie für mich gemacht.
Ja, ich muss endlich lernen, NEIN zu sagen. Ja, es ist alles andere als optimal, dass ich das noch immer nicht gelernt habe….

NEIN! Ich muss das nicht. Muss mich nicht mehr optimieren…. Musste ich noch nie. Ahne ich aber erst, seit ich bewusst wahrnehme, dass ich älter werde.

Das Buch Ja zum Nein
Manchmal ist es stachelig… Nein-Sagen kann Überwindung kosten, lohnt sich aber.

Selbstachtung statt Harmoniesucht

Wenn ich Nein sage, kostet mich das manchmal Überwindung. Doch dadurch setze ich etwas frei. Das, was Kirstin Nickelsen „die andre Seite der Medaille“ nennt. Ein klares Nein ist nämlich immer auch ein klares Ja – und zwar zum Gegenteil dessen, was ich gerade abgelehnt habe. Das ist einer der wichtigsten Grundsätze dieses Buches. Und sein Untertitel verspricht noch mehr: „Selbstachtung statt Harmoniesucht“.

Lesen allein genügt nicht

Ich habe gezögert, diese Buchbesprechung hier einzustellen, denn vordergründig hat das Nein-Sagen nichts mit dem Thema Älterwerden zu tun… mit Sichtbarkeit dagegen schon sehr viel mehr. Doch so einfach lässt sich das gar nicht sagen. Denn das Buch ist viel mehr als eine plumpe Gebrauchsanweisung nach dem Motto „Ich sag dir, was du tun musst – und alles wird gut“. Dieses Buch hat Langzeitwirkung – wenn man es denn ernst nimmt. Lesen allein genügt dabei allerdings nicht. Wer von dem Gelesenen profitieren will, sollte sich Zeit nehmen, Listen erstellen, Übungen machen und vor allem: sich selbst beobachten, die eignen (Re-)Aktionen hinterfragen. Ja: Es ist Arbeit. Ja, man muss nachdenken. Über sich selbst: Was bringt mich zum Ja-Sagen, will ich das wirklich immer? Meine ich jedes Ja ernst – oder hat es vielleicht ganz andre Gründe…. etwa gemocht zu werden, als „pflegeleicht“ und nicht als „schwierig“ zu gelten. Wie „automatisch“ kommt mir das Ja über die Lippen? Was verspreche ich mir davon – und ist das eine realistische Erwartung? Warum scheue ich mich manchmal vor einem Nein, was befürchte ich dann? Warum tue ich manchmal Dinge, die ich eigentlich gar nicht will? Wie fühle ich mich dabei, was hat das für Konsequenzen, habe ich wirklich keine Alternative zu dem viel zu oft benutzten Ja? Und: Wo liegen die Wurzeln für all das, in meiner Biografie, auf meiner „inneren Landkarte“?

Ich vermute mal, die Ergebnisse und Erkenntnisse , die Einschätzung, der eigne Nutzen und das Fazit nach dem Lesen dieses Buchs sind für jede/n anders. Wäre jedenfalls logisch, denn es ist ja etwas sehr Persönliches, ganz und gar Individuelles, das eigne Handeln so zu hinterfragen, wie dieses Buch das anbietet. Und auch wenn viele von Nickelsens Beispielen aus der Arbeitswelt stammen, glaube ich doch, dass Menschen in allen Lebenslagen etwas mit dem Buch anfangen können.

Was Nein-Sagen und Sichtbarkeit miteinander zu tun haben (können)

Eine meiner Erkenntnisse nach der Beschäftigung mit dem Thema ist zum Beispiel: Nein, ich will mich nicht (mehr) rechtfertigen für etwas, das ich aus voller Überzeugung tue. Ja, ich bin der Meinung, dass sich die Lektüre für alle Menschen lohnt, die den Verdacht haben, dass sie zu schnell, zu leichtfertig Ja sagen – und sich eigentlich ganz was anderes davon erhoffen als das, was sie da grade bejaht haben…. Die noch nie – oder nur selten – darüber nachgedacht haben, was ihnen mit all diesen unreflektiert, „automatisch“ geäußerten Jas vielleicht entgehen könnte. In meinem Beispiel: Wenn ich Nein sage zu der „Versuchung“ mich für das zu rechtfertigen, was ich tue, werde ich wieder ein kleines Stückchen sichtbarer. Das ist meine „andere Seite der Medaille“ – und das Ergebnis ist für mich etwas sehr Positives. Ich fühle mich dann eher mit mir selbst im Einklang, aufrecht, authentisch, weniger ängstlich. Am Ende steht hier – wie an manchen anderen Punkten nach der Beschäftigung mit dem Thema – ein Standpunkt. In meinem „persönlichen ABC“ sind Standpunkte etwas Kostbares. Und sie sind – für mich jedenfalls – absolut unabdingbare Grundlagen für „Sichtbarkeit“. So gesehen, wird das Nein am Ende für mich zu einer „Belohnung“ dafür, dass ich mich getraut habe, eingefahrene Verhaltensmuster zu hinterfragen. Und ich finde: Für solche Fragen ist man nie zu alt. Im Gegenteil: Je älter man wird, desto mehr können sich unbemerkt solche nicht hinterfragten Verhaltensmuster angehäuft haben… Doch das ist noch mal eine ganz andere Geschichte…

Also: ganz klare Buchempfehlung für das „Ja zum Nein. Selbstachtung statt Harmoniesucht“ von der Wirtschaftsmediatorin, Trainerin und Autorin Kirstin Nickelsen. Springer Gabler, 2015. Mehr zum Buch (Link zur amazon-Bestellung, Klappentext und erste Rezensionen) hier. Und über die Autorin hier.

2 Kommentare


  1. Danke für diese tolle Rezension. Habe es jetzt endlich bei der Buchhändlerin meines Vertrauens bestellt (was ich eigentlich schon vor Wochen vorhatte). Dieser Text hat jetzt den Ausschlag gegeben, dass ich es so schnell wie möglich lesen muss, will, sollte.

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    1. Liebe Andrea, das freut mich! Und ich wünsch dir viel Spaß bei der „Selbst-Erkundung“… Es ist spannend, versprochen! Lieben Gruß Maria

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