Bloggerleben 50plus: Potenzierung der Möglichkeiten….

Es gab eine Zeit, da war ich selbstständig als Online- und Printredakteurin, Layouterin, Fotografin, Anzeigentexterin und Regionaljournalistin. Und zwar alles gleichzeitig: sechs verschiedene Arbeitsbereiche, sechs verschiedene Redaktionen, Menschen und Milieus. In allen gab es unterschiedliche Formen des Umgangs miteinander, der Ansprache, des Tons  – je eine ganz andere Arbeitsatmosphäre. Das schlug mir irgendwann regelrecht aufs „Gemüt“. Wenn ich morgens aufwachte und mich fragte: „Wer bist du heute?“, sogar überlegte, was ich passenderweise wo anziehen sollte, hatte ich das Gefühl, dass ich nach und nach MICH verlor. Weil ich mich immer wieder neu aufteilen, fast aufspalten musste. Wo blieb ich? Wer bin ich? Ich kam zu dem Schluss: „Das ist nichts für mich!“ Und suchte mir wieder eine Festanstellung. Träumte davon „ganz“ sein, bleiben, werden zu können. Nur: Was ist das eigentlich? Wie geht das? Geht es überhaupt?

Es ist klar: Mit meiner Steuerberaterin spreche ich anders als mit meinem Liebsten, mit dem Briefträger anders als mit einer Freundin, mit einem Kunden anders als mit meiner Ärztin…. Klar. Da denke ich gar nicht drüber nach, das geht automatisch, das tangiert mich nicht, da kratzt nichts. Es fängt immer dann an zu kratzen, wenn es zu viel wird: Zu viele unterschiedliche Jobs, zu viele Menschen, die ich treffen/kennenlernen möchte – und nicht kann, zu viele Erwartungen – von mir an mich selbst, von andren an mich. Manchmal vermute ich auch nur, dass da Erwartungen sein könnten…. Dann gerate ich unter Druck. Und will beides gleichzeitig: mich abgrenzen UND mich einlassen, ganz und ungeteilt. Am Ende geht eigentlich gar nichts richtig, ich denke und sage widersprüchliche Dinge wie: „das ging mir zu schnell, war zu wenig, ich wollte doch noch….“ Und: „Es ist mir zu viel, ich kann das nicht….“

Bloggerleben 50plus: Potenzierung der Möglichkeiten

Foto gekauft bei www.123rf.com

Ein gutes Beispiel ist unser erstes Bloggertreffen 50plus neulich in Köln. Am Ende dachte ich: so viele tolle Menschen, ich hätte euch so gern ALLE besser kennengelernt. Überzogenen Erwartung, ganz klar! Das war schlichtweg unmöglich. Aber es war mir wirklich auch zu viel. Was geschieht da?

Für mich gilt: Neugierig war ich schon immer. Aber mit meiner Zeit als Bloggerin hat sich die Zahl der Menschen, auf die ich neugierig sein könnte, potenziert. Es ist ein seltsames Doppel-Verfahren: Erst „lerne“ ich Menschen virtuell kennen. Wenn ich Glück habe, treffe ich sie auch „real“. Und dann beginnt der Prozess des Kennenlernens ein zweites Mal. Dann erst kann ich wirklich einordnen, wen ich da vor mir habe. Und es ist durchaus möglich, dass wir feststellen: Das zwischen uns funktioniert nur virtuell, oder nur im „echten Leben“. Im Idealfall beides. Klar ist jedenfalls: die Möglichkeiten haben sich nicht nur in der schieren Zahl der Menschen, die ich kennenlernen kann, vervielfacht. Sondern auch in den Optionen des Kennenlernens.

Ich kenne eine Frau, die ich wegen ihrer Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu bringen sehr bewundere: Uschi Ronnenberg. Und sie schrieb nach eben dem Bloggertreffen in Köln hier, die „Perspektive 50plus“ sei eine „Perspektive, die es mir nicht mehr erlaubt, unreflektiert radikale Meinungen zu vertreten, weil ich mit der wachsenden Lebenserfahrung auch mehr abwäge, mehr Sichtweisen nachvollziehen kann und es darum auch immer schwieriger finde, selbst einen unverrückbaren Standpunkt einzunehmen.“ Auch hier schimmert der Aspekt der Vervielfachung durch. Aber es kommt noch etwas dazu: der „unverrückbare Standpunkt“. Das ist der, den ich suchte, als ich mich nicht mehr in all den verschiedenen Arbeits-Millieus zwischen den „Ichs“ Nummer eins bis sechs verlieren wollte. Inzwischen würde ich diesen Standpunkt „Haltung“ nennen. Und dieser ganze Blog hier hat genau das zum Thema:„älter werden und sichtbar bleiben“ ist für mich gleichbedeutend damit, seine eigene Haltung zu finden. Aber natürlich hat Uschi völlig Recht: unverrückbar ist das nie. Und EIN Standpunkt noch viel weniger. Vermutlich geht es darum, zu all den Fragen, die mich umtreiben, je eine Haltung zu finden. Und – Hilfe! – das sind am Ende dann auch wieder sehr viele…. Ja: Ich denke außerdem auch, dass sie sich mit dem Älterwerden potenzieren.

Uschi stellt noch weitere hoch spannende Fragen in ihrem kleinen Text – etwa danach, wie wir mit den gewonnenen Standpunkten umgehen. Wie wir dann handeln, welche Konsequenzen wir daraus ziehen…..

Für mich selbst muss ich feststellen: Ich bin mal wieder einer Illussion aufgesessen, als ich glaubte, ich könnte mich mit dem Älterwerden eingrenzen, manche Dinge ausgrenzen, durch neu gewonnene Standpunkte eine Haltung finden, die mich vor dem ewigen „zu viel“ schützt…. Dagegen steht erst einmal meine Neugierde. Die will ich in jedem Fall behalten. Dann sind da die absolut wunderbaren neuen Möglichkeiten meines jungen Bloggerlebens. Und nicht zuletzt all die tollen Menschen, die ich darüber kennenlerne. Das alles sind Potenzierungsprozesse. Und ob ich das nun will oder nicht: Es wird wohl ein ewiger Prozess bleiben, immer wieder immer neue Entscheidungen nach sich ziehen, was, wie viel ich mir wo noch zumuten kann und mag. Immer wieder neu formulierte Haltungen. Wie zum Beispiel jetzt diese: Ich will mich immer wieder neu einlassen. Auf Menschen, Dinge, Prozesse. Wie aber Uschi ebenfalls richtig schreibt, geht es mit dem Älterwerden auch um eine „gewachsene Lebenserfahrung, die mir mehr Verantwortung für mein Leben und mein Tun auferlegt“. Was in meinem Fall unter anderem auch Verantwortung für mich selbst bedeutet: Pass auf, dass es nicht zu viel wird!

Ja: Es bleibt spannend!

4 Kommentare


  1. Huch, klingt das anstrengend! 😉
    Ich gehöre offenbar zur Zielgruppe, halte es aber mit meinem früheren Biologielehrer, der sagte: „Habt keine Angst vor dem Älterwerden, ab 14 verkalkt sowieso jeder Mensch.“ Ich habe noch nie verstanden, warum ich ab 50 plötzlich mehr Haltung entwickeln sollte (als mit 48 etwa), womöglich sichtbar werden, mehr Verantwortung tragen etc. pp. Warum? Ich hoffe, auch mit 70 noch wie Pippi Langstrumpf durchs Leben gehen zu können, auch mal undurchdacht Dämliches sagen zu dürfen, mir nicht mehr Verantwortung aufzubürden, als sie jeder Mensch lebenslänglich trägt … und unsichtbar zu werden, wenn mir danach ist.
    Ich möchte viele Jobs machen, weil mir danach ist und weil ich viele Interessen habe und nicht, weil mich fehlende Wertschätzung bei den Honoraren oder Altersarmut dazu treiben.
    Ich möchte von ganz jungen Leuten lernen, wie sie mit Überforderungen und der Schnelligkeit der Welt umgehen und von ganz ganz alten, wie man rasend neugierig bleibt.
    Ich wünsche mir, dass das Leben spannend und berauschend bleibt und dass ich einfach ich bleiben kann. Ohne Optimierungswahn.
    Ist dieses Zurechtfinden zwischen virtuell und realiter nicht eine Aufgabe für alle Generationen, die nicht Social Media schon im Kindergarten kennengelernt haben? Letztendlich geht es doch darum, immer wieder den richtigen Umschalt- oder Ausknopf zu finden?
    In diesem Sinne – danke für den inspirierenden Beitrag zum Nachdenken!

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  2. Ui, meine liebe Maria – wenn das nicht ein traumhafter Sonntag ist, an dem ich mich so hochgelobt fühlen darf…

    Und ich grinse: wir beiden Neufreundinnen sind wirklich das Yin und Yang der Blogtexterei. Ich kurzknapp, Du sehr viel wortgewaltiger. Aber beide ziemlich auf den Punkt!

    Wir machen weiter so, nicht wahr?

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    1. Liebe Uschi, ja, das sehe ich auch so: Wir ergänzen uns perfekt. Punkt. Manchmal kann ich auch kurz. Wenn was so klar ist wie Kloßbrühe….
      Mit dir könnte ich ewig so weitermachen!

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