Onlinejournalismus – gibts den überhaupt? Wenn ja, sieht er für Menschen „50plus“ anders aus als für Jüngere?

Eins vorweg: Die Digital Media Women (alle hier, das Quartier Köln hier) sind großartig. Professionell in jeder Hinsicht, vielseitig und engagiert. Beruflich arbeiten sie mit digitalen Medien, klar. Selbstständig oder angestellt. Und manche auch journalistisch. Da lag es nahe, sich im Rahmen der 7. Internetwoche Köln in einer Podiumsdiskussion mit dem Thema “Digitaler Journalismus” zu befassen. Auf dem Podium saßen Vertreterinnen und Vertreter aus Print, Online und TV  – ja! Die Digital Media Women arbeiten auch mit Männern zusammen, besser gesagt: FÜR Männer, die es beispielsweise satt haben, immer nur mit Geschlechtsgenossen auf einem Podium zu sitzen…

Eine großartige Brigitte Schröder moderierte die Diskussion der vier Impulsgeber: Jürgen Ohls – Redaktionsleiter probono Fernsehproduktion GmbH , Christine Badke – Kölner Stadtanzeiger, Beatrix Gutmann – Social Media und Community Management des Anzeigenblattverlags der Funke Mediengruppe und Judith Levold – Meine Südstadt, Köln.

Onlinejournalismus - Thema auf der 7. Internetwoche Köln. Und Thema für 50plus-Blogger
Auf Einladung der Digital Media Women Köln: Diskussion über digitalen Journalismus bei der 7. Internetwoche Köln. Foto: Nicole Hundertmark

Journalismus ist Journalismus!

Grundfrage war: Was ist Onlinejournalismus eigentlich – und gibt es ihn überhaupt? Einhellige Antwort: Journalismus ist Journalismus. Und der sollte einfach handwerklich gut gemacht sein, egal wo. Bei Online-Medien kommen eben nur viele notwendigen Fertigkeiten und Aspekte dazu: technische Anforderungen von Ton bis Bewegtbild, Contentmanagement, Social-Media, SEO-Fragen und mehr. Außerdem: die Chancen zum Experiment, der Dialog mit Usern, eine riesige Bandbreite und ein Facettenreichtum, der nie nur „die eine Antwort“ liefert.

Alle auf dem Podium hatten ihre eigene Vision, was den Onlinejournalismus – und vor allem seine Möglichkeiten zur Monetarisierung – angeht: Judith Levold würde gern aus dem Status der Beinah-nur-Ehrenamtlichkeit raus (immerhin gehört Meine Südstadt zu den wenigen hyperlokalen, journalistischen Angeboten, die ihre Mitarbeitenden „minimal“ bezahlen können…), Ohls träumt davon, „dem Fernsehen das Geld wegzunehmen“, um einen Teil davon ausgewählten Angeboten des Onlinejournalismus zukommen zu lassen – nach dem Vorbild der ersten „Vollprogrammlizenzen“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Nur zwei Beispiele. Bei allen aber blieb die Frage nach der Unabhängigkeit unbeantwortet, die bezahlter Onlinejournalismus dann wohl noch hätte. Christine Badke wies auf die sowohl technischen wie „menschlichen“ Hürden hin, die etwa die Bezahlschranken großer Zeitungen heute schon bilden: Suchmaschinen finden den content nicht, der sich hinter einer Schranke versteckt. Und Menschen werden in ihrem Lesefluss gestört, wenn sie erst mal nach Kreditkarte oder Passwort suchen müssen.

Onlinejournalismus wirft viele Fragen auf

Hat aber Onlinejournalismus überhaupt noch den klassischen „gesamtgesellschaftlichen Auftrag“, den manche von uns noch aus dem „Öffentlich-Rechtlichen“ kennen? Haben Nurter/innen wirklich auch die Medienkompetenz, die es braucht, um Online-Dienste und deren Produkte exakt zuzuordnen? Was ist die Quelle eines Beitrags? Welche ist verlässlich, was ist wahr, was falsch, was Satire? Hierbei könnten ältere Nutzer/innen schneller scheitern als jüngere, letzteren dagegen fehlen oft die Instrumente für Einschätzung und Überblick, weil sie so rasant zwischen den Kanälen hin- und herwechseln. Das wird schnell zum Medien-Patchwork ganz individueller Prägung. Und wo bleiben dabei die Standpunkte? Von Macher/innen wie Nutzer/innen?

Das Diskussionsthema erweis sich als Fundgrube für unendlich viele, weiter anschließende Fragen… Wo funktioniert Onlinejournalismus? Ist „hyperlokal“ ein besonders guter Ansatz? Oder brauchen wir eher eine Lösung, die unsere ganze Gesellschaft und alle journalistischen Angebote ohne Onlinebezug mit im Blick hat? Was ist mit der Ausbildung journalistischen Nachwuchses? Wie und wo lernen Ältere wie Jüngere eigentlich „Medienkompetenz“? Wie positionieren sich Onlinejournalist/innen? Wie verlasse ich meine „Filterblase“ – oder ist es besser, sie ganz bewusst zu nutzen?

Spezialthema „Blogjournalismus“

So weit die Diskussion der Digital Media Women. Und jetzt würde ich gern versuchen, die Frage nach der Positionierung aus meiner Sicht zu beantworten: Der Wechsel vom Print- zum Onlinejournalismus ist meist auch ein Wechsel vom rein journalistischen zum eher persönlichen Blick. Oft geht er einher mit „Blogjournalismus“ – und da wird die „Filterblase“ ganz bewusst genutzt: Es wird für eine Nische geschrieben, sei es thematisch, regional oder mit anderen Bezügen. Auch auf dem Podium blieb unbestritten, dass in solchen Nischen oft richtig guter Journalismus stattfindet, dass von dort spannende Impulse kommen können, die Nicht-Nischen-Produkte eher selten bieten. Schnelligkeit – oder deren Fehlen – ist dabei ein Kriterium, das sich wohl nur jemand leisten kann, der sich nicht um jeden Preis der Aktualität verschreiben muss. „Preis“ ist dabei wörtlich zu verstehen, denn im bezahlten Journalismus wird oft genug vor allem für Aktualität bezahlt. Ist dann das Sich-Zeit-Lassen ein Luxus, den sich nur (unbezahlte) Blogger/innen leisten können? Für mich deutet vieles darauf, dass das wirklich so ist: Viele Blogs leben ja genau davon, dass sie ein Nischenthema gründlich und ganz ohne Zeitdruck von allen Seiten beleuchten.

Doch ist Bloggen wirklich Journalismus? Gerade die – notwendige – persönliche Sicht auf das Nischen-Thema hat ja immer auch ein „Gschmäckle“ von: nicht allgemein gültig, damit nicht medienkonform im Sinne von journalistischem Informationswert, den klassischerweise eine Meldung etwa bietet. Andererseits gibt es ja auch schon lange jene Journalist/innen, die sich als „Marke“ verstehen, eignen Standpunkt inklusive. Und damit gar nicht schlecht fahren.

Und wie nennen sich Blogjournalist/innen?!

Doch wie nennen wir uns dann? Denn genau in diese Kategorie rechne ich mich selbst: eigentlich aus dem Verlagsbereich kommend (auch eine Branche, die seit Jahrzehnten in heftigen Wandlungsprozessen steckt!), lange „klassische“ Lokaljournalistin, noch länger „Pressefrau“, heute Bloggerin, unterwegs meist im eignen Auftrag – also unbezahlt – zu selbst gewählten Themen wie „50plus“, (kreatives) Handwerk und Kommunikation in eigner Sache, sprich: PR von und für Selbstständige.

Es ist gewiss kein Zufall, dass ich mir dafür mit der Texthandwerkerin einen Fantasienamen gebastelt habe: Eine für alle verständliche Berufsbezeichnung für dieses Changieren zwischen den Genres gibt es nämlich gar nicht. Und damit stehe ich keinesfalls allein. Es gibt den Textprofi, Multimedia-, Gelegenheits- und Hybridjournalisten, Info-Architekten, die Textfreifrau, Textnerds und den Wortschatz, Wortwerker und viele selbst erfundene Berufsbezeichnungen mehr.

Noch spezieller: Blogjournalismus mit 50plus….

Wie schwierig der Spagat zwischen journalistischen Kernkompetenzen und der manchmal radikalen „Privatmeinung“ von Blogger/innen ist, hat zum Beispiel auch meine kleine Blogparade gezeigt. Ein Auszug der Antworten: „Als bloggender Journalist oder journalistischer Blogger habe ich, ja ich sage dieses Mal bewusst ‚ich‘, einen anderen Ansatz, eine andere Vorstellung als vermutlich viele Blogger. Als Journalist bin ich es gewöhnt, zwischen Subjektivität und Objektivität zu unterscheiden – und möglichst klar zu trennen“, stellte Journalisten-Kollege Helmut Achatz hier fest. In eine ähnliche „Kerbe“ schlug Ulrike Schwieren-Höger hier: „Es ist mir eigentlich sogar unangenehm, viel von mir zu erzählen. Als alte Journalistin habe ich sowieso eine Schere im Kopf. Das Persönliche, so doziert jeder Chefredakteur, sollte hinten anstehen.“ Muss ich es noch sagen? Beide sind „50plus“… Und nicht nur darum glaube ich, dass dieser Spagat zwischen öffentlichem Schreiben und Privatheit in einem Blog (genau das war das Thema meiner Blogparade) für all jene besonders schmerzhaft ist, die das journalistische Handwerk noch nach Grundsätzen gelernt haben, die inzwischen fast völlig obsolet sind. Aus anderer Perspektive bestätigte das auch Jürgen Ohls, der unter anderem den journalistischen „Nachwuchs“ unterrichtet: „Die verstehen manchmal gar nicht, worauf ich hinaus will“

Vermutlich sind wir, die wir mit 50plus noch – journalistisch oder nicht – Blogs schreiben, senden oder filmen, im Moment einfach die Personifizierungen eines sich extrem wandelnden Medienverständnisses und -verhaltens. Das sich auflöst, transformiert und noch nicht so ganz neu formiert hat…. Was natürlich auch bedeutet: Viele Chancen, es neu, besser, pluralistischer, individueller und für möglichst viele gesellschaftliche Gruppen zugänglich/kompatibel zu machen. Meine Vermutung ist ja schon: Doch! Es geht Richtung Nischenbildung….In jedem Fall ist es eine Chance, die extrem spannend ist!

3 Kommentare


  1. Als journalistischer Laie bin ich der Auffassung daß der journalistische Blogger ein Mentor für die Leute ist die sich nicht auf das Wesentliche beziehen können oder schnell am Thema vorbei argumentieren. Selbst Blogs müssen in eine bestimmte Richtung gelenkt werden um das eigentliche Thema nicht aus den Augen zu verlieren. Ansonsten wird aus einer gelenkten Diskussion schnell eine wilde und chaotische Argumentation wie das des öfteren bei der denglischen Internet Seite wize life der Fall ist. Dann gibt es da auch noch das Thema mit diesen vielen denglischen Fremdwörtern. Da ist unbedingt ein Journalist erforderlich diese seltsame Sprache in eine verständliche Umgangssprache zu übersetzen.

    Antworten

  2. Liebe Maria,

    seeeehr lesenswert. Wir – und ich schließe mich ausdrücklich ein – erleben eine Zeitenwende im Journalismus. Was früher galt, ist heute obsolet. Geld wird nicht mehr mit klassischen Anzeigen verdient, zumindest immer weniger. Print erscheint ein Auslaufmodell. Die Redaktionen werden ausgedünnt und outgesourct (blödes Wort, ich weiß). Parallel dazu taucht mit den Blogs eine neue Bewegung auf. Bewegtbild gewinnt an Bedeutung. Irgendwie bin ich froh, dass ich bald in den Ruhestand gehen kann, der wohl eher ein Aktivstand werden wird. Es ist spannend – und wird spannend bleiben.

    Antworten

    1. Lieber Helmut, merci! (Ich glaube, die 4 e aus deiner Hand sind ein echtes Lob…) Ja, ich weiss auch immer nicht so recht, ob das heute alles besonders oder „normal“ schlimm ist…. Wenn ich z.B. an all die Menschen aus dem Satz- und Druckereigewerbe denke, die spätestes in den 1990er Jahren vor dem kompletten AUS standen…. Da haben wir es wenigstens noch mit Veränderungen zu tun…. Und dass die wirklich Chancen bieten können, glaube ich tatsächlich. Kommt halt nur drauf an, wie/ob man sie nutzt…
      Herzlichen Gruß
      Maria

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.