Viele Fragen, Sokrates, Autorencoaching und ich

Ja, ich weiß: Manchmal sieht es so aus, als wolle ich mir selbst das Leben unnötig schwer machen… Indem ich (mir) zu viele Fragen stelle, erst mal andere Meinungen hören will – beispielsweise, um zu überprüfen, ob mich mein Bauchgefühl nicht trügt (auch, wenn das zum Glück selten der Fall ist…) Gern das Internet nutze, um Dinge in Frage zu stellen… in Maßen allerdings. Denn ich weiß auch: Das Netz ist dafür leider nicht (mehr) der richtige Ort. Gefragt sind Listen mit Tipps, Ratschlägen, To-dos oder „Mach das niemals 1 bis 15“. Oder Challenges, Meldungsbombardements und kuratierter content.

Autorencoaching

Wie auch immer: zielorientiert muss es sein, für alle user nützlich, leicht verdaulich. Diskussionen außerhalb der großen Magazin-Foren? Ne, danke, lieber nicht. Nun stehe ich zwar keineswegs allein mit meiner Einschätzung, diese Entwicklung traurig zu finden… aber bei allem Idealismus ist mir schon auch klar, dass zu viel Diskussion unser aller Zeitbudget sprengen würde – also schlicht kaum machbar ist. Und Geld muss schließlich irgendwie auch verdient werden.

Doch, ja: Ich KANN auch pragmatisch sein. Etwa, wenn es ums Aufräumen geht, Kleider- oder Schuhschränke zum Beispiel. Oder die Steuererklärung gemacht werden muss. Eben all die Dinge, die einfach sein müssen. Augen zu und durch… Doch, kann ich.

Man kann niemals zu viele Fragen stellen!

Geht es aber um die eigene Positionierung, um Meinungen und Standpunkte – oder gar um die Frage, wie viel von alldem meiner beruflichen Positionierung noch gut tut, und wo es vielleicht nicht mehr ganz so souverän wirkt, wie ich mir das wünsche… da beharre ich in der Tat noch immer auf meiner (journalistischen) Weltsicht: Lieber einmal zu viel nachgefragt, als vorschnell geurteilt/verurteilt. Und das gilt nicht nur für politische/ Prozesse, Finanzstrategien und andere, wirklich „weltbewegende“ Themen. Nein: Ich finde, das muss auch für alle  Beziehungen zwischen mir und andren Menschen gelten. Und es gilt auch für mich allein: Ich will und werde weiterhin transparent machen, was mich umtreibt, mich hinterfragen, euch befragen. Denn: Schwarz-weiß-Denken gibt es weiß Gott schon genug. Das dogmatische Ja oder Nein, das lag mir noch nie, dazu habe ich viel zu viel Respekt vor jedem Individuum, der jeweils eigenen Position – und der Frage nach dem „Warum?“ Das alles ist selten entweder NUR schwarz oder NUR weiß…. Dieses Beharren auf den „Grautönen“ hat mir das Leben noch nie einfach gemacht… Aber – wie schon gesagt  – für mich hat das mit Respekt zu tun. Darum will und werde ich mich in diesem Punkt hoffentlich nie ändern. Denn ein bisschen bin ich auch stolz auf den differenzierten Blick, den ich mit alldem gewinne. Er ermöglicht mir Flexibilität, Offenheit und – so weit das überhaupt je möglich ist – Unvoreingenommenheit. Dies alles sind die Grundlagen dessen, was ich „meine Standpunkte“ nenne.

Außerdem wollte ich noch nie Teil hierarchischer Strukturen, Akteurin in weitverzweigten Machtspielchen sein… Wichtig ist mir immer die Kommunikation „von Mensch zu Mensch“. Klingt banal, ich weiß. Vielleicht ist es das sogar auch. Aber nur in der Kommunikation „auf Augenhöhe“ habe ich das Gefühl, meine Potenziale ausschöpfen zu können, da habe ich den Überblick über das Geschehen: nur ich und mein gegenüber. Das genügt mir völlig. Denn jeder einzelne Mensch ist doch schon kompliziert genug, wenn man sich die Mühe macht, genau hinzusehen… und das möchte ich in jedem Fall: Genau hinsehen. Auf mein jeweiliges gegenüber. Auf mich. Und das geht nun mal nicht ohne jede Menge Fragen. Ja, ich bin ernsthaft der Meinung: Man kann nie zu viele Fragen stellen!

Die Hebammenkunst des Sokrates

Die Sache mit den Fragen ist mir auch darum so wichtig, weil sie sehr der Taktik des griechischen Philosophen Sokrates ähnelt. Der sagte sinngemäß, er verhalte sich oft absichtlich wie ein Plattfisch, der den Meeresboden so lange aufwühlt, bis die Sicht ganz trüb geworden zu sein scheint. Nur, um danach die Dinge besser/klarer neu sortieren, erkennen und/oder bewerten zu können. Sein Mittel der Wahl war sowohl beim „Aufwühlen“ als auch beim Sortieren immer das Nachfragen. Sokrates war stadtbekannt und bei vielen Athenern durchaus gefürchtet: Er stand immer auf dem Marktplatz rum und bombardierte unbekannte Passanten mit seinen Fragen. Bei einer Frage allein blieb es dabei selten… Er verwickelte sein Gegenüber so lange in Gespräche, bis er spürte, dass sich in dessen Kopf neue Gedanken auszubreiten begannen. Kritisch betrachtet, kann man durchaus sagen, dass Sokrates dabei oft auch ziemlich missionarisch werden konnte. Denn natürlich hatte er seine eigenen Vorstellungen davon, welche Dinge und Erkenntnisse richtig, welche falsch waren. Genau das versuche ich zu vermeiden: Ich möchte gern jeden Menschen so sein lassen, wie er/sie ist. Und ich bin schließlich auch keine Philosophin (hab das nur mal studiert…) Was ich aber durchaus unterschreibe, ist die Einschätzung von Sokrates, dass Fragen sehr nützlich sein können.

Die „sokratische Methode“ hat eigentlich nie an Bedeutung verloren, sie ging in die europäische Geistesgeschichte als Maieutik, einfafacher gesagt:  als „Hebammenkunst“ ein. Und genau in diesem Sinn habe ich sie für mein neues Angebot im Verlag Texthandwerk zum Leitbild gewählt: Autorencoaching mit Hilfe der Hebammenkunst, wie der Hebammensohn Sokrates sie verstand und nutzte. Weil ich ein bisschen wie Sokrates bin… Wie er fürchte ich selten, allzu blöd auszusehen, wenn ich da so rumstehe und scheinbar dumme Fragen stelle. Wie er will ich wissen, wie mein Gegenüber „tickt“, wie er möchte ich mit meinen Fragen manchmal etwas bewirken… Genau dann nämlich, wenn ich davon ausgehe, dass ich helfen kann. Und zwar ganz konkret, ganz praktisch. Entweder mit Hilfe meiner Fragen im Kopf meines Gegenübers. Oder mit meinen Erfahrungen, meinem Wissen… Im Idealfall natürlich mit beidem.

Wie hier beschrieben, habe ich mich lange dagegen gesträubt, mir einen „Schuh“ wie „Coaching“ überhaupt anzuziehen…. Bis mir Sokrates, seine Fragetechnik und mein schon immer vorhandener Hang dazu, Menschen „ein Loch in den Bauch zu fragen“ wieder einfielen. Da passte dann plötzlich alles zusammen. Und heute bin ich glücklich, als Schreib- und Autorencoach zertifiziert zu sein.

Was kann, soll und will Autorencoaching denn eigentlich?

So wie ich es verstehe und anbiete, ist Autorencoaching dann ein guter Weg, wenn beispielsweise jemand einen (langen) Text oder gleich ein Buch schreiben will, nicht weiß, wie damit beginnen, plötzlich mittendrin feststeckt, Zweifel bekommt, Zweifel an sich, am Text, an dem ganzen Projekt, an der Idee des Buches oder der eigenen Rolle als potentielle/r Autor/in…. Oder beim Schreiben immer wieder ganz plötzlich einen Krampf zum Beispiel im linken Ringfinger kriegt, permanent gegen unerklärliche Lustlosigkeit oder Müdigkeit ankämpfen muss, wie das hypnotisierte Kaninchen stundenlang auf leere Papiere oder Bildschirme starrt…. Das alles ist schon die „dramatische Seite“ der Gründe, die für Autorencoaching sprechen.

Es kann aber auch um viel einfachere, scheinbar banale Fragen gehen: um die richtige Buch-/Textstruktur, um den Standpunkt von Autor/innen in oder zum eigenen Text, zum Buchprojekt, zur Themenwahl…. Oder um den Schreibprozess, seinen Verlauf, seine Art, den richtigen Ort fürs Schreiben, um die Bilder im Kopf dabei… Es gibt viele Gründe, warum Schreibprozesse und/oder Buchprojekte ganz plötzlich ins Stocken geraten, keinen Spaß mehr machen, sich selbst in Frage zu stellen scheinen. Oder den Menschen, der eigentlich gern schreiben würde, es aber plötzlich nicht mehr so richtig gut kann. Tatsächlich: bei alledem kommt es erst einmal darauf an, die richtigen Fragen zu stellen. Und Autorencoaching bietet da viele Lösungsmöglichkeiten. Ganz praktisch, ganz konkret…. Und für alle, die ernsthaft in Erwägung ziehen, aus dem fertigen Text auch noch ein eigenes Buch zu machen, hätte der Verlag Texthandwerk dann auch noch ein paar weitere Angebote….

Aus all diesen Gründen passt es wirklich perfekt, dass ich jetzt auch Autorencoaching anbieten kann. Denn damit bekommen all meine Fragen noch einen ganz neuen, zusätzlichen Sinn: für andere. Und das war immer schon ein wichtiger Antrieb für mich, sie überhaupt zu stellen…

 

4 Kommentare


  1. Liebe Maria,

    frag bitte immer weiter. Merke an und zeige auf. Denn das ist es, was Menschen bewegt. Nicht mainstream, nicht „How to…“ einfach rausgehauen. Sondern fundiert und denkend. Fühlend und aufzeigend.

    Ganz wunderschön geschrieben. Dankeschön.

    Liebe Grüße

    Claudia

    Antworten

    1. Liebe Claudia,
      und manchmal frage ich mich, warum wir beide uns so gut verstehen 😉
      Und freue mich darüber…
      Danke!
      Herzlichen Gruß
      Maria

      Antworten

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