Gibt es ein spezielles Lebenstempo kurzsichtiger Menschen?

Zugegeben: Eine ziemlich seltsame Frage! Ich versuche das mal zu erklären…. Vorweg zur Erinnerung: Wir Kurzsichtigen, das sind die, die alles gut erkennen können, was zehn Zentimeter direkt vor ihren Augen hängt. Aber – je nach Grad der Sehschwäche – Schwierigkeiten haben, den entgegenkommenden Menschen oder die Nummer des ankommenden Busses schon fünf Minuten früher zu sehen. Also, bevor er die Zehn-Zentimeter-Marke überschritten hat. Von den Schönheiten weit entfernter Berge, Kirchtürmen oder Blumenwiesen ganz zu schweigen….

Kurzsichtigkeit und Lebenstempo

Seit meiner Grundschulzeit bin ich kurzsichtig – es wurde zu einem körperlich feststehenden Standard. Den ich hasste. Der Besuch beim Augen- war schlimmer als beim Zahnarzt: Werte wieder schlechter geworden? Bäääh! Als ich selbst darüber bestimmen konnte, hab ich mich dann manchmal geweigert, die Gläser Mal um Mal stärker machen zu lassen. Und theoretisch gibt es auch immer das Training der Augenmuskeln. Half aber praktisch alles nix. Ich war und blieb kurzsichtig. Heute noch mit einem Schuss Weitsichtigkeit dazu, bin also Gleitsichtbrillenträgerin… Das tut aber nichts zur Sache.

Die Kurzsichtigkeit hat definitiv mein Leben geprägt, offensichtlich und ganz unterschwellig. Aber wie weit das ging, das wurde und wird mir erst nach und nach klar… Sicher: Die offensichtlichen Dinge sind so was wie: ohne Brille im Schwimmbad gegen Glasscheiben laufen, sich beim Radfahren mit Regenwetter wünschen, man wäre Elton John und hätte Brillengläser mit Scheibenwischern. Wogegen ich mich natürlich ausdrücklich verwahre, ist das landläufige Bonmot, kurzsichtige Menschen könnten auch nur „kurz denken“ – ist natürlich absoluter Blödsinn.

Kurzsichtigkeit und Ordnungsliebe

Was mir aber schon sehr früh auffiel, war, dass ich bei aller tendenziellen Chaos-Liebe doch einen sehr ausgeprägten Sinn für Ordnung habe – zumindest in der eigenen Wohnung. Da geht es dann schlicht darum, mich nachts und ohne Brille noch zurecht zu finden. Oder – wenns eines Tages ganz schlimm kommen sollte – auch blind wieder zu finden, was ich suche…

Kurzsichtigkeit und Kreativität

Vor einigen Jahren machte mich mein Mann auf ein weiteres Phänomen aufmerksam: Ich hab immer schon gern fotografiert. Aber selten Panoramen, Landschaften oder so. Klar, meistens finde ich das sowieso ziemlich langweilig. Aber meine Liebe galt immer schon eher dem kleinen Detail, dem Makro, dem Bildausschnitt, kleinen Fundstücken. Und das hat ganz sicher was mit meiner Kurzsichtigkeit zu tun. Denn es ist so ziemlich exakt das, was ich ohne Brille von der Welt sehe. Ähnlich auch die Sache mit den Collagen. Die liebe ich. Im Textaufbau, als Bild, als Überraschungsmoment… zumindest dann, wenn ich sie selbst fabriziere. Auch das entspricht dem Verhalten eines kurzsichtigen Menschen: manchmal wahllos Versatzstücke der Welt so zusammensetzen, dass sie einen eignen Sinn ergeben. Wahllos darum, weil wir sie eben nicht so richtig erkennen können, und manchmal mehr oder weniger zufällig auswählen…

Kurzsichtigkeit und Lebenstempo

Ich behaupte also: Auch meine Kreativität ist durch meine Kurzsichtigkeit geprägt. Und neulich fiel mir auf, dass das auch auf mein Lebenstempo zutreffen könnte. Ich benehme mich nämlich manchmal reichlich seltsam…. Scheinbar nicht in der Lage, die Konsequenzen meines Handelns frühzeitig zu erkennen (wozu ich – mit dem Kopf! – übrigens sehr wohl in der Lage bin. Mir manchmal sogar ganz umständlich Handlungen und ihre Folgen ausmale, bevor überhaupt etwas geschehen ist…) Trotzdem stürze ich mich leider viel zu oft mehr oder weniger Hals über Kopf in „Abenteuer“. Das hatte früher sicher (manchmal) auch seinen Reiz. Geht mir inzwischen aber ziemlich gegen den Strich. Denn es beinhaltet immer auch, dass ich bis zur letzten Konsequenz Dinge durch-leben, oft genug durch-leiden muss, was mit ein bisschen Abstand zu den Dingen/Ereignissen gar nicht nötig wäre. Bei mir aber werden Krisen viel zu oft zu ausgewachsenen Katastrophen und manchmal brauche ich Jahre, bis ich damit dann endlich „durch“ bin… Wirklich ganz so, als müsste ich ohne Brille immer bis auf zwei Zentimeter ganz dicht an jeden Zaun, jede Mauer herangehen, um zu sehen, ob der Zaun auch wirklich aus Draht, die Mauer aus unüberwindlich dicken Steinen ist….

Tatsächlich beeinflusst dieses Verhalten auch mein Lebenstempo: Es wird dadurch relativ langsam. Denn meine Wege sind oft viel weiter als sie ohne diesen Kurzsichtigkeits-Faktor sein müssten. Und es dauert ziemlich lang, bis ich die Nase wieder von der Fixierung auf die Mauer losgekriegt habe…

Nein, liebe Leute: Ich denke nicht wirklich, dass die Kurzsichtigkeit die einzige Erklärung für diese Art von Verhalten ist. Da kommen sicher viele andre Dinge dazu. Aber seit Petra Schuseil sich mit ihren Gedanken und ihrem Buch über das „Lebenstempo“ in meinem Hinterkopf festgesetzt hat, merke ich, dass ich dieses Thema auf sehr unterschiedliche Weise für mich immer wieder neu und andres aufrolle. Das ist spannend. Und seit ich weiß, dass Kurzsichtigkeit mein Leben auf manchmal fast unsichtbare Weise prägt, will ich nicht ausschließen, dass die zwei Dinge miteinander zusammenhängen könnten. Irgendwie. Muss ich wohl mal eben die Brille abnehmen, mir diesen Gedanken ganz dicht vor die Nase halten. Und ein Weilchen drüber nachdenken… Ein Weilchen. Das braucht Zeit. Ist eben mein Lebenstempo….

2 Kommentare


  1. Hmm, ich bin weitsichtig. Ziemlich stark. Das ändert aber nichts an meiner Sichtweise 😀

    Liebe Grüße Sabine

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    1. Liebe Sabine, ich seh dich nicht!!! Du bist so weit weg!!!!
      Aber ich lese dich (wenn ich vor dem Monitor hänge…) Und das ist schön!
      Herzlichen Gruß
      Maria

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