Arthur Rubinstein, Älterwerden und das SOK-Prinzip

Arthur Rubinstein, Älterwerden und das SOK-Prinzip

Manchmal lässt es sich leider nicht (mehr) leugnen : Wer älter wird, kann nicht mehr alles genauso gut, genauso schnell, genauso leicht wie früher.  Aber ich finde: Wir haben Glück. Zunehmend beschäftigen sich Wissenschaftler mit uns. Und unserer Entwicklung. Genau: DASS älter werdenden Menschen überhaupt noch die Chance auf Entwicklung zugestanden wird, ist fast schon eine kleine Sensation. Ich nenne hier mal zwei Wissenschaftler. Deren Blick auf das Älterwerden ist offen, freundlich. Und weitgehend vorurteilsfrei. Frei von falschen Urteilen wie etwa: Ab 50 werden Menschen vergesslich, verbittert, unflexibel, starrsinnig, uneinsichtig. Können nicht mehr viel, ganz sicher nichts Neues mehr lernen.  Wir wissen es: Alles total falsch!!! Obwohl … Die Sache mit der Vergesslichkeit ….

Vergesslichkeit ist keine Sache des Alters!

Neulich habe ich einer Kundin eine Zusage gemacht: „Okay, wenn es sein muss, schicke ich Ihnen die Dokumente über die und die Cloud“. Aber gleich auch schon dazu gesagt: „Diese Cloud kennen ich nicht, nutze ich sonst nie“. Unausgesprochen hieß das: „Muss das wirklich sein?! Warum soll ich da jetzt eigens ein neues Konto eröffnen, wenn es doch wie bisher auch sehr gut auf anderen Wegen funktioniert hat? „So was sagt man Kunden natürlich nicht. Und ich hatte auch den festen Vorsatz, es so zu machen, wie sie sich das wünschte. Hab mir eigens noch eine Notiz gemacht, um es nicht zu vergessen. Und hab es prompt doch vergessen!

„Subjektive Zuschreibung von Bedeutsamkeit“

Diese Geschichte zeigt ziemlich klar: Wovon wie nicht überzeugt sind, was für uns wenig Sinn macht, keine Bedeutung hat, wozu wir schlicht keine Lust haben … so etwas  vergessen wir eher als Dinge, deren Sinn uns sofort einleuchtet, wofür wir vielleicht gar Begeisterung, große Überzeugung aufbringen. Geht natürlich jüngeren Menschen ganz genauso. Schön ist jetzt aber, dass ein äußerst prominenter Wissenschaftler wie der Neurobiologe Gerald Hüther (etwa mit seinem Buch „Etwas mehr Hirn, bitte!) sagt: „Wir verfügen über Talente und Begabungen und ein zeitlebens lernfähiges Gehirn, das für die Lösung von Problemen optimiert ist.“ Und das immer dann am besten funktioniert, wenn das, was wir tun, für uns Sinn macht. Diese eigentlich simple, aber überaus wichtige Erkenntnis habe ich jetzt hier sehr kurz zusammengefasst.

Ein bisschen wissenschaftlicher ausgedrückt: Es geht um die „subjektive Zuschreibung von Bedeutsamkeit“. Wenn die nicht da ist, werden wir eben vergesslich. Und zwar ganz schnell, unabhängig vom Alter. Aber noch mal, zum Auf-der-Zunge-zergehen-Lassen: Unser Gehirn ist „zeitlebens lernfähig.“ Geahnt habe ich das natürlich immer schon. Aber es ist schön, dass Gerald Hüther diese Erkenntnis endgültig salonfähig gemacht. Jetzt können wir uns darauf berufen. Immer und überall, wo uns mal wieder eins dieser dämlichen Vorurteile begegnet.

 

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Selektieren – optimieren – kompensieren

Und wie kommt da jetzt Arthur Rubinstein ins Spiel? Dazu brauchen wir zwei Komponenten. Erstens: Wir wissen, dass unser Gehirn ein Leben lang auch noch Neues lernen kann. Zweitens: Wir geben zu, dass manches dann doch nicht mehr ganz so einfach geht wie früher. Daraus hat der 2006 gestorbene Psychologe und Gerontologe Paul Baltes das SOK-Modell entwickelt. Es ist eigentlich ganz simpel:

S steht für selektieren,

O für optimieren und

K für kompensieren.

Und genau das verdeutlichte Artur Rubinstein in einem Interview zu seinem 80. Geburtstag perfekt, als er gefragt wurde, wie er es denn schaffe, auch in diesem Alter noch so brillant Klavier spielen zu können. Seine Antwort: Er habe erstens sein Repertoire verringert, spiele nicht mehr alle Titel, mit denen er früher mal aufgetreten ist. Er selektiert also aus der Fülle seiner Möglichkeiten. Die übrig bleibenden Stücke aber übe er jetzt noch intensiver als früher – das ist der Optimierungsprozess eines Pianisten. Und dann kommts: Er gibt vor sich selbst zu, dass er manches doch nicht mehr ganz so perfekt kann wie früher. Schnell spielen zum Beispiel. Und seine Methode, das zu kompensieren, ist ein ziemlich einfacher Trick: Vor schnellen Passagen verlangsamte der 1982 gestorbene Pianist schlicht das Tempo. So erschien das Schnelle dann doch wieder wirklich schnell.

Neues entdecken, erforschen …

Hat man bei diesen Gedanken jetzt nur das Selektieren, Optimieren  und Kompensieren vor Augen, greift die Methode zu kurz. Meiner Ansicht nach müssen zwei weitere Faktoren dazu kommen: Erstens, sich einzugestehen, dass manches wirklich nicht mehr ganz so geht wie früher. Und zweitens: Die Fähigkeit meines lebenslang lernfähigen Gehirns nutzen. Also: neue, noch unbekannte Taktiken, Mechanismen, Verhaltensweisen entdecken, erforschen, übernehmen, trainieren, einsetzen. Schon klappt es mit dem Klavierspielen wie der 80-jährige Rubinstein …

Vermutlich wird sich kaum jemand von uns mit Arthur Rubinstein vergleichen wollen … Aber ich finde: Das Prinzip lässt sich auf (fast) alles anwenden: selektieren – optimieren – kompensieren. Oft machen wir solche Sachen ja völlig instinktiv, also ohne gleich ein wissenschaftliches Prinzip daraus zu machen. Ist ja auch nicht nötig. Trotzdem freue ich mich zur Zeit immer, wenn ich entdecke, dass „die Wissenschaft“ auch solche Aspekte des Älterwerdens kennt.

Fällt euch vielleicht ein Beispiel ein? Wo ihr das so ähnlich wie mit dem SOK-Prinzip macht, ganz instinktiv, weil es sich eben anbietet? Würde mich sehr freuen, wenn ihr mir davon erzählt!

Gern als Kommentar unten. Oder auch per Mail: autorin@unruhewerk.de


 

Ich freue mich, wenn ihr diesen Beitrag in die Welt tragt ... danke!

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