Maya Lasker-Wallfisch: Briefe nach Breslau

Maya Lasker-Wallfisch: Briefe nach Breslau

„Mein ganzes Leben hatte ich das Gefühl, nirgendwo richtig dazuzugehören“. Allein dieser Satz schlägt mich schon in Bann. So geht es mir viel zu oft auch. Ist das ein Ergebnis der Erlebnisse als Kriegsenkelin? Vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob diese Kategorie so wichtig ist, wie ich lange Zeit dachte. DASS ich die Bedeutung der Geschichten von Kriegsenkeln so ernst nehme, hat aber ganz sicher mit diesem schmerzhaften Gefühl zu tun, „nirgendwo dazuzugehören“.

Mutter und Tochter Lasker-Wallfisch

Der Satz stammt von Maya Lasker-Wallfisch. Und dass sie überall als „Tochter von …“ vorgestellt wird, ist eine Tatsache, die ich ziemlich ambivalent sehe. Sie ist die Tochter von Anita Lasker-Wallfisch. Die Cellistin überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen. In beiden war sie interniert, entkam dem Tod nur sehr knapp. Und erst Jahrzehnte später konnte sie darüber reden. Doch die Tochter hat eine ganz andere Geschichte, die sich zeitweilig gar nicht mit der Geschichte der Mutter zu berühren scheint. Und doch sind beide mehr als eng miteinander verbunden. 2018 hielt die Mutter beispielsweise eine viel beachtete Rede im deutschen Bundestag über den Antisemitismus und 2019 wurde sie  „für ihren Einsatz gegen Judenhass und Ausgrenzung“ mit dem Deutschen Nationalpreis ausgezeichnet.

Das „Erbe“

Doch es dauerte Jahrzehnte, bis die Mutter über all das sprechen konnte. In einem der vielen fiktiven Briefe an ihre Großeltern erzählt die Tochter der KZ-Überlebenden im vorliegenden Buch: „Zwar habe ich irgendwie immer gewusst, dass etwas vor uns Kindern verheimlicht wurde, aber ich hatte keine Ahnung, was es war, dieses Tabu, das über so lange Zeit weggeschlossen wurde, wie in einem Schrank. Aber eines Tages sollte diese Schranktür wieder geöffnet werden“, schreibt Maya Lasker-Wallfisch den Großeltern aus Breslau – die sie nie kennengelernt hat. Den Schrank öffnet letzten Endes die Mutter selbst: Bevor sie sich an die (vor allem deutsche) Öffentlichkeit wendet, schenkt sie ihren beiden Kindern DIE Geschichte ihres Lebens: von einer Mutter für ihre Kinder selbst „getippt. Es handelte sich um ein dickes Buch“, schreibt Maya. Und beide Kinder sind trotz aller Ahnungen mehr als überrascht. Die Worte der Mutter zu diesem „Geschenk“ überliefert die Tochter so: „Ich habe so viel aufgeschrieben, wie ich konnte, damit ihr das alles ‚erben‘ könnt, sozusagen, und die Erinnerung an jene schreckliche Zeit am Leben erhaltet.“ Genau dieses Am-Leben-Erhalten übernimmt die Mutter dann aber doch selbst. Und es gibt sicher wenige Frauen, die das besser könnten als sie.

 

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Foto: Insel Verlag/suhrkamp

„Die Verletzungen der Vergangenheit lassen sich nicht bannen“

Und was ist mit der Tochter? Die 1958 Geborene erlebt ihre ganz eigene Geschichte des (Er-)Schreckens: „Ich habe mich früher oft als die ‚Wunde der Familie‘ bezeichnet, aber so sehe ich mich nicht mehr.“ Gott sei Dank! Denn was Maya Lasker-Wallfisch durchgemacht hat, lässt sich nur mit einer Achterbahnfahrt meist schrecklicher Emotionen lesen. Zumindest ging es mir so. Denn ich weiß ja, dass leider allzu wahr ist, was im Klappentext zum Buch steht: „Denn die Verletzungen der Vergangenheit lassen sich nicht bannen“. Und „für Maya scheint ein stabiles Leben unmöglich. Sie treibt durch das London der Siebziger. Zu lange Nächte, Drogen, Schulden, die falschen Typen, eine Flucht nach Jamaika, bei der sie fast stirbt“. So steht es da – und selten war ich dankbarer für einen Klappentext, der das zum Teil unglaubliche Leben der Maya Lasker-Wallfisch so scheinbar problemlos kurz umreißt. Dem Tod war sie meiner Wahrnehmung nach mehr als einmal verdammt nah. Und ich habe es beim (ziemlich atemlosen) Lesen wie sich wiederholende Wunder erlebt, dass sie immer wieder „die Kurve“ gekriegt hat. Und zwar jedes Mal mit mehr Wissen, Verstehen. Und Sinn.

Der Beitrag von Maya Lasker-Wallfisch

„Heute betrachte ich mich eher als Hüterin eines Vermächtnisses, das ein Schlaglicht auf mein besonderes Verhältnis zum Vergangenen wirft. Ich möchte nicht länger als Opfer wahrgenommen werden, sondern als jemand, der einen wichtigen Beitrag zu leisten hat.“

Das hat sie zweifellos. Und das tut sie. Sie leistet diesen Beitrag mit dem Buch, von dem hier die Rede ist. Mit ihrer Arbeit als psychoanalytische Therapeutin seit Jahrzehnten. Und mit den öffentlichen Veranstaltungen, bei denen sie gemeinsam mit ihrer Mutter auftritt: Die Mutter als Hüterin des Gedächtnisses, die Tochter vor allem durch ihre Beschäftigung der Weitergabe und Behandlung von transgenerationalen Traumata. „Gemeinsam kämpfen sie für eine lebendige Erinnerungskultur und gegen Antisemitismus.“ Das ist sozusagen das Happy-End dieses Buches: „“Meine Mutter und ich haben uns unsere Fehler und unsere Schwächen verziehen. Das schuf Platz für eine tiefe Verbundenheit und Heilung. Bei unseren gemeinsamen Veranstaltungen haben wir festgestellt, dass das von echtem Wert und eindrücklicher Wirkung ist. Ich bin stolz, Tochter meiner Mutter zu sein und ich glaube, sie ist auch stolz auf mich.“ Doch der Weg dorthin war weit. Sehr weit. Und schwer: „Erst jetzt kann ich wirklich verstehen, wie sehr die Vergangenheit mich beeinflusst hat und wie präsent sie immer noch ist. Tod und Leid der Familie Lasker haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin.“

Wir MÜSSEN darüber reden!

Von diesem Weg erzählt das absolut lesenswerte Buch. Schonungslos, offen, mit viel Herzblut und doch auch ein wenig Distanz – der Distanz einer mittlerweile erfolgreichen Analytikerin. Die doch immer weiß, dass kein Weg so schnell zu einem Ende findet. Ganz sicher nicht ein derart schwerer Weg. Darum möchte ich ausnahmsweise auch warnen: Leicht zu lesen ist dieses Buch sicher nicht. Soll und darf es nicht sein. Da wird all das überdeutlich, was Menschen umtreibt, die (mindestens) ahnen, dass auch sie das fürchterliche Kriegserbe in sich tragen. Das ist gut so. Und  tut weh. Doch wir MÜSSEN darüber reden, denn „das Trauma ist nicht verschwunden. Es wurde weggesperrt und vom Alltagsleben getrennt, in ein Hinterland nicht erinnerter Vergangenheit verbannt. Für manche Menschen ist das die einzige Strategie, um geistig gesund zu bleiben. Aber die Wunden der Geschichte sind tief und können viele Jahre später in der nächsten Generation wieder aufbrechen – wie das bei mir der Fall war.“ Wie an so vielen Stellen, ist dem, was Maya Lasker-Wallfisch hier schreibt, nichts hinzuzufügen.

Das Buch

Erschienen: am 18.05.2020, Insel Verlag
Gebunden, 254 Seiten, Preis: 24 Euro als Hardcover, 12,95 als Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-17847-7

Könnte beispielsweise im Shop der Autorenwelt bestellt werden. Oder überall dort, wo es Bücher gibt.

Manche Bücher MUSS ich mir einfach selbst kaufen. Das gehörte dazu. Also ist diese Rezension – wie alle von mir – ganz sicher keine „gekaufte Meinung“.

 

In eigener Sache

Band eins der Trilogie des Eigensinns heißt „Mein Kompass ist der Eigensinn“. Und ich bin überzeugt davon, dass dieser Kompass auch für Kriegsenkel:innen, die ihre Geschichte(n) erzählen wollen, ein überaus nützliches Instrument sein kann. Warum, das thematisiere ich dort unter anderem auch. Zu bestellen (als Taschenbuch) beispielsweise hier:

Eigensinn, Mein Kompass ist der Eigensinn, schreiben mit Eigensinn, denken mit Eigeninn, Leben mit Eigensinn, Schreibratgeber, Buchempfehlung, Maria Almana, Selfpublishing, Buchhebamme, Texthandwerkerin, Schreibcoaching

Band zwei ist in Arbeit: „Wer schreibt, darf eigensinnig sein.“


 

Ich freue mich, wenn ihr diesen Beitrag in die Welt tragt ... danke!

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