Entschleunigung aus Sicht einer Älterwerdenden

Eine meiner Lieblings-50plus-Bloggerinnen ist ja Sonja Schiff. Und die hat mir neulich ganz ungeplant einen immens großen Dienst erwiesen. Von Anfang an „schlummert“ in diesem Blog ja die Rubrik „Entschleunigung“. Weil ich immer schon wusste, dass Älterwerden und Entschleunigung einiges miteinander zu tun haben. Was ganz natürlich ist: Wenn man jung ist, muss man erst mal Gas geben, ohne Be- funktioniert Entschleunigung vermutlich gar nicht. Aber mir fehlte lange Zeit der richtige „Aufhänger“, um mich dem Thema zu nähern… Klar, Reise, Natur, Wind und Wetter sind klassische Aufhänger. Kommt auch alles noch, versprochen.

entschleunigung

Doch ich wollte es nicht „klassisch“, sondern persönlich. Und dann kam Sonja. Mit diesem Beitrag, stundenlangem Bienen-Gesumms in meinen Ohren und der Erkenntnis, dass ich es gar nicht so schlecht finde, immer „wieder nackt und unwissend vor mir selbst“ zu stehen.

Immer und immer wieder die gleichen Fragen

Was Sonja beschreibt, ist unter anderem der Moment, in dem man sich, sein Alter, seine Vergänglichkeit und die absolute Unfähigkeit, die Erkenntnis eben dieser Vergänglichkeit länger als ein paar Sekunden zu spüren – zu verstehen, wäre wohl schon zu viel gesagt – erkennt. Erschwerend kommt für sie dazu, dass sie diesen Moment nicht als Individuum, sondern als mikroskopisch kleines Miniteilchen eines unfassbar großen Etwas‘ erlebt. Sie schreibt: „Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Immer und immer wieder die gleichen Fragen. Manchmal finde ich Fragmente von Antworten. Aber eine Lebenssekunde später stehe ich schon wieder nackt und unwissend vor mir selbst.“

Um auf meinen Punkt kommen zu können, muss ich jetzt mal die Sache mit dem Miniteilchen im Universum beiseite schieben – und beharre ganz frech allein auf dem „Ich“. Das kommt mir nämlich sehr bekannt vor. Jahrzehntelang hab ich Tagebücher vollgeschrieben mit ähnlichen Fragen wie die von Sonja. Und vorübergehenden Antworten, Erkenntnissen dazu. Das wiederholte sich ständig. Nichts, gar nichts, konnte ich festhalten, geschweige denn irgendwie umsetzen. Dann kamen die Selbstvorwürfe…. Um es kurz zu machen: Ich glaube, das geht gar nicht. Wir halten es nicht aus, Erkenntnisse von Endlichkeit, von Werden und Vergehen, wirklich zu erfassen, zu behalten. Das sprengt unsere Fähigkeit – denn es stellt uns ja dauernd auch selbst infrage. Und zwar grundlegend.

Unmittelbarkeit? Grenzenlosigkeit?

Bei mir kam noch was dazu: die Sache mit der Unmittelbarkeit, dem Wunsch nach Grenzenlosigkeit. Als ich „jünger“ war, wollte ich alles möglichst hautnah, intensiv, ungefiltert, unmittelbar spüren. Viele meiner „Helden“ hatten einen starken Hang zur Selbstzerstörung. Nick Cave, Richard Hell, Lou Reed, Iggy Pop, selbst David Bowie zeitweise. Arthur Rimbaud, Charles Beaudelaire… ach, die Liste würde lang, wollte ich sie vollständig machen. Sehr fasziniert war ich auch von der (Wiener) Aktionskunst. Und neulich sah ich „von Dada bis Gaga“ – die Geschichte der Performancekunst. Himmel hilf!  Die Zerreißprobe von Günter Brus! Ehrlich: Mir wurde schlecht! Und ich hab mich gefragt, was mit mir passiert ist: Wie kann etwas, das mich vor 30 Jahren fasziniert hat, heute Ekel und Brechreiz auslösen? Ich glaube, es ist ganz einfach: Ich ertrage es schlicht nicht mehr.

Grenzen!

Ich hab mich lange, zeitweise ziemlich intensiv, selbst überfordert, bin mehr als einmal gescheitert, krank geworden… Ich glaube, jeder, der über 50 ist, kennt solche Geschichten. In Variationen natürlich. Und irgendwann haben wir es kapiert: Wir sind begrenzt. In erster Linie erst mal in uns selbst. Und dann natürlich auch in der Zeit, im Universum. Die Sache mit der „Begrenztheit“ halte ich für wichtig. Denn das ist genau das, was wir in jungen Jahren nicht sehen wollen, nicht sehen müssen, vielleicht gar nicht sehen dürfen – denn dann könnten wir gleich den Mut verlieren. Was mich angeht, kann ich ganz klar sagen: Als ich jung war, wollte ich keine Grenzen akzeptieren. Nicht in mir, nicht für mich, nicht für das Machbare (ganz hat sich das übrigens noch lange nicht verloren…. Doch das ist eine andere Geschichte). Natürlich spielt der Faktor ZEIT dabei eine wichtige Rolle…. Muss ich nicht erklären, oder? Viele von uns erschrecken mit jedem runden Geburtstag….

Grenzenlosigkeit geht also gar nicht – ich glaube, das muss fast jede/r mit dem Älterwerden erkennen. Und „Unmittelbarkeit“ kann verschieden gelebt/interpretiert werden. Das stelle ich jedenfalls fest: Früher bedeutete es für mich etwa „lebe wild und gefährlich“. Viele innere und äußere Blessuren später MUSS man das wohl anders sehen lernen…. Dann werden schon die Bilder einer „Zerreißprobe“ unerträglich. Was ich in all den Jahren über mein altes Ideal der Unmittelbarkeit gelernt habe, ist Folgendes: Nein, ich bin nicht in der Lage, unendliche Mengen an Erkenntnis, Schmerz, (Selbst-)Zerstörung, In-Fragestellung aufzunehmen – oder gar zu speichern. Ich halte das nicht aus. Dann explodiere ich. Darum ist es also keine Feigheit (wie ich früher dachte), wenn ich Filter und/oder Löschmechanismen zulasse oder sie ganz bewusst einbaue/einschalte.

Das natürliche „Schutzschild“

Außerdem habe ich – auch ohne Alzheimer schon! – ein schlechtes Gedächtnis. Wie wir alle, glaube ich. Damit meine ich: Wir sind nicht in der Lage, uns an ALLE Erkenntnisse unseres Lebens zu erinnern. Immer wieder fallen sie – vermutlich immer zuerst die schmerzhaftesten – durch ein Raster, und wir stehen „schon wieder nackt und unwissend“ vor uns selbst. Ich finde, das ist gut so. Denn ich vermute, es ist ein sehr schlauer Schutzmechanismus der Natur. Lässt sich, glaube ich, auch belegen. Den wissenschaftlichen Beleg spare ich mir jetzt mal einfach, denn ich merke es doch selbst ganz deutlich: Meine Ideale haben sich verschoben. Mehr als alles andere wünsche ich mir mit dem Älterwerden immer wieder, einfach nur im Hier und Jetzt leben zu können. Und dazu versuche ich manchmal ganz bewusst, einfach die Reset-Taste zu drücken. Ich geb mir die Erlaubnis dazu. Ich darf das. Denn ich will und muss mich schützen. DAS ist eine der ganz großen, positiven Errungenschaften meines Älterwerdens.

„Reset“ bedeutet für mich Entschleunigung

Ich kann mich sehr gut selbst spüren, ohne mich immer wieder gefährlichen, zerstörerischen Erfahrungen auszusetzen. Vom Schmerz selbst mal abgesehen, ist das nämlich eine Spirale, die nirgendwo hinführt. Im schlimmsten Fall eine Spirale, der kaum noch zu entkommen ist. Brauch ich nicht, will ich nicht.

Ich weiß, es gibt Erkenntnisse, die sind schmerzhaft. Aber ich muss mich nicht an jede einzelne davon erinnern. Ich muss sie nicht immer wieder hervorholen und einzeln betrachten. Nützt nix, ändert nix, also: Deckel zu und gut is.

Ich darf älter werden. Und gelassener. Und mich fragen, was mir Spaß macht, was mir guttut…

Immer „wieder nackt und unwissend vor mir selbst“ zu stehen, ist jedenfalls für mich gar kein so schlechter Zustand. Ganz im Gegenteil.

Es ist mir sch…egal, dass ich vielleicht nicht mehr viel Zeit habe. Nur das JETZT zählt. Punkt.

Dies ist in etwa meine Definition von Entschleunigung… Ach ja: Und ich darf meine Meinung jederzeit ändern. Kann sein, dass ich bald schon eine ganz andere Definition für die Entschleunigung aus der Sicht einer Älterwerdenden finde…. Denn tatsächlich halte ich das Ganze für einen Prozess. In dem man mit möglichst wenig Ballast umherschlendert, nachdenkt – und (unter anderem das Älterwerden) genießt.

Und ihr so? Was ist für euch Entschleunigung? Hat sie was mit dem Älterwerden zu tun? Wenn ja: was?

8 Kommentare


  1. Die Welt dreht sich auch ohne mich weiter. Das ist so ein Gedanke, den ich habe, wenn ich den Wolken bei ihrem Zug über den Himmel zusehe. Oder die Sterne beim Funkeln. Es ist ein beängstigender und beruhigender Gedanke zugleich, ich versuche häufiger in den Himmel zu schauen, auch auf den Alltagswegen zu den vermeintlich dringenden Terminen. Natürlich will der Alltagsparcours gelaufen werden. Aber es stimmt, seit ich älter und älter werde, mache ich weniger (und dabei auf erstaunliche Weise mehr). Ich habe im Laufe der Jahre meine Stärken und meine Konzentrations“Fenster“ bestens kennengelernt. Ich kann mittlerweile in kurzer Zeit viel schaffen, und dann einfach nichts mehr tun. Ja, ich kann eigentlich fantastisch gut nichts tun. Und es fühlt sich verdammt richtig an. Doch, ich habe gelegentlich Angst, etwas zu übersehen. Und später wäre es dann zu spät. Aber ich vertraue mir auch mehr als früher (als ich noch eine Dauersprinterin im eigenen Lebenslabyrinth war), und oft genug habe ich schon die Erfahrung gemacht, dass aus einer großen Stille eine gute oder sogar beste Idee wächst. Es ist auch (!) verdammt schön, älter zu werden. Warum wir das wohl immer wieder vergessen?

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  2. Sehr interessant. Das mit den Grenzen, das trifft mich hart. Spüre ich sie doch selbst, gerade jetzt in dieser Zeit zu deutlich – und kann sie nicht akzeptieren. … eine sehr große Denk- und Lebensaufgabe für mich 😉

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  3. Toller Text – von Dir und auch von Sonja… Antworten kann ich dazu jetzt nichts, muß erstmal diese Denkanstöße in Ruhe (sic!) wirken lassen. 🙂

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  4. Hallo Maria,

    spannendes Thema, finde ich. Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll… Zwischen 30 und 40 war eine tolle Zeit in meinem Leben, zwischen 40 und 50 kamen einige unschöne OPs mit Reha bzw. Anschlussheilbehandlung. Mittendrin habe ich meine Zelte in München abgebrochen und bin in die Wallachei nahe der tschechischen Grenze gezogen. Entschleunigung oder Downshifting von 150% auf 50%, das war so wichtig. In der Reha habe ich mich zum ersten Mal intensiv mit Achtsamkeit (und natürlich anderen Dingen) beschäftigt, was zur Folge hatte, dass ich mich daheim in meiner großen leeren Wohnung nicht mehr wohlgefühlt habe… Ach, endlos könnte ich erzählen, was dann alles passiert, was die Reha ausgelöst hat..: Ich musste mein Ändern leben.

    Ich bin jetzt 52, ich hab einen Job der mir Spaß macht, es geht mir gut, ich hab einen tollen, erwachsenen Sohn, mit dem ich mich blendend verstehe, genau wie mit seiner Freundin und deren Mom; ich bin wahnsinnig gern mit mir alleine und ich mag mich nicht mehr mit Menschen umgeben, mit denen ich mich nicht wohlfühle, doch mein größter Punkt ist die Frage: wieviele gute Jahre bleiben mir noch. Die Restlebenszeit wird weniger, aber jetzt, auf einmal, geht’s mir zu schnell. Ich kann’s nicht aufhalten und ich weiß, es ist kein Einzelschicksal… Mir ist es noch nicht egal, dass ich vielleicht nicht mehr viel Zeit habe 🙂

    Liebe Grüße

    Gitta

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    1. Liebe Gitta, ganz herzlichen Dank für deinen schönen, persönlichen, ausführlichen Kommentar, freut mich sehr! Ja, die Sache mit den Jahren…. Ich sag mal so: Ich hab eine zeitlang in einer Ecke von Köln gearbeitet, in der immer wieder Wahrsagerinnen mitten auf der Straße angeboten haben, aus der Hand zu lesen. Das hat mitr regelrecht Angst gemacht. Fast panisch hab ich die Frauen immer abgewiesen, weil ich dachte: Wenn die mir jetzt sagt, ich hab noch 3 Jahre zu leben – ICH WILLS GAR NICHT WISSEN!!! Und die Sache mit dem „Ändern leben“ (müssen) nach Krankheit(en) kenn ich auch. Leider. Andereseits: Den Entschluss, so viel wie möglich im „Hier und Jetzt“ zu leben, finde ich so richtig, dass ich mir wünsche, ich hätte ihn auch ohne negative Erfahrungen so getroffen. Aber das kann man natürlich nie wissen… Ach: Ich wünsch dir einfach ein gutes Hier und Jetzt in deiner Walachai…
      Herzlichen Gruß
      Maria

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  5. Toller kraftvoller Text 🙂 Für mich sind die wiederkehrenden Fragen, obwohl sie die Bienen im Hirn zum summen bringen, auch Entschleunigung. Sie passieren immer dann, wenn ich Situationen wirken lasse, wenn ich mir Zeit nehmen dafür hinein zu fühlen in mich und wenn ich dem Nachklang von Begegnungen lausche. Das junge Mädchen in meinem Post hat etwas zum Klingen gebracht und ich hab mir die Muße genommen diesem Nachklang nachzugehen…… früher wäre ich so etwas übergangen, weil da stand schon wieder das nächste Abenteuer vor der Tür. Heute nehme ich mir Zeit für meine Gedanken. Und das Bloggen ist ein tolles Mittel diese Gedanken zu sortieren….

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    1. Liebe Sonja, ja, ich bin auch ziemlich sicher, dass allen Menschen, die sozusagen „im Gespräch mit sich selbst“ bleiben, die Abenteuer nie ausgehen… Die Art des Abenteuers ändert sich mit dem Alter vielleicht, der Weg dahin auch… Und sich die Zeit zu nehmen, auf „Nachklänge“ zu lauschen, finde ich einen ganz wunderbaren Weg. Ja, manchmal muss ich mich (noch) zum Innehalten zwingen, oft genug kommt es aber auch schon ganz von selber – und dann freu ich mich.
      Manchmal klingelts aber auch sofort, ganz schnell. So ist dieser Text ja erst entstanden: Beim Lesen von DEINEM. Danke noch mal dafür!
      Herzlchen Gruß
      Maria

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