Löffelliste, meine Zukunft und Überraschungen

Eine Löffelliste ist eine Liste aller Dinge, die der Mensch vor seinem Tod – also, bevor er oder sie „den Löffel abgibt“ – gern noch tun oder erreichen möchte. Ich gestehe: Ich hatte immer schon eine Abneigung gegen solche Listen. Mein Gefühl sagt mir, ich setze mich damit nur unnötig zusätzlich unter Druck. Ein kurzer Blick in google bestätigt das sofort: An fünfter Stelle steht bei mir, ich müsse so eine Liste erstellen, „um mehr Ziele erreichen zu können.“ Nein. Ich. Will. Nicht!

Ich will mein kleines Chaos behalten – siehe Foto. Und mich überraschen lassen.

Löffelliste. älter werden

Noch so eine Liste, mit Bleistift zum Abhaken daneben, wie all die andren To-do-Listen, die ich – seit ich wieder selbstständig bin – sowie jeden Tag erstellen muss? Schon die kriege ich ja nie vollständig erledigt. Kein besonders gutes Gefühl …

Außerdem sind meine Ziele eigentlich viel größer. Eigensinnig will ich werden. Und mehr und mehr im Moment leben lernen. All meine Sehnsüchte haben sowie immer mit Wasser zu tun – von Badewanne bis Atlantik/Nordsee. Dafür muss ich keine Listen schreiben.

Und dann gibt es da den Totenhemd-Blog von Annegret Zander und Petra Schuseil, den ich seit einigen Jahren jeden November gespannt verfolge – weil da immer so tolle Texte stehen. Da wollte ich so gern mal dabei mit sein. Okay, ja: Das ist auch ein Ziel. Und dieses Ziel hab ich jetzt sogar erreicht. Das ist toll, herzlichen Dank dafür, Petra und Annegret!

Schreibe ich aber deshalb jetzt eine Löffelliste – obwohl ich das eigentlich gar nicht will? Nö! Statt dessen schreibe ich einen Brief an meine Zukunft. Sozusagen meine – ziemlich eigensinnige – Variante einer Löffelliste. Um das Älterwerden geht es da auch … Und so gesehen, habe ich durchaus den Tod dabei im Blick. Denn das Thema verfehlen mag ich dann doch nicht. Also:

Hallo, Zukunft!

Viel zu lange hab ich gedacht, du bist DER Ort für meine Wünsche und Träume. Aber – wie die Vergangenheit – bist du ja eigentlich nichts weiter als ein unkalkulierbarer Zeitfaktor. Ihr beide dehnt euch aus, schrumpelt plötzlich zusammen und du produzierst auch oft noch Zeitgeister, die ich unerwartet scheußlich finde. Außerdem hast du viel zu viele Möglichkeiten – damit überforderst du mich. Und dann willst du mich auch noch unter Druck setzen, raunst mir zu, dass mir nicht mehr allzu viel Zeit bleibt … Aber: Wozu eigentlich?! Du bist weder planbar noch real – eigentlich kann ich mit dir nicht allzu viel anfangen!

Darum vertraue ich dir meine Träume und Wünsche jetzt einfach nicht mehr an! Die behalte ich bei mir. Und zwar im Hier und Jetzt. Im Moment. Der ist ganz real. Und genau das will ich: Realität. Und Realisierungschancen, ohne ständiges Vertagen auf später, ohne Zeitkapriolen. Planbar. Und zwar nach Möglichkeit allein durch mich.

Löfelliste, Zukunft. älter werden

Sorry, das wird nix mehr mit uns beiden! Trotzdem: Wir hatten auch sehr schöne Zeiten zusammen – danke dafür! Damals waren meine Träume noch so groß, dass sie nicht ins Jetzt passten. Damals brauchte ich dich. Und ich hab sehr gerne in dir, mit dir geträumt. Es hat lang gedauert, bis ich mich wenigstens ansatzweise selbst gefunden habe. Und du hast mir dabei sehr geholfen. Danke!

Jetzt aber sind meine Träume anders. Und ich baue dich aus MOMENTEN neu. Anders.

So gesehen, bleiben wir natürlich weiterhin zusammen … bis ans Ende meiner Tage … Und du bescherst mir immer mal  wieder Überraschungen. Auf die ich neugierig bin und bleiben werde, versprochen! Eine Liste würde die Überraschung verderben. Und ich wäre entweder enttäuscht, wenn ich meine „Ziele“ nicht erreiche. Oder verfalle wieder in meinen Traum-Modus von früher. Ne, da lass ich mich lieber überraschen!

27 Kommentare


  1. Danke für Deinen wie immer erhellenden Beitrag und ein ganz berührtes Herzensdanke für diesen Satz „Du bist weder planbar noch real – eigentlich kann ich mit dir nicht allzu viel anfangen!“
    Wenn ich mein bisheriges Leben an erreichten Zielen in der Zukunft „werten“ würde, dann müsste ich jetzt zugeben, dass ich kläglich gescheitert bin.
    Das kann und will ich aber nicht, weil ich es ja doch gemeistert habe, wenn auch nicht gemäß meiner damaligen Ziel- und Zukunftsvorgaben. 🙂
    Was weiß mein jetziges Ich schon von meiner Zukunft? Was weiß ich heute, was mir in 30 Jahren wichtig ist? Tendenziell geht es in eine Richtung, weil ich diese Richtung jeden Tag mit meinem Tun fördere und von meinen inneren Absichten und Werten getragen bin. Und doch bietet/fordert mein Leben manchmal von mir so viel mehr als sich mein kleines Hirn überhaupt vorstellen kann. (Ohne jetzt einfach nur Opfer zu sein!!!)
    Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von Deinen Plänen/Zielen.
    Herzlichst

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    1. Liebe Michaela,
      dank dir herzlich für deine durchdachte Antwort! Am Ende musste ich allerdings quasi doppelt lachen … Darüber, dass ich mich schon mehr als einmal mit meinen Plänen/Zielen selbst zum Lachen gebracht habe… Und darüber, dass du mich darum hier mit Gott gleichsetzt. PRUUUUST! Aber: Warum eigentlich nicht?! Manchmal ist alles so absurd, dass auch das noch reinpasst 😉

      Ganz liebe Grüße
      Maria

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      1. Ich setze Dich nicht mit Gott gleich😄 auch wenn ich Dich manchmal göttlich finde. Das war ein Spruch, den ich mal gelesen habe. Herzlichst

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        1. Ach, noch bin ich nicht ganz abgedreht ;)… Das war mir schon klar. Aber mir saß da eben ein kleiner Schalk im Nacken … Der war irgendwie niedlich. Also hab ich ihn nicht gleich verjagt …
          Herzlich
          Maria

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  2. Erfreulich, dass es doch noch einige gibt, die sich mit einer Löffelliste nicht anfreunden können liebe Maria. Dein Brief an die Zukunft ist da viel spannender. Ziele sind bestimmt wichtig im Leben. Genauso wichtig sind Zeiten in denen man sich einfach mal „nur“ dem Leben hingibt ohne alles minutiös zu planen. Wozu sich den Kopf über die Inhalte einer Löffelliste zermartern, wenn sich zum gleichen Zeitpunkt die Gelegenheit ergibt, das Leben anderweitig zu genießen? Eine Löffelliste passt für mich irgendwie nicht zu dem Konzept im Hier und Jetzt zu leben. Denn vor lauter Gedanken darüber was ich in der Zukunft noch alles machen und erleben möchte, fliegt vielleicht just gerade in dem Augenblick einer der eindrucksvollsten Momente in meinem Leben vorbei. Das Leben ist aufregend und spannend und das ganz sicher auch ohne Löffelliste.
    Liebe Grüße
    Ursula

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    1. Liebe Ursula,

      gut gesagt – vielen Dank!

      Dann wünsche ich dir jetzt ganz viele aufregende, eindrucksvolle Momente … (und mir selbst auch ein paar…)

      Ganz herzliche Grüße
      Maria

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  3. Liebe Maria,
    vielen Dank für deinen Text. Der lässt mich gerade tiefer nachdenken über Ziele, selbst gemachten Druck und über Überraschungen.
    Liebe Grüße von Lucia

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  4. Ich hab‘ erst gedacht: „Oh Gott, jetzt springt sie auch auf das Boot!“ Aber Gott sei Dank tust Du das nicht. Allein das Wort „Löffelliste“ ist schon gruselig.

    😵

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  5. Die Zukunft aus Momenten bauen und sich überraschen lassen.

    Oh, das klingt wie Geburtstag oder Weihnachten oder . . . , auf jeden Fall nach Geschenke auspacken. JETZT, HIER, im Augenblick, Schleife auf, Papier entfernen und? Sich über den Inhalt freuen. Und wenn nicht? Dann das Beste daraus machen. Welch kluges Verfahren mit einer nicht vorhandenen Zukunftsliste.

    Danke für deinen wunderbaren Brief an EINEN Löffel.

    Liebe Grüße
    Elvira

    bekennender Schreiberling von Löffellisten

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    1. Liebe Elvira,

      ja, tatsächlich hab ich schon mehr als einmal darüber gestaunt, zu was für einer wirklich filigranen Kunst du das Löffellisten-Schreiben machen kannst. Du kannst das, gar keine Frage – und ich bewundere es wirklich. Aber meins ist das einfach nicht. Ja, ich bin dann doch wohl eher der „wo-ist-das-Schleifchen-zum-Aufmachen?-Typ“. Für mich ist das einfach die beste Motivation …

      😉

      Herzliche Grüße
      Maria

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  6. Liebe Maria,
    das war mal wieder klasse, fast so wie mit der Badewanne 🙂
    Hoffentlich meinst du nicht, wenn du meinen Artikel lesen wirst, ich hätte bei dir abgeschrieben 😉 Deine Ansichten zur Löffelliste spiegeln meine sehr. Oder umgekehrt, je nach Sichtweise. Ist unwichtig, nicht wesentlich! Danke, dass ich in deinen Spiegel sehen durfte!!!
    Herzliche Grüße
    Geertje

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    1. Liebe Geertje,

      ich bin wirklich immer SEHR glücklich, wenn ich Menschen finde, die meine Überlegungen, Ansichten und/oder Fragen teilen! Kein Gedanke an „Abschreiben“ oder so. Ganz sicher nicht! Grade im Hinblick auf das „Totenhemd“ drängt sich mir noch mehr als sonst schon der Gedanke auf: Am Ende des Tages sind wir doch sowieso alle mehr oder weniger gleich …. Und ich genieße es einfach, das ab und zu auch im Leben zu spüren/zu erfahren … In diesem Sinn: danke!

      Herzlich
      Maria

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  7. wunderbaaar ausformuliert!!!
    Würde ich einen Brief für und an meine Zukunft verfassen und schreiben wollen, es wäre ein sehr gutes Beispiel dafür.
    herausragend formuliert, es ist alles darin was wirklich wichtig iast
    in der Realität leben und das leben auch an sich herankommen lassen um es zu geniessen – die Vergangenheit nicht verdrängen aber in eine Schublade des Vergangenen stecken, im Jetzt bleiben und neugierig auf all das bleiben was jetzt (noch) kommt…
    Daumen hoch für diese Worte im Brief..
    liebe Grüße
    angelface – ich bin da ganz bei dir.._))

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  8. Hallo Maria, mal eine ganz andere Perspektive … die aufs HIER und JETZT … schön, dass Du wieder dabei warst!

    Ich grüß dich herzlich und wünsche dir einen schönen Sonntag.
    Petra

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  9. Wunderbar, so wollen wir es machen, eine echte Alternative und danke für diese wegweisenden Gedanken

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