Gewichtel im Januar? Aber ja doch!

Ich stell jetzt mal eine steile These auf: Wichtel sind Wintergeister. Bedeutet: Sie können so lang aktiv sein, bis Feuer auf deutschen Nordseeinseln, Schellengeklapper in südlicheren Gefilden oder diverse andre Närrinnen und Narren zwischen Mainz und Venedig sie vertreiben. Dass das Wichteltreiben darum nicht nur auf die (Vor-)Weihnachtszeit beschränkt sein kann, versteht sich wohl von selbst. Ist allerdings ein weit verbreitetes Missverständnis, das hiermit endgültig widerlegt sein sollte.

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Beide Fotos der alten, knorrigen Grazer Bäume stammen von Karin Klug

Weil mir das schon länger klar ist, war ich auch gar nicht überrascht darüber, dass mich ein Wichtel noch im Januar besuchte. Im Gepäck einen exklusiven Blogbeitrag, allein für mich. Gut, was? Ich bin nämlich Mitglied des Texttreffs, einem Netzwerk schreibender Frauen. Und da ist es schöne Sitte, sich gegenseitig mit Blogbeiträgen zu bewichteln. Wer wen, das entscheidet das Los. Meine Wichtelfrau heisst Karin Klug, ist Jahrgang 1964, lebt und arbeitet in Graz (Österreich). Sie ist als Psychologin in freier Praxis und in einer psychiatrischen Reha-Klinik tätig, schreibt Texte aller Art und ist leidenschaftliche Tänzerin und Katzenliebhaberin. Und weil ich nun mal die Betreiberin des Unruhewerks bin, hat sie mir einen Text über das Älterwerden geschenkt. Danke, liebe Karin! Hier ihr Beitrag:

Es wird eigentlich immer besser…

Piep, laut Geburtsurkunde bin ich derzeit 51, aber das vergesse ich meist… ich habe auch schon mal unabsichtlich ein falsches Alter angegeben, weil ich zu schnell gefragt wurde und zu schnell geantwortet habe (ohne vorher an den Fingern abzuzählen, wie viele Jahre es denn nun tatsächlich genau sind)… war mir etwas peinlich… aber das kann vorkommen, denn mein Alter interessiert mich als Zahl nicht besonders, da fehlt mir einfach der Bezug dazu.

Älterwerden also solches ist aber ein großes, ein spannendes Thema. Mit dem ich mich privat wie beruflich viel befasse. Ich beobachte, wie Menschen, Gegebenheiten, Vorstellungen, Erwartungen sich ändern mit der Zeit. Wer war früher alt, wer ist es heute? Als Kind, Jugendliche waren Menschen über 50 für mich sehr, sehr alt. Heute denke ich, dass Menschen über 90 oder 100 sehr, sehr alt sind. Praktischerweise rückt also das Alter immer ein wenig vor mir her – bin schon gespannt, was ich dann mit 70 oder 80 denke 😉

Ich sehe heute viele Menschen in meinem Alter – wobei ich ganz schlecht bin im Schätzen – oder älter oder viel älter, die ich bewundernswert finde. Aktiv, kreativ, neugierig, lebendig, individuell… und da denke ich über das jeweilige Alter dann nicht viel nach. Sondern über ihren Mut, ihr Engagement, ihren Lebensstil, ihre Kunst, ihre Lebenslust…. Ich lasse mich gerne anstecken davon, inspirieren, motivieren.

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Ich finde, es braucht einfach ein paar Jährchen, bis der Mensch anfängt spannend und interessant zu werden, sich aus sich heraus zu entwickeln, zu einer eigenständigen Persönlichkeit zu werden, seine Talente und Fähigkeiten herauszuschälen und gut einzusetzen, seinen eigenen, ganz individuellen Weg zu finden und zu gehen… dann erst wird es richtig interessant. Wenn einmal ein gewisser Erfahrungsschatz da ist. Wenn Fehler, Scheitern, Verluste sich mit Erfolgen, Höhenflügen, Erfüllungen abgewechselt haben und daraus ein buntes Lebenspaket geschnürt wurde, ein ganz eigenes, unverwechselbares.

Früher war das Leben mit 60 quasi zu Ende. Pension, Rückzug, Isolation, Krankheit, Tod. Heute fängt mit 60 ein neuer Lebensabschnitt an. Tut sich eine neue Freiheit auf. Man muss sich nicht mehr an vorgegebenen (Lebens-)Aufgaben abarbeiten (Beruf, Karriere, Kind, Haus, Hund, Stress, Erschöpfung, Scheidung etc.), das alles kann man hinter sich lassen, man hat Erfahrungen gesammelt, weiß wer man ist und was man will und worauf man getrost verzichten kann. Endlich, endlich kennt man sich ein bisschen besser, man hat gelernt, dass tatsächlich nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird, das Leben wird mit einem mal viel entspannter… und eine Wundertüte an Wünschen, neuen Träumen tut sich auf… Wer nicht mehr im (Über-) Lebenskampf steckt, kann seine Energie nun anders, besser nutzen. Kann lernen, sich weiterentwickeln, neues ausprobieren – über Fehler und Ausrutscher darf man dann schon mal lachen.

Ich fühle mich heute besser denn je. Ich liebe meine Arbeit, habe vor einem halben Jahr aus meiner reinen Selbständigkeit heraus wieder eine 2-Tages-Stelle in einer Klinik angenommen, daneben arbeite ich weiter in meiner Praxis als Psychologin. Ich halte gelegentlich einen Vortrag oder ein Seminar (wenn es in meinen Zeitplan passt und mir Freude macht). Ich arbeite als freie Journalistin, mal mehr, mal weniger und ich habe im Vorjahr zwei Blogs gestartet (Psychokram und Rabenfuß sucht Tintenfass). Seit einigen Jahren trainiere ich in einem Tanzsportklub – 4 bis 5 x die Woche, eine meiner größten Leidenschaften. Ich habe noch ziemlich viel vor, ich möchte reisen, an Turnieren teilnehmen, viel mehr schreiben, mich sozial engagieren, das Leben, die Welt weiter erkunden, neue Menschen kennenlernen. Ich glaube nicht, dass Älterwerden unbedingt heißen muss, dass man alt und krank und gebrechlich wird, dass man nicht mehr an der Welt teilhaben kann. Das sind Bilder in unseren Köpfen. Was aber, wenn es auch anders geht? Wenn sich einfach nur neue Lebenswelten, neue Qualitäten auftun? Wenn man nicht jedes Wehwehchen automatisch auf das Alter schiebt… sondern vielleicht auf mangelnde Selbstfürsorge, zu wenig Eigenschutz, auf schlechte Ernährung oder zu wenig Bewegung. Wer sich in den Lehnstuhl zurückzieht und Hirn und Körper nicht pflegt, der wird verkümmern, das ist klar. Wer im Leben bleibt, sich liebevoll (auch) um sich selbst kümmert und den Veränderungen im Leben, in der Welt, in den Beziehungen und im eigenen Kopf und Körper offen, achtsam gegenübertritt, ohne zu urteilen, zu be- und verurteilen, der/die wird vielleicht neue Dimensionen kennenlernen, neue Herausforderungen und neue Arten von Glück.

Ich bin zuversichtlich.

 

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