Fünf Käuze in einer Alten-WG. Der Roman „Mauersegler“ von Christoph Poschenrieder

Von dem Buch habe ich im Radio gehört. Ich weiß nicht mehr, auf welchem Sender. Ist vermutlich auch besser so. Denn die Moderatorin schaffte es, im Gespräch mit dem Autor Christoph Poschenrieder bei mir ein gewisses Unbehagen gegenüber der Romanhandlung zu erzeugen. Ich beschloss, die „Mauersegler“ trotzdem zu lesen – denn Poschenrieder klang sympathisch. Und das Thema interessiert mich sowieso… Ganz grob: Es geht um eine Alten-WG. Und um das Sterben der fünf Protagonisten, die sich in dieser WG zusammen finden.

Autor der "Maueersegler": Christoph Poschenrieder
Der Autor von „Mauersegler“: Christoph Poschenrieder. Foto: Daniela Agostini / © Diogenes Verlag

Aus dem Leben scheiden – freiwillig und schuldlos für Beteiligten?!

Natürlich sollte in der Radio-Präsentation die Handlung, vor allem deren Ende, nicht verraten werden. Und so erging sich die Moderatorin in dunklen Andeutungen, das Ende sei doch ziemlich – ähm – so lala, gewöhnungsbedürftig… Ich weiß die genaue Wortwahl nicht mehr. In meiner Phantasie allerdings entstand die Vermutung, dass sich die Protagonisten dieser Alters-WG alle gegenseitig umbringen. Unschön, bestenfalls schwarzer Humor, schlimmstenfalls sinnlose Morde ohne Krimispannung, zynisch. Und bumm! Da hatten wir es wieder! Die Ignoranz, die Scham, das Unwohlsein jüngerer Menschen, wenn es um die Gedanken an den Tod geht. An einen selbstbestimmten Tod, wohlgemerkt. Was die „Mauersegler“ angeht, würde auch ich das Wort „Sterbehilfe“ jetzt nicht verwenden. Dazu ist die Handlung zu phantasievoll, zu fiktiv. Aber der Roman handelt in der Tat davon, wie sich der freiwillige Abschied aus dem Leben gestalten lassen könnte… Nicht als Selbstmord, nicht als Mord, nicht durch schuldhaftes Verhalten eines oder mehrerer Protagonisten. Tja. Wie sollte das denn gehen?! Schwierige Frage, oder? Mehr verrate ich hier aber nicht über das Ende. Selber lesen!

Wie wollen wir sterben?

Alles andere ist schnell erzählt: Es geht um eine Alten-WG, unkonventionell, wie es in der Natur der Sache liegt: fünf mehr oder weniger erfolgreiche Akademiker, alte Jugendfreunde, beschließen, ihren Lebensabend gemeinsam zu verbringen. In einer feudalen Villa am Starnberger See. Klischee? Kitschig? Nö. Beides nicht. Ich vermute mal, dem Autor ging es um Kontraste: Sterben ist nicht glanzvoll, da hilft eine schöne Villa vermutlich ganz gut als Gegengewicht… Denn DAS Sterben an sich ist überhaupt nicht das Thema. Keiner der Protagonisten lehnt sich dagegen auf. Vielleicht nicht sehr realistisch – aber dafür ist es schließlich auch ein Roman…. Hauptthema ist die Frage: WIE wollen wir sterben?
Dieser Roman ist auf eine Weise liebevoll geschrieben, die mich glücklich gemacht hat. Poschenrieder ist 51 Jahre jung. Und hat ein durch und durch empathisches Verhältnis zu seinen leicht kauzigen alten Männern, ihren Macken und Vorlieben, ihrer gemeinsamen Geschichte. Und ihrem Sterben. Ganz und gar unsentimental, stellenweise zum Lachen. Oder Lächeln. Und es blieb mir auch nicht etwa „im Hals stecken“ – dazu ist die Geschichte zu rund, zu liebevoll, in sich stimmig. Was bei dem Thema alles andere als einfach ist.

Bitte keine Generaldirektorenaufbewahrungsanstalt!

Kostproben gefällig? Bitte: „Aber die Idee der Altenwohngemeinschaft blieb hängen. Ich glaube, uns allen war schlagartig klargeworden, dass wir Angst hatten. Eine Heidenangst vor dem Alleinsein im Alter.“ Damit beginnt die erzählte Geschichte. Die Protagonisten kennen sich allerdings schon sehr, sehr lang…. Darum findet die Handlung auch auf mindestens zwei Ebenen statt, wird plastisch… gelebtes Leben eben. Und ja: Die fünf Alten haben Geld. Sind nicht wirklich die „klassischen Rentner“. Was mir sehr gut gefällt – alles, was beim Thema Älterwerden den klassischen Klischees entgegensteht, finde ich gut. Man einigt sich schließlich darauf, dass es ganz und gar nicht in Frage kommen kann, gemeinsam in „so eine Generaldirektorenaufbewahrungsanstalt einzuziehen“…Ja, sie haben Humor… leicht und lakonisch. Zumindest der Erzähler (andre sind da schon mal ein wenig kauziger…): „Wir hatten exzellent gegessen, schwenkten ein jeder ein Glas Cognac, fast so alt – Verzeihung: reif – wie wir, und waren träge und zufrieden.“

Wer will schon andren „ohne Grund beschwerlich“ fallen?

Und der Mauersegler? Apus apus, so sein zoologisch exakter Name ist – laut Poschenrieder in Brehms Tierleben – ein „herrschsüchtiger, zänkischer, stürmischer und übermütiger Gesell, der strenggenommen mit keinem Geschöpfe, nicht einmal mit seinesgleichen in Frieden lebt und unter Umständen andren Tieren ohne Grund beschwerlich fällt.“ Fazit des Erzählers: „Einer wie ich“. Denn ihm „gefällt die Vortsellung, dass sterbende Mauersegler einfach die Flügel falten und zu Boden stürzen.“ Er ist sich nicht sicher, ob das wirklich so stimmt. Und ganz so kommt es am Ende natürlich auch nicht…. Aber das ist egal, denn letzten Endes kommt es „nicht drauf an, wie alt man wird, sondern wie man alt wird.“ Stimmt. Und genau darum geht es.

Das Buch

ist erschienen im Diogenes-Verlag – bestellt doch, wo ihr wollt… Ich mach dazu keine Vorgaben. Die ISBN ist 978-3-257-06934-1 – kann euch jede Buchhandlung besorgen. Es kostet 22 Euro und ist gebunden… also durchaus gut geschenk-tauglich. Das Buch findet ihr bei Diogenes – neben weiteren Infos zum Autor – hier.

 

 

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