Auswertung Blogparade: „Hilft euch das Schreiben? Wenn ja, wobei?“

Wow! Ihr seid so toll! Ganz herzlichen Dank für eure Beiträge! Ihr seid auf meine Anregungen eingegangen, habt Eigenes entwickelt und thematisiert, mich überrascht, aus ganz unerwarteten Winkeln hierher gefunden, habt Texte geschrieben  – und sogar Gedichte. Da ist so vieles dabei, das kommt von ganz innen, ist offen, zögernd, fragend, tastend – was diese Blogparade zu etwas ganz Besonderem macht. Ich war – und bin noch – ganz „geplättet“.  Grobes Fazit: Schreiben hilft. Mit absoluter Sicherheit. Denn allein, wer sich hier alles versammelt, austauscht und über ein Thema indirekt, untereinander völlig unbekannt in eine Art Dialog kommt, das ist ganz einfach WUNDERBAR! Dabei werden Grenzen überschritten: mehrfach die zwischen Deutschland und Österreich. Und die zwischen kranken und gesunden, beruflich schreibenden Menschen, Buch- und Tagebuchautorinnen, Bloggerinnen und und …

Bitte! Alle nachlesen!

Ich habe mich auf die Auswertung sehr gefreut. Und jetzt stehe ich vor dem Spagat: Wie soll ich euch allen gerecht werden?! Ich fang ganz einfach mal der Reihe nach an – und empfehle euch ausdrücklich, ALLE Beiträge im Original nachzulesen. Denn sie sind wirklich alle ganz toll, individuell und in sich ausgefeilt … So, wie Texte sein sollen. Danke, danke, danke!

Vom „Wandeln“ zwischen Bericht und kreativem Schreiben

Die Frau, die mit ihrem Beitrag so schnell war, dass ich mich am Ende korrigieren muss, war Geertje Wallasch, also: Danke dir, du warst die Erste! Sie titelt in ihrem Blog „wandelsinn“: „Ich schreibe, also bin ich!“ Und das ganz sicher nicht erst seit kurzem: „Ein Notizbuch oder eine Schreibkladde habe ich immer bei mir. Einen Stift sowieso. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals anders war.“ Das Schreiben begleitet sie also schon ihr ganzes Leben lang – und zwar zu buchstäblich allen Anlässen. beruflich und privat, auf Reisen und als Trainingstagebuch bis hin zum Triathlon. In Gedichten, Essays und immer wieder Tagebüchern: „Das Wandeln zwischen Berichten und dem kreativen Schreiben, das eine gewisse Flexibilität erfordert, ist wie ein neues Gericht zu kreieren. Ich probiere gerne neue Rezepte beim Kochen aus. Oder lasse auch einfach meine Fantasie als Chef de Cuisine walten. Aus der Vielfalt schöpfen …“ Den ganzen, sehr lebendig geschriebenen Beitrag findet ihr hier. Danke noch mal!

Wut, Begeisterung und Liebeskummer als Schreibelexir

Petra Kopf war die Zweite. Sie kommt aus der Nähe von Ravensburg ist Schauspielerin, Tanz- und Bewegungstherapeutin. Das Schreiben scheint für sie aber – trotz oder wegen? – all der anderen kreativen Ausdrucksmöglichkeiten, die sie sich geschaffen hat, alles andere als unwichtig zu sein. Denn: Sie ist „eine ziemlich leidenschaftliche Person. Zum Schreiben bewegen mich besonders drei Gefühle. Sie sind wie Zündstoff für meine Sprache, die sich dann durch den Wust von erhitzter Wortflut einen Weg sucht, um Ordnung zu schaffen. Die drei Schreibelixiere heißen Wut, Begeisterung und Liebeskummer.“

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Und dann erzählt sie: „Hin und wieder passiert es mir aber auch beim Schreiben, dass die Worte direkt aus dem Bauch auf den Bildschirm schießen und abgesendet werden ohne langes Abwägen und Aufbereiten. Ich muss dann damit leben, dass der Empfänger oder die Empfängerin eventuell nicht antwortet. Dann bin ich enttäuscht. Es sollte auch das spontane, unverblümte Wort erlaubt sein. Eines ist für mich sicher: Niemand schreibt für sich allein. Im Schreiben ist das Senden schon einbezogen. Wir haben immer einen Empfänger im Blick, und wenn es wie bei Anne Frank die fiktive Kitty ist. Während ich dies tippe, sitzt du mir gegenüber. Ich sehe dich lächeln und stirnrunzeln. Dass du da bist, liest und zuhörst ist mir wichtig. Lass uns im Gespräch bleiben.“ Sehr gern liebe Petra! Und wer den ganzen Beitrag nachlesen möchte: Hier geht’s lang.

Wenn Schreiben Liebe und Beruf(ung) ist

Der nächste Text kam von Biggi Mestmäcker. Sie hat eine ganz andere Perspektive auf das Schreiben. Natürlich. Denn: „Ich bin Texterin. Ich schreibe also, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“ Doch ganz offensichtlich ist sie jemand, der das wichtigste „Handwerkszeug“ ihres Berufes auch noch liebt, fast könnte man sagen, sie ist regelrecht abhängig davon, denn: „Mir hilft das Schreiben in jeder Hinsicht beim Leben.“ Das ist das Fazit der Texterin, Kreuzworträtsel-Macherin, Social-Media-Fachfrau und Autorin. Sie begründet das auch: Schreiben schafft Struktur, ist Kommunikation, macht Freude und – kann auch ziemlich ulkige Wege gehen, bei Biggi zwischen den Fingern auf der Tastatur und/oder dem Notizbuch in der Tasche. Bitte selber nachlesen!

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Wirklich bemerkenswert finde ich ihren Punkt „Schreiben befreit: Ich schreibe als Therapie. Ich schreibe, wenn ich glücklich bin, wenn ich traurig bin, wenn ich überlastet bin. Ich schreibe, damit Emotionen – positive wie negative – aus mir heraus ihren Weg finden. Manchmal MUSS ich einfach schreiben. Schreiben macht frei. Mein bisher längster Text, der aus einem solchen Schreib’zwang‘ heraus entstanden ist, ist dann mein bisher erstes und einziges Buch geworden. Dieses Buch ist mir quasi einfach so passiert.“
Ich denke, dann muss es Liebe sein … Wenn einem solch ein Buch einfach mal eben „passiert“! Danke, Biggi!

 

Schreiben als Reflexion und Wissens- bzw. Gedankenablage

Als nächstes kam ein Beitrag aus dem Blog der Chaostante. Sie begann – wie vermutlich viele von uns – mit diesen „wunderbar gebundenen und in seidenartigem Stoff eingewickelten Büchern aus dem Chinaladen“. Und schrieb Tagebuch. Heute hat sie einige sehr überzeugende „Gründe und Effekte“ ihres Schreibens:

  • Wenn ich mit einem Thema durch bin und es nicht noch einmal erklären möchte, verfasse ich ein umfangreiches Skript, ein Sachbuch oder entsprechendes Selbstlernmaterial. Ich bin dann auch durch mit dem Thema und möchte es nicht noch einmal erklären.
  • In Erfolgsbüchern oder im Journaling reflektiere ich meine Veränderungsprozesse für mich selbst. Diese sind nicht öffentlich und sollten es auch nicht werden.
  • In diesem Blog reflektiere ich öffentlich über meine LETHI und andere Umstände des ganz normalen Lebens. [Anmerkung Maria: Sie schreibt ihren Blog „Aus den Untiefen des depressiven Alltags“]
  • In meinem beruflichen Blog geht es wieder um Sachthemen. Häufig auch hier wie bei der Nummer eins dieser Liste um Antworten auf häufig gestellte Fragen oder um Reflexionen zu »neuen« Methoden und Techniken auf meinem Arbeitsgebiet.
  • Im Ideenbuch halte ich all die Gedankenschnipsel fest, aus welchen sich eventuell auch noch wunderbare Projekte gestalten lassen. Ob diese monetarisierbar sind oder nicht, entscheidet nicht über den Eingang in das Buch.
  • Hier und da beteilige ich mich auch an lyrischen Projekten, immer dann, wenn mir ein Text aus der Feder rauscht.

Ihr Fazit ist: „Tja, wenn ich es so betrachte, gibt es zwei Gründe für das Schreiben: die Reflexion und die Wissens- bzw. Gedankenablage.“

Sie schreibt mit „Würze und Spitze“ … merkt nicht jede/r sofort

Und dann kam Beate Ruf – die ich meinen „Stammlesern“ nicht mehr vorstellen muss … Sie beginnt, leicht zweifelnd: „Bin ich doch kein klassischer Schreiberling und nur durch Zufall zum Schreiben und dann noch in einer klitzekleinen Nische gelandet, jedoch wie für mich gemacht oder besser gesagt: von mir gemacht (jetzt bin ich mal unbescheiden).“ Ja! Sie meint ihren Blog. Hier.

Beate Ruf, Schreiben hilft, Schreiben, Schreiben als Therapie, Blogparade "hilft Schreiben"? Älterwerden, 50plusWeiter sagt sie: „Ein ganz klein wenig habe ich schon vor dem Blog geschrieben. Reisetagebücher nämlich. Angefangen hat es mit Familienreisen nach Großbritannien. Manchmal hat auch mein Mann seinen superkreativen, hochwitzigen Senf dazu gegeben. Meine Kinder durften auch mitlesen und kommentieren. Allesamt sind wir gesegnet mit einem bissigen Humor. Das Schreiben dieser Tagebücher war ein Ritual, das leider schon wieder verloren gegangen ist. Am Morgen noch mal den Vortag Revue passieren zu lassen, kritisch beäugt versteht sich, ist ein schöner Start in den neuen Ferientag.
Bei meinem Blog verhält es sich ein klein wenig anders. Irgendwo schlummert eine Idee im Hinterkopf, manchmal ziemlich lange und dann kommt während des Schreibens noch dies und das dazu und verleiht der Kopfstory noch etwas mehr Würze und die eine oder andere Spitze.
Ob mir schreiben hilft, kann ich nicht sagen, wobei sollte es mir denn helfen? Es macht Freude, seine Ideen niederzuschreiben, ja, das stimmt, aber ob es mir bei irgendetwas behilflich ist, kann ich wirklich nicht sagen.“
Dann spricht sie meinen „Aufmacher-Beitrag“ an und sagt: „du sprichst auch das Thema Fiktion an und die Veröffentlichung unter einem Pseudonym. Ähnlich verhält es sich ja bei meinem Blog. Aber ehrlich, wenn ich mich nicht einer erfundenen Person, die mir zugegebenermaßen sehr ähnlich ist, bedienen würde, könnte ich so nicht schreiben. Ich müsste beispielsweise die ganze Zeit aufpassen, dass ich meine Familie nicht lächerlich mache. Und dem Rénate habe ich extra die Langeweile des Renterdaseins auferlegt, damit es sich einen Job sucht und ich nicht auf meinen Sozialarbeiterstories sitzen bleibe.“ Wer „das Rénate“ nicht kennt, dem entgeht vielleicht die ganz leise Ironie (= meine Worte, für sie eben „Würze und Spitze“). Aber ich schwöre euch: Die gibt es! Zum Abgleich vielleicht (noch mal) das hier gucken

Der feine, aber wichtige Unterschied zwischen Bloggen und kreativem Schreiben

Michaela Ziegler unterteilt ihr Schreiben in das Schreiben für ihren Blog Platz-nehmen, das für sie immer auch „Absicht und Fokus“ hat – und das freie, kreative Schreiben. Sie stellt sich spannende Fragen (die auch mich noch immer umtreiben …), etwa: Wo ist mein Platz als Bloggerin? Und wieviel mag ich von mir selbst preisgeben?  Dann bricht sie eine Lanze für das kreative Schreiben. Da passiert es ihr nämlich, dass „Gedanken nach außen mögen, amüsante, unterhaltsame aber auch verstörende“ – von denen sie oft genug selbst überrascht ist.
Am Ende steht ihr Fazit: Doch, Schreiben hilft! Eindeutig. Denn sie kann sich beispielsweise morgens „leer schreiben für den kommenden Tag, Platz machen, damit ich in Ruhe dem Raum geben kann, was der Tag so bringt. Ohne dass ich das Sammelsurium an aufmüpfigen, unkontrollierbaren und unproduktiven Gedanken und Grübeleien den Tag über ‚mitschleppe‘.“ Und sie stellt fest: „Eine Philosophin ist ganz versteckt in mir und kommt mit Schreiben viel lieber an die Oberfläche als beim Reden. Sie ist schüchtern, zeigt sich nicht immer so in aller Öffentlichkeit. Doch wenn wir beim Schreiben allein sind, dann ist sie präsent und inspirierend, bringt mich zum Lachen oder fordert Tränen von mir. Schreiben ist Übung für mich. Übung, die schwirrenden Gedanken dingfest zu machen, sichtbar werden zu lassen ohne Bewertung, sie greifbar zu machen, gleichgültig, was dann damit passiert. Schreiben macht auch die Seele freier.“
Da bin ich wirklich froh, dass ihr letzter Satz lautet: „Und ich kann jetzt guten Gewissens und aus vollem Herzen sagen, JA, Schreiben hilft mir und macht mir Freude.“ Ihr ganzer Beitrag hier. LESEN!

Schreiben schafft „Orte der Erinnerung“

SonjaM ist Deutsch-Kanadierin, „reiselustiger Fischkopp, auf Zweirad oder zu Fuß unterwegs“ – und bloggt, ziemlich lang und recht intensiv, wie mir scheint. Sie hat quasi schon eine eigene Geschichte aus ihrem Bloggerleben gemacht – das bewegt sich hin und her: „Begonnen hat alles 2003. Ich bezeichne mich also mal als Blog-Veteranin. Seinerzeit habe ich ein Online-Tagebuch angefangen, um unsere Auswanderung nach Kanada zunächst für mich selbst zu dokumentieren und im privaten Umfeld von unseren Erfahrungen zu berichten.“ Später: Während einer Auszeit fing sie an, sich „wieder einem alten Hobby, dem Motorradfahren, zu widmen. Dank dieses Tagebuchs habe ich übrigens viele nette gleichgesinnte Moto-Blogger aus aller Welt kennengelernt, sowohl im virtuellen als auch im realen Leben. […] Über die Jahre habe ich beide Blogs als „Übungsplatz“ beibehalten, um im (Sprach-)Training zu bleiben.“ Und: „Vor kurzem habe ich die Montagsgeschichten ins Leben gerufen, um den Geschichten einen Platz zu geben, die sonst nirgendwo hinein passen wollen.“ Ihr Fazit: „Ich schreibe in erster Linie für mich selbst. Meine Blogs sind Orte der Erinnerung. So, wie ich früher in einem Fotoalbum geblättert habe, so ‚blättere‘ ich heute in meinen Web-Journalen. Und je älter ich werde, desto wichtiger erscheint es mir, meine Erlebnisse und Gedanken in dieser Form festzuhalten.“ Den kompletten Beitrag gibt’s hier – danke, Sonja!

„Meine Sprache ist die Schrift“ – vor allem, wenn alles nicht (mehr) so einfach ist

Und nach der Chaostante kam die zweite Bloggerin, die meine Aufforderung, Schreiben auch im Licht von Krankheit und/oder Lebensumbrüchen zu betrachten, beim Wort nahm – darüber habe ich mich besonders gefreut. Denn Michaela Schara lebt mit der chronisch-entzündlichen Darmkrankheit Morbus Crohn – und stellt fast schon lapidar fest, dass es natürlich „auch in der Seele immer wieder weh tut, wenn der Körper nicht so mitmacht bei dem, was man sich so fürs Leben erhofft hat.“ Direkt danach kommt – ohne Wenn und Aber – ihre sehr klare Aussage: „In diesen Momenten hilft mir Schreiben.“ Wie das geht? Das beschreibt sie mehr als anschaulich: „Die krausen, dunklen, müden Gedanken aus dem Kopf ziehen, in einen Satz gießen, den nächsten dranhängen, einen nach dem anderen. Bis das Gewusel in Herz und Hirn leichter wird und aus dem Buchstabensalat ein Hoffnungslachen herausgrinst.“

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Ähnlich wie Michaela Ziegler kennt auch Michaela Schara mindestens zwei verschiedene Arten des Schreibens: „Wenn es um konkrete Infos geht, schaffe ich es mittlerweile, flott auf den Punkt zu kommen. Aber das ist ‚normales‘ Schreiben. Schreiben aus Spaß ‚an der Freud‘, um zu entlasten, um Trauer oder Freude zu verarbeiten … funktioniert anders. Das fließt aus dem Herz in die Tasten, das Hirn steht nur beobachtend daneben und die Seele hat Zeit, den Gedanken und Emotionen den Raum zu geben, den sie brauchen, um verarbeitet zu werden. Eines meiner bevorzugten ‚Therapiegeschreibsel‘ sind Briefe. Und zwar von der Art, wie man sie selten bis nie abschickt. So habe ich vor ein paar Jahren angefangen meinen Crohn geistig zu bearbeiten. Bearbeiten: Das ist kein Vertipper, sondern eine Mischung aus ‚verarbeiten‘, ‚aufarbeiten‘ und ‚mal ordentlich die Meinung reingeigen‘.“
Und da beginnt er dann, einer ihrer Briefe an den Herrn Crohn, denn nicht von ungefähr heißt ihr ganzer Blog lieberherrcrohn.at – unbedingt ganz lesen: Hier! Michaelas Fazit: „Meine Sprache ist die Schrift – habe ich einmal gesagt. In geschriebenen Worten kann ich das ausdrücken, was auszusprechen nicht immer einfach ist.“

„Kurzgeschichten aufs Papier rotzen“

Alles noch zu harmlos? Na gut, dann kommt jetzt Nessa Altura, die Frau hinter dem Autorenexpress.

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Sie sagt: „Bei mir ist eine Wallung ganz besonders ergiebig: die von Wut und Zorn. Wenn ich davon ganz und gar erfüllt bin und gleichzeitig natürlich weiß, dass mein Gemüt übers Ziel hinausschießt und die Adressaten meines Zorns ungerecht behandeln will, dann setze ich mich hin und rotze eine Kurzgeschichte aufs Papier. Und sogleich geht es mir besser. Der Zorn hat sich erfüllt, die Emotion hat einen Auslass gefunden, das Ergebnis kann später durchaus verwendet werden. Und mir geht es besser. Das Gute daran ist: Es gibt keine Verwundeten.“ Die Frage, ob und wobei Schreiben helfen kann, erübrigt sich hier … Danke, Nessa! Ihren kompletten Beitrag findet ihr hier.

Vom „Horror vacui“ zur Empathie …

Und dann kam eine echte Überraschung: Als „alte Journalistin“, die ich ja auch bin, hatte ich völlig unterschätzt, welche Wirkung noch das kleinste Schnipsel Text in einem Magazin wie „Zeit für mich“ haben kann … Klar hatte ich mich gefreut, dass da jemand mich und (fast) all meine Blogs in 800 Zeichen vorstellen wollte (am Ende habe ich das mehr oder weniger selbst getextet …) Aber: Das war wirklich gut geplant. Direkt daneben wurden nämlich Evelyn Kapaun und Karin Niederhofer vorgestellt: Die zwei bieten mit http://www.zwei-im-bild.com in Wien Webinare für „alle ab der Lebensmitte“ an. Evelyn mailte mir im Namen der beiden – und beteiligte sich sofort an dieser Blogparade. Ich habe ihren Text in ein separates pdf gepackt, weil er so nirgends im Netz steht. Hier findet ihr den Originaltext. Ihre wichtigsten Gedanken: Obwohl sie als langjährige Verlags-Lektorin und Journalistin durchaus Text- und Buchprofi ist, gibt sie zu, dass sie „oft unverhältnismäßig lange an Sätzen und diesem vielschichtig verwobenen Gespinst, das man ‚Text‘ nennt, herum“ feilt, immer wieder aufs Neue „Angst vor dem leeren Blatt“ (also den berühmten „horror vacui“) hat – und zwar jedes Mal, „wenn ich ein neues Thema bearbeiten soll.“ Dabei hat sie ein breites Themen-Spektrum, schreibt für Kinder und  Jugendliche und sagt: „Ich bin ganz bestimmt kein Fachidiot und kann auf relativ hohem Niveau bei den meisten Themen nicht wirklich mitreden.“ So negativ das jetzt vielleicht klingen mag, für sie besteht genau in dieser Herausforderung der Gewinn des Schreibens: Es hilft ihr, immer wieder neu „von meiner Haltung und Einstellung her jung zu bleiben.“ Ich glaube ihr das aufs Wort, denn sie sagt außerdem: „Du musst dir immer auch deiner ZIELGRUPPE bewusst sein. Dazu gehört viel Handwerk und vielleicht noch mehr Empathie.“ Ganz sicher! Danke, Evelyn!

„Schreiben macht Unbewusstes wieder bewusst“

Und dann kam Daniela Pucher, lustigerweise auch aus Wien … vielleicht solltet ihr beide euch mal unterhalten! Denn auch Daniela – ebenfalls Schreibprofi durch und durch, in dem von mir höchst bewundeten Beruf einer Ghostwriterin – schreibt Dinge wie: „wenn wir dann zu einem bestimmten Thema unser Bewusstsein nach Wissen durchforsten, ist da zunächst einmal – nix. Gähnende Leere. Und dann glauben wir, dass wir nichts wissen und nichts können und überhaupt.“ Leute, was ist los?! Lauter Profis antworten mir hier – und überall Zweifel?! Gottseidank erklärt Daniela die Sache mit dem Bewussten und Nicht-Bewussten sehr plausibel: „Es scheint typisch zu sein, dass man für das, was man ständig tut, nicht die passenden Worte hat. Das liegt offensichtlich daran, dass wir Routine ohne Zutun unseres Bewusstseins erledigen können. Wir lernen etwas, sprich: Wir erwerben explizites Wissen. Dann verinnerlichen wir es, der Autopilot übernimmt und wir brauchen unser Bewusstsein nicht mehr dafür. Wäre auch extrem mühsam, wenn wir ständig eine Schritt-für-Schritt-Anleitung bräuchten! Stellen Sie sich das nur beim Schreiben vor: Hallo rechter Zeigefinger, du musst jetzt eine Reihe höher und die Taste mit dem U drauf drücken, dann bitte eine Reihe runter und die Taste mit dem N drücken … Da bräuchten Sie hundert Jahre, um Ihr Buch zu schreiben.“ Stimmt natürlich. Und noch besser ist: „Schreiben macht Unbewusstes wieder bewusst.“ Davon handelt der nächste Absatz in Danielas – wie ich finde – sehr aufschlussreichem Text. Lesen! Hier!

„Und wenn es nur einem einzigen Menschen auf der ganzen Welt hilft …“

So langsam fange ich an zu glauben, dass ihr euch abgesprochen habt! Denn direkt danach kam der Beitrag von Elvira Löber, die als Septemberfrau „Frauen in der zweiten Lebenshälfte“ im Blick hat und behauptet: „Schreiben können nur die Anderen!“ Ganz klassisch: Eine Deutschlehrerin brachte sie zu dieser Nicht-Einsicht, aus der ganz schnell der tiefsitzende Glaubenssatz wurde: „Ich kann das nicht!“ Wie leider bei ganz vielen Menschen. Was Elvira da beschreibt, ist eine persönliche Entwicklungsgeschichte: Wie wir lernen können, uns den Spaß am Schreiben wieder zu erobern, in ihrem Fall sogar bis hin zum Betreiben eines Blogs mit bisher 119 sehr geschlilfenen, nachdenklichen, fröhlichen, fragenden Texten. Ganz freiwillig war das nicht, und schrecklicher Schmerz gehört(e) leider ebenso dazu wie die ewige Unzufriedenheit einer Perfektionistin … Auch das kennen viele von uns nur allzu gut. Zu ihrem – und unserem! – Glück lernte Elvira, das alles in den Griff zu kriegen. Und die positiven Seiten des Schreibens (wieder) zu entdecken: Erst wurde ihr Schreiben „zur Therapie, zur Krisenbewältigung“, dann startete sie ihren Blog, indem sie ihren „ganzen Mut zusammennahm“. Dafür bin ich ihr ebenso dankbar wie für diese ungeschönte, vollständige Geschichte des Verlusts und der Wiederentdeckung von Schreib-Lust – und finde: Ihre Geschichte ist fast schon exemplarisch. Sie komprimiert das alles perfekt (jawoll!) mit den letzten Sätzen ihres Beitrags: Noch immer fällt es ihr schwer, etwas zu veröffentlichen …. und doch, und doch: „trotz alledem werde ich es immer wieder tun – schreiben, schreiben, schreiben und das Ganze veröffentlichen. Und wenn es nur einem einzigen Menschen auf der ganzen Welt hilft, dann hat das Schreiben einen Sinn.“ Ja, hat es! Danke, Elvira! Der ganze Beitrag hier.

„Wir schreiben, weil die Gedanken und Gefühle irgendwo hin müssen“

Und dann kam meine Lieblings-Uschi. Ich weiß nicht, wie die Frau das macht, aber irgendwie schafft sie es immer, alles auf den Punkt zu bringen. So auch dieses Mal. Sie betont, dass es keine Faulheit sei, dass ihr Text ziemlich kurz ist, sondern eben einfach ihr Stil. Was zweifelsohne stimmt (und mich jedes Mal wieder freut. Und wundert. Wie kann man nur so kurz-freundlich-pragmatisch-klug sein, und das alles quasi in einem einzigen Atemzug?!) Aber ich, ich bin jetzt mal eben einfach faul und sage: Lest doch bitte selbst! Naja, ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Denn Uschi hat durchaus auch eine poetische Ader. Ihre letzten Sätze sind ein so wunderbares Twitter-Zitat, von @wortgefluester, dass ich das doch hier noch erwähnen muss: „Wir schreiben nicht, um gelesen zu werden. Wir schreiben, weil die Gedanken und Gefühle irgendwo hin müssen.“ Perfekt, oder?

D*A*N*K*E!

So. Und jetzt kommt die größte Überraschung von allen! Das war sie jedenfalls für mich: „Was Du, Maria, mir heute mit dem Aufruf geschenkt hast, ist unglaublich. Ganz anderes stand eigentlich auf meinem Arbeitsplan. Und jetzt tut mir der Hintern weh, vom viel zu langen Sitzen, die Augen brennen vom anstrengten Glotzen auf den hellen Schirm, der Kopf, er schwirrt von all den vielen Gedankenblitzen.“ Das schrieb mir Karin Hartel, sie macht „Kunst vom Hof“ und hier geht’s zu ihrem Blog. Kein Wunder, dass ihr der Hintern wehtat … Denn sie schenkte mir mal eben vier Gedichte, ganz allein und exklusiv für das Unruhewerk geschrieben. Und was für welche!

Schreiben statt Ersticken

Wenn ich nicht schreibe,

ersticke ich an den ungesagten Worten.

Wenn ich sie schon nicht aussprechen kann,

so muss ich sie doch sichtbar machen.

Das Gedachte festhalten in irgendeiner Form,

sie in die Welt entlassen.

Der Leser sieht mich unter Umständen nicht,

sein Echo erreicht mich in den seltensten Fällen.

Ja manche Texte bleiben ungelesen,

ihr Echo erreicht nur mich selbst.

Das gibt mir die Freiheit

um ehrlich zu schreiben

was mir die Kehle zuschnürt.

Karin Hartel, Kunst vom Hof, Bersenbrück der 22.2.2018 für das Unruhewerk

 

Schreiben ist lautloses Schreien

Unrecht geschieht mir gerade

ich spüre es genau,

will mich wehren.

Doch wenn ich den Mund öffnen würde,

dann käme kein normaler Ton.

Ich würde schreien,

toben, ehrlich sein.

Mein Gegenüber wäre geschockt

und für mich nicht mehr nutzbar.

Doch brauche ich dieses Gegenüber

im ganz normalen Alltag,

den Vorgesetzten,

den zuständigen Sachbearbeiter,

den so kompetenten Arzt.

Ausgeliefert fühl ich mich,

in der Abhängigkeit der Sachzwänge.

Auch deshalb schreibe ich –

mir alles auf –

mir alles von der Seele.

Ich schreie nicht,

ich wehre mich mit Briefen.

Zugegeben, manche versende ich nie,

andere erreichen den Ungerechten,

wenn ich in Sicherheit bin,

der Bescheid bewilligt,

das Arbeitsverhältnis gelöst,

mein Kopf wieder frei ist.

Und welchen Sinn hat dann der Brief?

Er fordert ja Gerechtigkeit

nicht nur für mich.

Ich fordere Gerechtigkeit

auch für die Stummen,

die nicht schreiben können.

Karin Hartel, Kunst vom Hof, Bersenbrück der 22.2.2018 für das Unruhewerk

XXX

 

Ich schreibe um mein Leben

Ich schreibe um mein Leben,

ich schreibe um nicht aufzugeben.

Ich schreibe um mein Leben,

um Atem ringend

Freiheit suchend

Hoffnung findend.

Ich schreibe um mein Leben,

ich schreibe um nicht aufzugeben.

Karin Hartel, Kunst vom Hof, Bersenbrück der 22.2.2018 für das Unruhewerk

* * * * * * * * * *

 

Schreibhilfe

Schreib mir

das wird helfen

Schreib mir

das wird dir helfen

wenn du ehrlich schreibst

Schreib mir

das wird mir helfen

wenn du es ehrlich mit mir meinst

Ich schreibe dir

weil ich mir helfen will

mit Ehrlichkeit am Gegenüber

Ich schreibe dir

weil du mir wichtig bist

du wunderbarer Mensch

Du schreibst mir nicht

ich warte lange

und liebe dich

trotz alledem

Du schreibst mir nicht

was ich versäumt hab

so hab ich Zeit

und denke nach

Und schreibe weiter

Liebesbriefe

an dich, an mich

an jedermann

Karin Hartel, Kunst vom Hof, Bersenbrück der 22.2.2018 für das Unruhewerk

 

 


Alle Fotos stammen von den Urhebern der Beiträge – und sind auch jeweils dorthin verlinkt.

 

Ich freue mich, wenn ihr diesen Beitrag in die Welt tragt ... danke!

14 Kommentare



  1. Wow. Endlich hab ich Zwit gefunden, alles zu lesen. Ich bin beeindruckt! Und diese Gedichte haben mich ganz besonders berührt <3

    Danke dir, liebe Maria, für deine Blogparadenidee und danke an alle für diese schönen Einblicke 🙂

    Antworten

  2. Danke, liebe Maria,

    für die spritzige Zusammenfassung. Ganz frei nach „Herzblatt“ 🙂

    Wunderbar, welche Blogs sich beteiligt haben. Ich habe einige mehr auf der Follow-Liste.

    Die
    Chaostante.

    Antworten

  3. Liebe Maria,
    alles richtig spannend! Werde eure so tollen Beiträge lesen.
    Habe ich etwas falsch gemacht? Ich bin nicht dabei. Direkt am Anfang für deine wunderbare Blogparade „geworben“ und dann geschrieben. Du hattest auch immer geantwortet,
    liebe Maria.
    Herzliche Grüße
    Geertje vom Wandelsinn 😉

    Antworten

    1. Liebe Geertje,
      o jeh, nein, nicht du hast was falsch gemacht. Ich hab deinen Beitrag irgendwie aus den Augen verloren. Vielleicht warst du einfach zu früh. Tut mir schrecklich leid – wird nachgeholt, so bald ich wieder einen Rechner hab… Im Moment nur Handy, da schaffe ich das nicht. Sorry, sorry! Bis bald, zerknirscht
      Maria

      Antworten

  4. Liebe Maria,
    all das zu Lesen bestätigt mir die Wichtigkeit des Schreibens.
    Ernsthaft bin ich am Sortieren, was in meinem Leben wichtige Schreibzeit frisst. Und ich habe eine Sache gefunden.

    Ist es noch möglich einen Hinweis zu meinem Blog einzufügen?
    https://kunstvomhof.blogspot.de

    Für heute ist meine PC Zeit abgelaufen. War schon zuviel, aber so wunderbar, dass ich die Verspannungsschmerzen überleben werde.
    – breites Grinsen – dicke Umarmung
    bis ganz bald Karin, die mit der Kunst vom HOf

    Antworten

  5. Wow! Was für eine Fülle! Da werd ich mich die kommende Tage durchlesen, bin schon gespannt 🙂 Vielen Dank fürs Verlinken und für die tolle Idee dieser Blogparade! Freu mich, dabei gewesen zu sein, alles Liebe, Michaela

    Antworten

  6. Danke, liebe Maria, für diese wundervolle Blogparade und deinen hervorragenden Kurzüberblick.

    Und nun nehme ich mir frei und lese genüßlich einen Artikel nach dem anderen. Ach, ist das schön.

    Liebe Grüße und ein herrliches Wochenende
    Elvira

    Antworten

    1. Nun noch weitere Blogs gelesen. Was ist das hier eine Fülle von guten Texten. Von Euch kann man/frau einiges lernen…weiterhin viel Spaß beim Schreiben…wir lesen uns 😉
      Interessant ist auch, wie sehr wir uns an einigen Stellen die schreibenden Hände reichen können.
      Herzliche Grüße vom Niederrhein

      Antworten

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