Älterwerden als Projekt. Oder: Bertram Kaspers Buch „Die größte Reise deines Lebens“
Was passiert, wenn wir das Älterwerden zu einem Projekt machen? Zu einer geplanten Reise inklusive der möglichst gut justierten Anrechnung von Gefahren, Chancen und Möglichkeiten?
Jaaaa … kann man machen. Ja, manchen Menschen gibt so ein Vorgehen mehr Sicherheit. Und ja: Uns fehlen Vorbilder, Möglichkeiten und Alternativen, Selbstverständlichkeiten und die Planungssicherheit – vor allem, wenn es darum geht, dass die Rente „vor der Tür steht“ oder bereits Realität ist. Kurz, es fehlt die Selbstverständlichkeit der riesigen Vielfalt, der wir im Berufsleben ständig begegnen: Teil- oder Vollzeit, angestellt in Konzernen oder mittelständischen Unternehmen, bei einer Non-Profit-Organisation oder auf Provisionsbasis, Startup gründen oder sich freiberuflich selbstständig machen? Das waren nur einige der vielen Möglichkeiten, die wir haben … Gibt es Vergleichbares für die Zeit als Rentnerin, Pensionär oder Flexi-Kraft? Kaum. Und genau da beginnt natürlich schon ein großes Maß an Unsicherheit.
Um es zuzuspitzen: Wir stehen angesichts der „Rentenzeit“ vor einem übergroßen Maß an Freiheit. Das viele von uns weder gewöhnt sind noch einschätzen können. Das erst einmal toll klingen, einem aber auch Sorgen machen kann. Sorgen? Manchmal sogar regelrecht Angst: Womit, worüber und wodurch definiere ich mich denn dann? Allein die früher selbstverständliche Antwort auf die Frage: „Was sind Sie denn?“ (Die je eigentlich „nur“ bedeuten soll: „Womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?“) entfällt. Von jetzt auf gleich. Tja: Was bin ich denn?!
Neue Ansätze
entwickeln sich an dieser entscheidenden Stelle unseres Lebenswegs eher zaghaft – zu schwierig scheint allein schon der richtige Begriff zu sein … „Rentner:in“ mögen sich die wenigsten Betroffenen nennen,“ Silverager“ klingt in vielen Ohren genauso seltsam wie der „Ruhestand“ – aus dem wird schnell der „Unruhestand“. Doch geklärt ist damit natürlich noch lange nichts.
Denn noch schwieriger als „Was bin ich denn jetzt?“ ist die Frage zu beantworten: „Was will ich denn?“ Vor allem dann, wenn ich eigentlich gar nichts mehr „muss“.
Hmmm … und jetzt?
Es ist wahr: Darauf bereitetet uns kaum jemand vor. Das hat Wolfgang Schiele schon 2018 sehr zu Recht mit seinem Buch „Rastlos im Beruf, ratlos im Ruhestand?“ bemängelt. Hier habe ich darüber geschrieben.
Und es ist auch wahr: Es geht um eine Freiheit, die für viele Menschen ungewohnt ist. Coachin Gudrun Behm-Steidel hat daraus ein Denkmodell gemacht, die Lebensphase Freiheit®. Das ist bewusst offen gehalten, mehr darüber (und ihren Blog) hier. (Achtung! Ist ein schon älterer Text …)
Genau! Wir „müssen“ in der Zeit unserer Rente gar nichts mehr. Trotzdem möchten die meisten Menschen gerade dann noch sehr viel … Sinnvoll soll es sein. Sinnvoll für sie, für ihr Umfeld, vielleicht sogar für die Gesellschaft. Möchten gebraucht werden, sich Wünsche erfüllen, keinen aufgezwungenen Regeln mehr folgen, sich nicht (mehr) unter Druck setzen (lassen). Doch: Wie geht das alles?
Bertram Kasper hat daraus „gelassen älter werden“ gemacht,
zuerst als Podcast. Und nun hat er auch ein Buch über „Die größte Reise deines Lebens“ geschrieben. Das legt – aus meiner Sicht – die Messlatte ziemlich hoch, beginnt es doch mit dem ganz bewussten Entschluss seines Vaters, sich zu Tode zu hungern. Sohn Bertram begleitet ihn dabei und spricht vom „selbstbestimmten Sterben“. Ich muss gestehen: Es fiel mir schwer, das Buch nach diesem ersten Kapitel weiterzulesen. Denn aus dieser extremen Erfahrung entwickeln sich Gedanken – eigene von Kasper und Rückgriffe auf Zitate aus Gesprächen mit Gästen seines Podcasts, das ist ein Prinzip, das sich durch das gesamte Buch zieht. Einer seiner eigenen Gedanken zum Tod seines Vaters: „Es war die radikale Einladung, die eigenen Werte zu befragen, und die eigene Haltung zur Endlichkeit bewusst zu gestalten.“
In gewisser Weise sehe ich in diesem Satz die Blaupause seines ganzen Buchs. In meine eigenen Worte und Gedanken übersetzt, bedeutet das: Denke so radikal wie möglich über „die größte Reise deines Lebens“ nach, entwickle aus dem Extrem eines suizidalen Lebensendes deine Lebens-Haltung. Und gestalte – also plane, konzipiere und lebe – sie so bewusst wie möglich. Tatsächlich geht das Buch nach diesem „Dialog mit der Endlichkeit“ weiter mit einem „Dialog mit der Angst“, dem „Dialog mit der Leere“, dem „Dialog mit dem Schmerz“. Und dann folgt das „Potenzial Coaching mit der Lebensteppich ® Methode“. Und viele Seiten später schreibt er über seinen Vater: „Sein Älterwerden war, ähnlich wie ich es für mich anstrebe, kein Zufallsprodukt, sondern eine bewusste, strategische Gestaltung.“
Strategisch? O ja! Wie gesagt: Als Kernthema des Älterwerdens scheinen sich die mangelnde Sicherheit und das Übermaß an Freiheit herauszukristallisieren. Manches in Kaspers Buch erinnert mich darum – wenig überraschend – an Management-Ratgeber, an alles, wo vor allem Strategie und Leistung zählen, an all die Challenges, von denen ich zumindest mich schon regelrecht verfolgt fühle. Und auch die immer wiederkehrende Suche nach meinen „Potenzialen“ überzeugt mich schon lang nicht mehr. Das alles aber finde ich auch in Kaspers Buch.
Gelassenheit?
Und dann bin ich über die beiden „Spuren“ im Aufbau seines Buchs gestolpert: Was fett gesetzt ist, gilt ja in gedruckten Texten in aller Regel als besonders wichtig, als zentrale Aussage – lange Passagen dieses Buchs sind es. Doch sie stellen – so betont der Autor schon zu Beginn – seine „Herzspur“ dar: „Ich lasse dich teilhaben an dem, was mir begegnet ist, was mich zutiefst herausgefordert und auch getragen hat.“ Der zweite Pfad, der sich, nicht fett gesetzt, durch diese Herzspur „schlängeln“ soll, will den „Ressonanzraum“ oder „Rastplatz auf unserer Lebenswandlung“ bilden. Ich bin wahrlich eine erfahrene Leserin … Doch ich muss sagen: Ich fand das sehr anstrengend. Und außerdem sehe ich zwischen diesen beiden „Räumen“ eigentlich gar keine Trennung. Im Gegenteil: genau die Verbindung dieser beiden Räume wäre für mich eine gute Grundlage für Gelassenheit beim Älterwerden. Ja, die Formulierung „gelassen älter werden“ gefiel mir von Anfang an extrem gut. Tut sie noch.
Es gibt durchaus kluge Gedanken in diesem Buch, lesenswerte Anregungen. Und vor allem immer wieder „Einladungen“, eigene Gedanken zu formulieren, Fragen „nachzuspüren“, sich selbst „auf die Spur zu kommen“, weiteren Fragen – sehr vielen Fragen – nachzugehen. Und jede Menge Podcast-Episoden – per QR-Code – zur „Vertiefung“ des jeweiligen Kapitels. Vieles soll damit noch weiter intensiviert werden …
Irgendwann fällt Bertram Kasper selbst auf, dass eine Optimierung des Älterwerdens auch nicht optimal sein kann – und doch hat das ganze Buch für mich sehr viel von genau diesem Optimierungsprozess, dem wir all unsere Tage, Leistungen, unser Aussehen, unsere Fitness, Longivity und Was-noch-alles unterziehen sollen. Die „dritte Lebensphase“ wird zu genau dem Transformationsprozess, durch den er als Diplom-Supervisor schon zahlreiche Menschen beruflich begleitet hat. Gelassenheit löst dieser Prozess bei mir nicht aus. Kurz:
Mein Bild vom Älterwerden ist das nicht
Warum? Das hat wohl schon viel früher begonnen …. Ängste, Zweifel, Grenzerfahrungen auch existenzieller Art begleiten mich ebenso schon mein Leben lang wie die grundlegende Erkenntnis, niemals tiefer als in Gottes Hand fallen zu können. Ja, ich glaube. Ja, ich kann hinnehmen und gleichzeitig optimistisch bleiben (außer in politischen Fragen – aber um die geht es hier ja nicht …) Selbst riesengroße Freiheit macht mir – spätestens, seit ich mich vor über zehn Jahren erneut selbstständig gemacht habe – auch nur noch selten Angst. All das sind die Dinge, die ich im Älterwerden gern intensivieren möchte. Das Schönste ist: Das alles ist bereits da, ich muss dafür nichts grundlegend strategisch Neues lernen – es sei denn, einige Fähigkeiten, um etwas ganz konkret besser umsetzen zu können. Eine Sprache beispielsweise. Oder ein Musikinstrument. Tue ich dann auch sehr gern.
Und Leistungsdruck habe ich schon mein Leben lang verabscheut. Habe nie verstanden, wozu der gut sein soll … Schlimmstenfalls wird er zu einem Instrument, mit dem wir uns jederzeit wunderbar gegeneinander ausspielen (lassen) können – nein danke!
Mein Älterwerden wird darin bestehen, jede Art von Druck loszuwerden. Aber das kann ja durchaus auch eine große Reise werden ….
Fazit
Ich will nicht unfair sein: Mich hat das Buch eher wenig angesprochen, aber der Autor betont auch immer wieder, wie wichtig es ist, Ambivalenzen auszuhalten. Dass er sich dafür an vielen Stellen eigene Systeme baut, mag für andere Menschen als mich durchaus hilfreich sein. Etwa das „Zeitmanagement“ seiner derzeitigen „Freiarbeit“: Die ungeraden Wochen seines Jahres sind „Arbeitswochen“, die geraden werden für ihn zu „freie Wochen“. Oder die Ambivalenz zwischen „Herzspur“ und „Resonanzraum“, die lässt sich ja auch als „Innen“ und „Außen“ sehen und wird damit zu einem Blick vielfältiger Möglichkeiten.
Nein, man kann dem Autor sicher nicht vorwerfen, dass er banalisiert, vereinfacht oder beschönigt. Er sieht das Älterwerden in all seiner Komplexität – und vor allem: Er weiß, wie dringend notwendig es ist, dass wir gemeinsam eine Kultur des Älterwerdens schaffen, sie diskutieren und gemeinsam etablieren. Wir, die wir mitten in diesem Prozess stecken. Und dafür, dass er genau das tut – vor allem auch mit seinem Podcast – bin ich ihm wirklich dankbar.

Das Buch
Bertram Kaspers Buch „Die größte Reise deines Lebens“ wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt und kann überall bestellt werden, wo es Bücher gibt. Eine ausführliche Beschreibung des Buchs plus Bestellmöglichkeiten liefert Kasper auf seiner eigenen Webseite, inklusive Stimmen seiner Testleserinnen und -leser.
