Warum ich glaube, dass wir kreatives Handwerk brauchen

Keine Frage: Kreativ bin ich selbst. Aber genau genommen, kann ich nur schreiben. Und stricken. Wenn aber jemand Bücher binden, Hüte machen, Tische schreinern, Leder bearbeiten, Wolle färben und spinnen, eine Handdruckmaschine bedienen, Bilder restaurieren kann (um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen…) werde ich schwach. Und will mehr wissen. Mehr über das Material, die Technik und vor allem: Warum tut dieser Mensch das? Meine größte Bewunderung gilt all jenen, die ein kreatives Handwerk zu ihrem Beruf gemacht haben. Die sich eigensinnig vorgenommen haben, weit ab von industrieller Fertigung und Massenwaren zu leben, nein: überleben wollen. Geht das? Für wen? Wie und warum?

Eher bescheiden: mein kreatves Handwerk besteht aus Schreiben und Dtricken...

Lasst das Handwerkswissen nicht aussterben!

Es ist sicher kein leichter Weg, das ist völlig klar. An vielen Stellen ist es ein ständiges Gegen-den-Strom-Schwimmen. Aber oft sehen die Produkte am Ende so gut aus, dass ich denke: Ja! Es hat sich gelohnt! Die Menschen, die das tun, sind und bleiben meine Wunschkunden, seit ich mich als Texthandwerkerin selbstständig gemacht habe.

Und dazu kommt: Das Handwerkswissen droht auszusterben. Vieles ist jetzt schon nur noch in (Freilicht-)Museen zu finden. Das finde ich einfach fürchterlich! Ich zitiere mich mal selbst:

Manchmal verspüre ich ein Gefühl von Wut und Ohnmacht. Wie leichtfertig gehen wir doch mit unsren Wissensschätzen um! Berufe sterben aus, in denen über Jahrhunderte um das beste Know-how, den optimalen Umgang mit Materialien und deren Bearbeitung gerungen wurde. Und mit den Berufen stirbt auch dieses Wissen.

Es gibt zum Beispiel keine Schriftsetzer mehr. Diese Arbeit erledigt heute Textsoftware – denkt man. Stimmt aber nicht! Die allein würde Worte willkürlich über Zeilen verteilen. Gutes Layout aber braucht das Wissen um Typographie. Und der Typograph ist ein alter Handwerksberuf.

Oder: Wir wundern uns, warum uns nach dem Aufstehen von einem bestimmten Stuhl immer der Rücken schmerzt. Warum die Zahnprothese dauernd repariert werden muss. Warum unsere Kinder plötzlich so oft an Allergien leiden. Warum wir uns in dem alten Ferienhäuschen viel wohler fühlen, dort besser schlafen können, das Essen besser schmeckt, als in unsrer Stadtwohnung…. Das sind nur Beispiele. Es geht um Gesundheit und Lebensqualität… Aber auch um den Umgang mit Ressourcen: In meinem Verständnis von kreativem Handwerk werden Rohstoffe auch wieder verwendet, einer neuen Nutzung zugeführt… Beispiele gibt es da genügend.

Bitte keine Nostalgie!

Ganz wichtig ist mir aber auch: Ich verstehe Handwerk nicht wehmütig als ein Stück Nostalgie, sondern als lebendiges Instrument, um unserer Wegwerfgesellschaft und der Austauschbarkeit unterbezahlter, unwürdiger Fließbandarbeit etwas entgegen zu setzen. In allen Bereichen unseres Lebens. Ich möchte gern dabei helfen, etwas Unverwechselbares, Langlebiges und in gewissem Sinn Lebendiges zu schaffen. Denn das ist mein Verständnis des kreativer Handwerks. Okay, das war wieder ein Zitat der Texthandwerkerin…. Und damit das alles nicht nur leere Worte bleiben, habe ich gestern damit begonnen, kreative Handwerker zu porträtieren. Im Blog der Texthandwerkerin wird es von nun an jeden Mittwoch ein solches Porträt geben. Und ich verspreche: Es wird spannend! Den Anfang macht ein Buchbinder, es folgen eine Frau, die Taschen aus receyclten Fahrradschläuchen fertigt, eine Hutmacherin, eine Restauratorin…. Ach, guckt doch selbst!

 

4 Kommentare


  1. Ich bin ganz bei Dir. Hätte ich Kinder, würde ich denen auch geraten haben, ein Handwerk zu lernen – egal, wieviel die Kopfmenschen herumdenken, am Ende muß vieles auch einfach gekonnt GEMACHT werden…

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    1. Liebe Uschi, DANKE! Ja, und es kommt noch was dazu: Es gibt gar nicht so wenig Menschen, die nach einem halben Leben als „Kopfmensch“ den dringenden Wunsch haben, was „Sichtbares“, Greifbares mit den HÄNDEN zu machen. Ich kenn da einige (und war/bin auch immer wieder selbst kurz davor…) Und dann frag ich mich auch: Was verstehen wir eigentlich noch unter ARBEIT?! Nur Dienstleistung und Virtualität?! Bei dem Gedanken wird mir immer ganz anders…
      Herzlichen Gruß
      Maria

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  2. ja warum gibt es immer weniger Handwerk? Weil die Arbeit nicht so bezahlt wird, das ein sicheres Leben geführt werden kann. Selbst gestandene Handwerker können heute ihren Kindern nicht anraten in diese Berufe zu gehen, wollen sie jemals eine Familie ernähren.Wir haben ein ungleichgewicht zwischen Industrie und Handwerk

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    1. Hallo Beyermann,
      ja. Leider alles wahr! Aber immer wieder gibt es Mutige, die es trotzdem wagen. Und darüber freue ich mich. Die würde ich dann auch gern mit meiner Arbeit unterstützen, auch wenn ich mir dafür ausdrücklich selbst die Lizenz zum idealistischen Denken geben muss… 😉
      Vielen Dank für den Kommentar,
      mit freundlichen Grüßen
      Maria

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