Von Wassergeistern und Wurzelelfen: die Vilaine. Oder: ferngeweht mit „V“.

Wir wissen es doch, oder? Jedes Fleckchen dieser Erde lässt sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten: mehrere Kilometer von oben runter – wenn man im Flugzeug sitzt. Einige Zentimeter aus der Luft – wenn man Libelle, Hornisse oder Rotkehlchen ist. Kriechend auf dem Bauch – als Wurm, zur Not auch als Mensch. Unter Wasser – als Fisch oder Koralle. Und AUF dem Wasser – zum Beispiel als Mensch mit Hausboot.

Auf der Vilaine, www.unruhewerk.de

Der verwunschene Wasserkosmos

Bei der Vilaine, da war es so: Bevor ich das gemietete Hausboot bestieg, mit dem ich das bretonische Flüsschen befahren wollte, bin ich im Auto an seinen Ufern lang gefahren. Und der Fluss, der sah aus dem Auto komplett anders aus als später im Boot, mit diesem waagerechten Blick über Ufer und Wasseroberfläche. Und als wir (sprich: mein Mann und ich) das Hausboot wieder verlassen mussten, wurde unser Auto sofort zum Verkehrshindernis: Wir trauten uns nicht, schneller als 20 Stundenkilometer zu fahren. Diese irrsinnige Geschwindigkeit außerhalb des verwunschnen Wasserkosmos‘ der Vilaine kam uns regelrecht absurd vor. Halsbrecherisch. Überflüssig. Unromantisch sowieso. Sicher: Dieser Aspekt der Geschwindigkeit ist mehr dem Hausboot, weniger der Vilaine geschuldet… Und doch, und doch: Nur wenige befahrbare Flüsschen eignen sich sooo gut zum Entschleunigen, zum Träumen und Trödeln, für veränderte Blicke, lange Seufzer, romantische Anwandlungen und überraschte Ausrufe nach jeder zweiten Biegung wie die Vilaine.

Die Vilaine, www.unruhewerk.de

218 Kilometer durch den Nordwesten Frankeichs

Seither bin ich auf vielen Hausbooten durch verschiedene Kanäle, über mehrere Flüsse gefahren. Doch nirgendwo sonst wohnten so viele Wassergeister, Wurzelelfen, grüne Schatten, flüchtige Traumbilder wie auf der Vilaine. 218 Kilometer ist sie lang, entspringt in der Nähe der Stadt Laval – deren Schloss Karl der Kahle gebaut haben soll, wo viele Textilhersteller und Wäscher/innen lebten und auch schon mal ein Papst sich einen Exil-Sitz errichten ließ. Wir reden vom Nordwesten Frankreichs, größtenteils bretonisch. Und bei Saint Malo mündet die Vilaine schließlich in den Atlantik. Und zwar als – Achtung, hochtrabend! – „Ästuar“ – was eine  „der Flut ausgesetzte Flussmündung“ bedeutet. Wer den zum Teil gigantisch großen bretonischen Tidehub kennt, kann sich vielleicht vorstellen, dass solche „Mündungslagunen“ ganz schöne Ausmaße annehmen können. Doch so weit sind wir gar nicht gekommen.

Unsere Fahrt begann in Redon, an der schon fast furchteinflössend hohen Brücke von La Roche-Bernard war endgültig Schluss – denn da spürten Hausboot und Besatzung schon ganz deutlich die atlantische Strömung. Wohl auch der Mann, der da in der Abenddämmerung mit Stiefeln bis kurz unterm Kinn fliegenfischend im seichten Uferwasser stand, hinter ihm der Vollmond….  Das Bild hat sich mir eingeprägt, denn es war ähnlich surreal wie so vieles, was ich auf dieser Flussfahrt schon gesehen hatte.

Veränderte Blicke. Und Geräusche.

Noch mal kurz ein Blick zurück: Die Fahrt mit dem Auto am Ufer zeigte langweilige Landhäuser, zur Straße hin fast ausschließlich Steine, abweisende Fassaden, viele verschlossene Fensterläden, Mauern und staubige Wege. Vom Wasser aus aber: Prächtige Kaskaden aus Hortensien, die farbig bunt bis ans Wasser reichten, riesige, verwunschne Gärten auf der Rückseite der von vorn so abweisenden Häuser. Und dann die Strecken, an denen Wasser und Holz sich ineinander verflechten: Wurzeln, krumm und quer, oft ganz nackt über und unter der Wasseroberfläche, kaum gerodete, wilde Wäldchen, ein Durcheinander aus Moosen, Bäumen, Wurzeln, Wasser – mal tümpelig niedrig, mal fast vermodert, oft eher braun als blau, dann wieder überraschend grün, in der Mitte aber immer tief genug, damit ein Hausboot nicht stecken bleibt. Stundenlange Fahrten durch absolut menschenleere Gegenden – kaum verwunderlich, ein Gehen in solch verwunschnem Morast ist schwer vorstellbar. Dafür: Horden von Fröschen, die bei einbrechender Dämmerung herzzerreißend schöne Konzerte geben. Ich Stadtmensch jedenfalls hatte so etwas noch nie gehört. Und es hat mich schwer beeindruckt.

Zauberei….

Gut, ich gebe zu: Während der ganzen Fahrt habe ich bretonische Märchen gelesen. Aber ich bin sicher: Es lag nicht allein daran, dass ich hinter jeder Flussbiegung andere Wasser- und Waldgeister, Elfen, Gnome, Trolle zu sehen glaubte. Das Licht ein ständiges Sonne-/Schattenspiel, gaukelnde Formen und Farben… die bizarren Wurzeln nehmen mit ein wenig Phantasie viele Formen und Gestalten an, Gerüche ändern sich alle paar Meter… Ich mach es kurz: Die Fahrt auf der Vilaine hat mich verzaubert. Und sie wurde zum Einstieg in eine Droge, die bis heute anhält: Die langsame Fortbewegungsart des Hausbootfahrens. Auf der Vilaine schien es uns manchmal schier überflüssig, den Motor überhaupt zu starten, ein sanftes Dahinplätschern entsprach so viel mehr dieser verzauberten Landschaft… (Aber Achtung! Die Ufer immer im Auge behalten!) Selbst der Wunsch, mal ein bestimmtes Ziel zu erreichen, wurde irgendwann völlig überflüssig – eigentlich habe ich mir gewünscht, dass diese Fahrt nie zu Ende gehen möge….

Auf der Vilaine, www.unruhewerk.de

Und nicht nur darum war es mir ein echter Herzenswunsch, die Fahrt auf der Vilaine mal wenigstens ansatzweise zu beschreiben – was schwierig genug ist. Ohne Sabine Olschner aber wäre es wohl nie dazu gekommen. In ihrem genialen Blogprojekt „Stadt – Land – Fluss“ auf  ferngeweht waren nicht mehr allzu viele Buchstaben frei, als ich es entdeckte. Und ein bisschen Zauberei war ganz sicher mit im Spiel, dass ausgerechnet das „V“ der Kategorie „Fluss“ noch frei war. Was für ein Glück! Und in mehr als einer Hinsicht eine glückliche Fügung – denn ich weiß, dass Sabine von Flussfahrten sehr viel mehr versteht als ich….

Ach ja: Ich schreibe hier ja für ein Reiseblog. Doch praktische Tipps habe ich gar keine. Denn die Sache mit dem Mieten kleiner Hausboote wird immer schwieriger – und teurer. Leider entdecken zunehmend Kegelvereine und andre mittelgroße Gruppen das Hausboot-Chartern. Was schade ist. Denn eigentlich gehören verliebte Paare aufs Hausboot… Finde ich jedenfalls. Und ohne Träumerei auf der Vilaine? Undenkbar!

5 Kommentare



    1. Liebe Sabine, ja. War es definitiv: super schön! Und es hat großen Spaß gemacht, das jetzt ausgerechnet für dich und dein tolles Blogprojekt zu schreiben…
      Herzlichen Gruß
      Maria

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