Identitti – Buchbesprechung, Realitäten. Und ich

Identitti – Buchbesprechung, Realitäten. Und ich

Da dies hier ja ein Blog über das Älterwerden ist, sage ich es lieber gleich: Die Sprache von Identitti ist – tja, jung. Was absolut nicht dagegen spricht, das Buch zu lesen, ganz im Gegenteil. Schließlich ist meiner Meinung nach beim Älterwerden kaum etwas blöder, als stehen zu bleiben. Alles entwickelt sich, auch die Sprache. Ich erzähle das eigentlich nur darum hier, weil ich gemerkt habe, dass ich bei Identitti plötzlich sehr viel langsamer lesen musste als normalerweise …

Wenn jemand „Bammel“ vor einem Buch hat …

Plötzlich langsam(er) lesen müssen? Könnte ja glatt ein Grund dafür sein, das Buch nicht zu lesen. Stimmt. Und es gab noch mehr, viel schwerwiegendere Gründe, es lange Zeit nicht zu tun … Etwa, dass ich regelrecht Bammel vor diesem Buch hatte.

Denn das Thema der Autorin Mithu Sanyal ist: Identität gemischt-„rassiger“ Herkunft … Da fängt’s schon an! Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie „Rasse“ geschrieben, ganz sicher nicht in Bezug auf mich selbst. Doch ich bin es. Gemischtrassig. Und es ist das wichtigste Thema des Buchs. Auch wenn da fast immer nur von „race“ die Rede ist … Hilft ja nichts, ab und zu schleicht sich immer das deutsche Wort in den eigenen Kopf. Egal, wie berechtigt, wie historisch richtig oder falsch es ist …

Race, Rasse, Schmerz. Und die „Opferrolle“

Bammel hatte ich auch vor all den Konsequenzen aus solchen Mischungsverhältnissen. Weil ich die nur allzu gut kenne. Diese extreme Unsicherheit, die unkalkulierbar aufploppende Wut, gefolgt von langen Phasen der Resignation: „versteht ja sowieso kein Mensch …“ Und, für mich am schlimmsten, immer wieder dieses Gefühl von Ohnmacht, Ungerechtigkeiten und das Wissen: „Ich bin kein Opfer, will mich weder so fühlen noch so benehmen! Warum muss ich mich aber immer wieder selbst daran erinnern?!“

Verstehen wirklich nicht allzu viele Menschen. „Du glaubst daran, dass alle Menschen Opfer sind, vor allem aber du!“ wirft die Professorin ihrer in Deutschland geborenen, „halb-indischen“ Studentin Nivedita, also der Hauptfigur, irgendwann an den Kopf. Weiter heißt es, dass „aus irgendeinem Grund“ diese Worte Nivedita „mitten ins Herz“ trafen. Ja. Mich auch.

Tatsächlich ist aber auch diese Professorin, die einen Skandal auslöst, als bekannt wird, dass sie die „Identität“ ihrer Hautfarbe von weiß nach „colour“ geändert hat, ebenfalls ein Opfer. Ein Opfer des nicht durchhaltbaren Gut-Sein-Wollens ihrer Eltern („sehr engagiert in der diakonischen Arbeit“). Diese deutschen Zahnarzt-Eltern hatten kurz vor der unerwarteten Geburt einer biologisch „eigenen“ Tochter einen indischen Jungen adoptiert. Und jetzt versucht die Tochter, inzwischen Professorin für Intercultural Studies/Postkoloniale Theorie an der Uni Düsseldorf, wieder „gut“ zu machen, was ihr Stiefbruder – stellvertretend für die ganze Welt – an Rassismus erfahren musste. Der Skandal ist: Sie versucht, ihr „Weiß-Sein“ quasi zurückzugeben. Wie sie das macht (Hormone, Operationen?), wird zum Glück nicht näher ausgeführt. Hätte ich auch gar nicht wissen wollen.

Wichtig ist dagegen: Zu den Reaktionen von Student:innen und Stiefbruder auf diesen Transformationsversuch gehört der wütende Aufschrei: „Jetzt will sie uns auch noch unseren Schmerz, unsere Verletzungen nehmen! Wenigstens die gehören doch uns!!!“ In meinen Worten nacherzählt … Und das könnte fast schon absurd sein. Wenn es nicht gleichzeitig so schmerzhaft wäre. Schmerzhaft wahr. Sehr nachvollziehbar. Zumindest für mich.

Der ganze Plot ist absolut fantastisch, abgedreht, glaubhaft, oft amüsant – und real. Dazu gleich noch mehr.

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Kein Quatsch!

Der Titel und das Titelbild taten ein Übriges, um meinen „Bammel“ vor diesem Buch zu verstärken: Ich erwartete – weiß der Henker, warum! – eine Art zynisch-lautes Quatschbuch. Letzteres gehört ganz klar in die große Schublade der Vorurteile. Und auch um die geht es – natürlich – im Buch.

Bei allem anderen gilt: Der „Quatsch“ war allein auf meiner Seite/in meinen Gedanken, sicher nicht beim Buch, nicht im Inhalt, noch nicht mal im Titelbild. Völlig falsch gedacht! Und das tun eigentlich alle Protagonist:innen dieses Buchs. Ständig.

Ich oder Wir?

Vielleicht ist der wichtigste Schauplatz all dieser Verwicklungen aus Wut, Schmerz und gefühlter Opferrolle die simple, uralte Frage: Ich oder Wir? Denn spätestens da hat mich Mithu Sanyal endgültig gepackt.

Mein Ausweg aus all diesen Fragen und Identitäts-Dilemmata ist ja – keineswegs zufällig – der Eigensinn. Immer wieder betone ich da: Ohne ‚Ich‘ kein Eigensinn. Nivedita schreibt in ihrem Blog (aus dem mehrfach zitiert wird – sein Name: Identitti): „Ich habe das Gefühl zu lügen, wenn ich Ich sage. Selbst wenn ich über Dinge schreibe, die mir passiert sind! […] Weil ich dann in den Formen und Mustern darüber berichten muss, in denen Autor*innen das tun, deren Leben Teil des echten, weil vorstellbaren Lebens ist und deren Stimmen Teil des Kanons sind. […] Warum das so ist? Weil es Menschen wie mich im geschriebenen Universum schlicht nicht gibt.“

Schreiben können. Mit oder ohne Göttin

Tatsächlich kenne ich dieses Gefühl verdammt gut. Ewig habe ich gedacht: Ich kann gar nichts Größeres, umfassend persönlich Basiertes schreiben, denn allein die „Präambel“ dazu müsste so lang werden, dass es eine Zumutung wäre. Mit anderen Worten: Weil ich davon ausgehe, dass meine seltsame Situation sowieso kein Mensch kennt/versteht, wird das nie was. In der Regel habe ich es dann gleich bleiben lassen. (Naja, es gibt Schubladen, die quellen über …)

Ähnlich wie Nivedita traue ich mich (sehr viel zaghafter als sie) erst jetzt mit kleinen Blog-Bröckchen langsam aus meinen jahrzehntealten Barrikaden raus. Niveditas Ausweg: Sie spricht mit Kali, der indischen Göttin des Todes, der Zerstörung und der Erneuerung. Sie ist es auch, die wir auf dem Cover sehen, in einer über 100 Jahre alten Abbildung – also alles andere als „Quatsch“ oder gar reißerisch laut. Kali ist Niveditas treue Begleiterin – in gewisser Weise aber auch für die Verführbarkeit durch andere „Göttinnen“, etwa in Person einer Professorin, zuständig.

Was ist Identität, was Herkunft, was Heimat?

Ich könnte es auch ganz kurz machen: Dieses Buch ist großartig! Punkt.

Denn es packt das beim Schopf, was auch ich viel zu lange für un-packbar gehalten habe: Wie die Göttin Kali auf dem Cover die Schöpfe weißer Männer gepackt und sich als Kette um den Hals gehängt hat, stellt Mithu Sanyal nicht nur die ganz großen Fragen: Was ist Identität, was Herkunft, was Heimat? Wie verletzbar sind wir alle – und wie viele Verletzungen fügen wir uns dauernd zu, weil so viele von uns das ständige Gefühl haben, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, nicht wirklich gesehen zu werden, uns nicht verständlich machen zu können, immer wieder überrollt zu werden – von Dingen, die eigentlich gar nichts mit uns zu tun haben …

Sie stellt diese Fragen nicht nur. Sie beantwortet sie auch. Und wie so vieles, was einfach stimmt, ist es überaus simpel: Es gibt weder DIE Rasse noch DAS Geschlecht, nicht DIE Hautfarbe oder DIE Realität. Und auch nicht DIE Göttin. Doch gerade so simple Dinge weigern sich unsere Emotionen erfahrungsgemäß hartnäckig anzuerkennen. Das haben wir – glaube ich – wirklich ALLE gemeinsam …

Roman oder nicht? Real?!

Ich konnte das Buch aber auch noch auf einer ganz anderen Ebene lesen … Nämlich auf der Ebene meiner ständigen Frage „Was ist eigentlich ein erzählendes Sachbuch?“ Bei Identitti dreht sich die Frage plötzlich komplett um: Sicher ist vieles, was in diesem ausdrücklichen „Roman“ erzählt wird, autobiografisch. Fällt also in das Genre, für das Mithu Sanyal als Autorin bisher schon geschrieben hat: Sachbuch. Aber: Da tauchen plötzlich Menschen auf, die kenne ich aus meiner virtuellen oder anders medialen Realität! Christiane Frohmann, Berit Glanz, Kübra Gümüsay, Ijoma Mangold, Antje Schrupp und andere.

Im Nachwort erfahren wir: Die zitierten Twitter- (und anderen) Posts sind echt! Mithu Sanyal hat also mal eben die erfundene Welt ihres Buches in die mediale Realität verlegt und eine Menge Menschen gebeten, Posts zu verfassen, „so, wie sie sie womöglich spontan getextet hätten, wenn sie eines Tages oder Nachts im Internet von einem ‚Fall Saraswati‘ gelesen hätten.“ Finde ich grandios. Denn auch das zeigt – auf ganz anderer Ebene – um was es in Identitti (auch) geht: DIE Realität gibt es einfach nicht. Selbst, das, was erfunden aussehen könnte, ist nicht erfunden. Haben viele großartigen Romane gemeinsam …

Und warum muss ich jetzt an Alice im Wunderland denken?! Wer mich ein bisschen kennt, weiß: Spätestens mit diesem Gedanken habe ich eine klare Leseempfehlung ausgesprochen. Denn genau das tun für mich alle guten Bücher: Wenn sie erzählen, eröffnen sich neue Welten. Identitti tut das. Darum bin ich sehr froh, dass ich meinen leichten Bammel vor dem Buch überwunden, mich an die Sprache gewöhnt habe (ging relativ schnell … Fiel mir irgendwann gar nicht mehr auf.) Und mich in die mindestens vier Arme der Göttin Kali vom Cover fallen lassen konnte.

Macht, Schmerz. Und Heilung

Dieses Fallenlassen hatte durchaus auch heilsame Wirkung. Für die Professorin Saraswati steht fest, dass ein Schmerz wie der von Nivedita sogar „Macht“ haben kann: „Dein Schmerz kann Berge versetzen. Während meiner nur das Heulen einer privilegierten weißen Frau ist und damit Gegenstand des Gespötts aller.“ Klingt für mich schwer nach Eifersucht …

Und Macht?! Wollte ich sowieso nie haben, naja, allenfalls in Zeiten größter Wut. Trotzdem ist es schön zu lesen, dass „unser Schmerz“ Macht haben könnte … Weiter weg kann die „Opferrolle“ nun wirklich nicht sein!


Text: Maria Al-Mana

Foto: vom eigenen Buchexemplar selbst fotografiert. Nicht gesponsert.


 

Ich freue mich, wenn ihr diesen Beitrag in die Welt tragt ... danke!

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