Wo das Schweigen wohnt – eine Familienchronik, die es in sich hat
Dieses Buch ist eine unglaublich dichte Familienchronik, die dreieinhalb Generationen in den Blick nimmt. Und es ist eine Geschichte von Kriegskindern und Kriegsenkeln. Mit diesem Begriff ist in Deutschland immer die Zeit des Zweiten Weltkriegs gemeint – und Kriegskinder sind jene, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurde, die Generation danach sind einerseits die „Babyboomer“, andererseits oft auch die Kriegsenkel. Weil ich weiß, dass hier durchaus einige Menschen mitlesen, die zu letzterer Generation gehören, finde ich diese zwei Punkte wichtig:
- Alles, was ich zu dem Buch zu sagen habe, werde ich aus einer persönlichen Warte tun, denn zu dieser Generation gehöre ich auch. Und weiß sehr genau: Das Schlimmste ist und war das Schweigen unserer Eltern. Nur das führt zu den Schwierigkeiten, die Kriegsenkel haben. Gleichzeitig ist mir völlig bewusst, dass „Kriegskinder“ selbst derart traumatisiert waren und sind, dass sie schlicht nicht – oder kaum jemals – reden konnten (oder können). Dieses Wissen ist die Grundlage, auf der ich mich dem Buch nähere.
- Darum möchte ich die Triggerwarnung der Autorin erweitern. Denn die bezieht sich vor allem auf die grausamen Erlebnisse, die zwangsläufig Teil der Geschichte ihrer Protagonistinnen und Protagonisten sind/sein müssen. Doch wir Kriegsenkel haben eben noch ganz andere Triggerpunkte: all das „schlafende Wissen“, das in uns sitzt, liegt, oft regelrecht lauert … selten bewusst wahrgenommen, unter jahrzehntelangem Schweigen verbuddelt. Auch das kann sich beim Lesen dieses Buches bemerkbar machen. Bei mir war es so. Doch es geschah – um das schon mal vorwegzunehmen –am Ende eher mit einem Gefühl von Wärme, komischerweise sogar von Heimatgefühl. Alles, was ich las, kam mir so vertraut vor – das macht mir in gewisser Weise Hoffnung, obwohl meine Familiengeschichte natürlich eine komplett andere ist.
Damit sind wir schon bei dem erstaunlichsten Kunststück, das dieses Buch aus meiner Sicht zuwege bringt: Der größtmögliche Schmerz, den Menschen erleiden können, wird ebenso plastisch beschrieben wie die Chance, manchmal „nur“ Hoffnung, manchmal sogar Liebe zu er-leben.
Und Liebe ist in diesem Buch oft untrennbar mit Musik verbunden, dieser universellen Sprache, die wir alle verstehen können. Für mich hat das viel zu dem Hoffnungspotenzial beigetragen, das dieses Buch mit sich bringt. Doch der Reihe nach:
Worum geht es eigentlich?
Als die etwa sechzigjährige, erfolgreiche Geigerin Alma nach dem unerwarteten Selbstmord ihrer Mutter in das abgelegene Forsthaus ihrer Kindheit im Schwarzwald zurückkehrt, lernt sie nach und nach bekannte und völlig unbekannte Mitglieder ihrer Familie kennen – und erfährt, was deren Geschichten auch mit ihr zu tun haben. Eigentlich bricht alles zusammen, was scheinbar bekannt war – und doch werden genau damit Muster offen gelegt, die allgemeingültig sind … Das gilt sowohl für Almas Mutter wie für ihre Tochter und für all die bislang unbekannten Familienmitglieder.
Schauplätze sind wichtig
Der dunkel-schweigsame Schwarzwald mit Mooren, Hochsitzen und Rückzugsgebieten für Menschen, die sich die Fähigkeit erhalten haben, für sich selbst zu sorgen. Keine Idylle, eher ein Ort, an dem Menschen sich selbst begegnen – ob sie das nun wollen oder nicht. Und sich dabei auch verlieren können.
Hamburg als Tor zur Welt, in dem Menschen ebenfalls verloren gehen können. Nur auf ganz andere Weise – was auch sprachlich deutlich wird: Gibt es für den Schwarzwald immer wieder schöne, manchmal poetische Naturbeschreibungen, werden die Menschen in Hamburg eher von Kälte und Sehnsucht gebeutelt – oft genug beides gleichzeitig.
Stuttgart als Sinnbild schwäbischer Provinz, in der man im scheinbar Versteckten umso schneller mit Prostitution, Gewalt und Macht-Kalkül in Berührung kommen kann. Sieht alles recht friedlich aus, ist es aber nicht. (Ich kann das bestätigen, habe selbst die 1960er- bis 80er-Jahre in Stuttgart gelebt …)
Könisgberg: Urbild des Schreckens
Die Kapitelüberschriften führen uns durch Zeiten und Orte. Am häufigsten werden der Schwarzwald, Hamburg und Stuttgart genannt. Eher selten Königsberg. Und doch ist es meiner Ansicht nach der Ort, der wie eine Folie allem zugrunde liegt, was in diesem Buch erzählt wird: das Königsberg von 1945, die Stadt der „Wolfskinder“, diese grausam eingekesselte Stadt, in der unendlich viele heimat- und elternlosen Kinder in den letzten Kriegsmonaten strandeten. Und elend starben – an Hunger, Kälte, Krankheit aber auch durch gezielte Verfolgung. Königsberg und Litauen kommen in den Erzählungen und Erinnerungen häufig vor – immer über Almas Mutter, die all das durchgestanden, aber vermutlich nie darüber gesprochen hat. Hier ist es, dieses berüchtigte Schweigen, mit dem sich viele der Kriegsenkel noch heute auseinandersetzen. In diesem Buch wird Königsberg zum Urbild all dessen, was kaum bis gar nicht auszusprechen ist – und sich doch tief in die DNA aller Protagonistinnen und Protagonisten eingegraben hat. Kein Ort der Jetzt-Zeit und doch in Erinnerungen äußerst präsent.
„Das tatsächliche Ausmaß des Grauens entzieht sich der Belletristik“, schreibt die Autorin in einer Schlussbemerkung über das Schicksal der „Wolfskinder“. „Ich weiß nicht, ob ich den Wolfskindern aus Königsberg und Litauen in meinem Roman gerecht geworden bin. Ich glaube nicht einmal, dass das überhaupt möglich ist.“
Sicher nicht in der Breite. Aber das ist ja auch gar nicht der Weg, den Lea Söhner wählt: Sie komponiert all ihre Figuren sozusagen exemplarisch. Und das verleiht vielen der geschilderten Erlebnisse eine Gültigkeit, die weit über die historischen Ereignisse reicht.
Prinzipien unseres Lebens
Aus der Figuren-Auswahl ergibt sich ein Raster, das die Autorin – die unter anderem auch eine Ausbildung als Psychotherapeutin hat – sicher nicht zufällig angelegt hat. Ich denke, es geht ihr um Prinzipien unseres Lebens. Prinzipien, die klarmachen, dass wir einerseits immer Teil eines größeren Ganzen sind, andererseits individuell so handeln können, dass wir nicht in die „Fallen“ von schwarz ODER weiß, gut ODER schlecht tappen. Manches können wir steuern, vieles nicht. Und Ambivalenzen sind immer auch ein Teil von uns. Wer will am Ende wen wofür verurteilen? Die Autorin tut es nicht. Und das finde ich mit das Schönste an diesem Buch.
Was die Geschichten der Kriegsenkel angeht, bringt es für mich Almas Tochter ziemlich am Ende des Buches mit einem erschrockenen Ausruf gut auf den Punkt: „Fast gespenstisch, wie sich die Dinge wiederholen!“ Sie meint den riesigen Themenkomplex zwischen Mutterschaft, Liebe, Angst und der Möglichkeit auf Selbstbestimmung. Genau das sind für mich zentrale Themen dieses Buchs.
Doch mit dem historischen Hintergrund öffnet sich der Horizont beim Lesen noch um weitere Fragen – wie das bei einer Familiensaga immer der Fall sein sollte … Gut möglich, dass alle Lesenden da ihr jeweils eigenes Thema finden. Auch diese Offenheit gefällt mir.
Eine erschreckende Familiensaga – aber mit Hoffnung
Ja, das Buch ist Teil einer Familiensaga. Denn die Figuren, denen wir hier begegnen, sind äußerst plastisch geschildert, sehr nachvollziehbar in ihrer Entwicklung, ihrem Scheitern wie ihren Hoffnungen. Es lässt sich gut separat lesen, doch es ist auch schön zu wissen, dass die meisten Figuren, denen wir hier begegnen, in weiteren Büchern von Lea Söhner auftauchen – mal mitten im Scheinwerferlicht, mal eher am Rand des Geschehens. Und immer geht es auch um das Verhältnis von Generationen untereinander – Mütter und Töchter/Söhne, Kinder und Eltern, Großeltern und Enkel.
„Unter all den Sätzen, die ein Kind von Erwachsenen hört, sind es nur wenige, manchmal nur einer, der sich in die Zellen verbeißt wie ein schlafender Terrorost. Er treibt sein Unwesen im Organismus eines Kindes, leise zunächst, wächst aber mit und vertausendfacht seine Wirkung, wenn seine Zeit gekommen ist. Jetzt versteht sie endlich: Oma hat ihr einen solchen Satz hinterlassen, ohne ihn je ausgesprochen zu haben: Es ist lebensgefährlich, eine Frau zu sein.“ Für die Geschichte der Großmutter ist das zweifellos wahr. Ob es für die Enkelin auch derart bedrohlich sein wird, wissen wir nach dem Lesen dieses Buchs noch nicht.
Aber ich habe mittlerweile aus eigenen Erfahrungen mit den Geschichten von Kriegsenkeln gelernt: Dieses Sich-in-den-Zellen-Verbeißen – und dann auch noch konsequent stumm zu bleiben, Geheimnisse im Moor oder dem eigenen Inneren zu vergraben – das ist ein Weg, der zu noch mehr Schmerz, oft genug zu (selbst)zerstörendem Verhalten, zu Kälte und weiterer Stummheit führt. Darum bin ich froh über jede Geschichte, die dieses Schweigen aufbricht.
Und Hoffnung gibt. Die könnte etwa so aussehen, wie es Bernd erlebt – eines dieser „weggegebenen“ Kinder: „Heute, im Alter von über sechzig Jahren, jetzt, wo er gerade seine Mutter kennengelernt hat, erst jetzt kann er sich erlauben, das ganze Ausmaß dieses Schmerzes zu fühlen.“ Da bricht der „ganze Dreck seines Lebens“ aus ihm heraus – und es besteht durchaus die Hoffnung, dass er in Zukunft ruhiger wird leben können.

Wo das Schweigen wohnt – das Buch
Es lässt sich direkt im Verlag bestellen: https://mentoren-verlag.de/werke/wo-das-schweigen-wohnt-das-buch/ Aber auch überall, wo es Bücher gibt: ISBN-978-3-98641-233-3
(Das Buch wurde mir von der Autorin überlassen – danke! Ändert aber natürlich nichts an meiner Meinung …)
