Agieren oder Reagieren? Führerschein mit 50plus…

Es gab immer wieder Punkte in meinem Leben, an denen ich mich schrecklich darüber geärgert habe, dass ich mich in Ecken manövriert habe, aus denen heraus ich nur noch re-agieren konnte. Weil ich schon mit dem Rücken zur Wand stand. Nicht rechtzeitig genug agiert hatte, nicht aktiv genug geworden war. Ich glaube, das kennen viele… vermutlich mehr Frauen als Männer…

Und was hat das jetzt mit dem Führerschein zu tun? Viel. Aus meiner Sicht jedenfalls. So ein Projekt wie „Führerschein mit 50plus“ ist für mich auch ein therapeutisches Ding: Immer wieder wirst du mit Grundsätzen konfrontiert, die du dein Leben lang nicht hinterfragt hast. Weil du sie nicht hinterfragen musstest. Und ein guter Fahrlehrer wird dich immer wieder mit der Nase drauf stoßen. Nein, stimmt natürlich nicht so ganz. Genau genommen bin ich es immer selbst, die sich da die Nase anhaut… ohne groß drüber nachzudenken.

Führerschein 50plus

Zum Beispiel wollte ich anfangs immer schon bremsen, wenn nur zwei Ladies mit Einkaufstaschen am Straßenrand standen. Gemütlich quatschend, auf dem Fußgängerweg, wohlgemerkt. Bei jedem Menschen am Straßenrand eigentlich… Das hat mir mein Fahrlehrer inzwischen ausgeredet: „Man kann es sich im Straßenverkehr einfach nicht leisten, zu ALLEN Menschen freundlich zu sein!“ Okay, verstanden. Aber was ist mit denen, die suchend am Rand stehen, offensichtlich über die Straße wollen – nicht an Fußgängerüberwegen, sondern einfach so? Wahrscheinlich hab ich zu viel Phantasie… Die sah ich immer gleich schon unter meinem Auto liegen. Da half der Satz des Fahrlehrers: „Es sind nicht überall Selbstmörder unterwegs!“ Nein, wohl nicht. Zum Glück!

Ich erzähl das eigentlich jetzt nur, um zu zeigen, wie sehr ich mich bei meinen ersten Fahrversuchen immer wieder als Re-Agierende erlebt habe… Reaktionen zum Teil sogar auf Dinge, die nur in meiner Fantasie stattfanden. Da hab ich dann gemerkt, dass ich das wohl immer schon viel zu häufig gemacht habe. In vielen Situationen, in unterschiedlichen Lebenslagen. Nein, das hat natürlich primär mal wieder gar nichts mit dem Alter zu tun! Aber dadurch, dass ich dieses Verhalten 50 Jahre und länger so unhinterfragt wiederholt habe, hat es sich natürlich ganz schön in mir festzementiert. Und schon in meinem „Leben vor dem Führerschein“ stand ich dann immer wieder da und hab mich gewundert, warum ich jetzt so gut wie keinen Handlungsspielraum mehr habe. Kein Wunder!

Beim Autofahren ist das nun wirklich fatal. Da hast du die falsche Entscheidung getroffen, andre um Kurven fahren lassen, um die du selbst rum willst. Und da hängst du dann. Musst in Sekundenbruchteilen entscheiden, wie du da wieder rauskommst… Die Wahrscheinlichkeit, dabei das Falsche zu tun, ist ziemlich hoch. Was mich angeht: Ich bremse dann meistens. Auch blöd.

Der Standardspruch meines Fahrlehrers ist dann immer, ich müsse lernen, „vorausschauend zu fahren!“ Ja, meinem Kopf leuchtet das ein. Sehr sogar. Aber ich hab so viele Jahrzehnte oft einfach nur vorsichtig agiert, Dinge und Menschen auf mich zukommen lassen… Das sitzt ganz schön tief. Ist schwer, sich das wieder abzugewöhnen.

Und auf der anderen Seite frag ich mich manchmal: War es möglicherweise ein echtes Versäumnis, den Führerschein nicht schon viel früher gemacht zu haben? Hätte ich nicht durch die im Straßenverkehr permanent notwendige Aktions-Bereitschaft auch in meinem ganz normalen Leben besser/früher lernen können, entschiedener zu agieren? Ich weiß es nicht.

Einerseits hab ich immer an dem Grundsatz festgehalten, dass alle Menschen stets die gleichen Chancen haben sollen. Dass ich andren, die vielleicht weniger schnell/laut mit Worten sind als ich, nicht „über den Mund fahren“ will. Was mir natürlich trotzdem permanent passiert ist. Aber nur so, als Beispiel. Mich nicht vordrängeln, nicht zu egoistisch sein (ein bisschen aber sehr wohl…), nicht zu laut, nicht zu fordernd etc. Was ich im Zusammenleben und -arbeiten mit anderen Menschen nach wie vor als ganz brauchbare Grundsätze empfinde, wird mir beim Autofahren jetzt zum Verhängnis. „Sie müssen die volle Kontrolle haben!“, sagt mein Fahrlehrer. Und: „Zeigen Sie den andren: ‚Hier komm ich! Ich nehme mir den Platz, den ich brauche‘!“ Genau das ist es wohl. Genau das muss ich wohl lernen. Und vermutlich nicht nur dann, wenn ich mal wieder das Lenkrad krampfartig fest umklammert halte… Sondern auch in meinem übrigen Leben. Darum hat für mich jede einzelne Fahrstunde therapeutischen Effekt.

3 Kommentare


  1. Zitat: ausgeredet: „Man kann es sich im Straßenverkehr einfach nicht leisten, zu ALLEN Menschen freundlich zu sein!“ Okay,
    … diese Worte des Fahrlehrers Sind vollkommen falsch! Außerdem wieder sprechen Sie dem, was er eigentlich hätte lehren müssen… Freundlichkeit ja Rücksichtslosigkeit nein .
    Man kann durch aus freundlich sein und trotzdem zielführend handeln…

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  2. Das Autofahren in Deutschland ist an strenge Regeln gebunden die unbedingt einzuhalten sind. So ist es auch im richtigen Leben. Es gibt überall Regeln und Verordnungen. Da muß man sich nicht wundern daß Ausländer oft sagen:“the Germans are rigid“, die Deutschen sind starrsinnig. Wer in Deutschland den Führerschein gemacht hat wird beim fahren in anderen Ländern schnell erkennen daß dort einiges anders ist. Was ich früher nur von der Fahrschule kannte gibt es tatsächlich in anderen Ländern, nämlich daß man sich im Straßenverkehr verständigen muß und nicht nur auf sein angebliches Recht pochen kann. Vielleicht erfahren wir in der nächsten Geschichte wie Maria ihre erste Fahrstunde in Ägypten absolvierte und was dort wichtig für eine Fahrschülerin über 50 ist.

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  3. Wobei es im Stassenvekehr ja vie scböne Regeln gibt, an die frau sich halten kann. Im Rest des Lebens ist vieles nicht so eindeutig. Autofahren ist der Breich, bei dem ich mir am wenigsten Gedanken um mein Verhalten mache. Vielmehr um das Verhalten der anderen, das ist oft egoistisch, unberschenbar und ellenbogenmäßig. Aber es gibt eben Regeln.

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