„Jedes Alter ist ein Alter.“ Elke Heidenreich

„Jedes Alter ist ein Alter.“ Elke Heidenreich

Vermutlich ist es nur fair, gleich zu Beginn zu sagen, dass ich mich Elke Heidenreich immer recht nah gefühlt habe, bin in Köln oft auf ihre Spuren gestoßen, habe über die Else Stratmann ansatzweise gelernt, wie das Ruhrgebiet „tickt“ – was mir sehr zugutekam, als ich jenen Mann von dort kennenlernte, den ich immer noch liebe … Bin ihr zu  Katern und Möpsen gefolgt, quer durch die Opern- und natürlich vor allem die Bücherwelt. Einmal saß sie mit einer Freundin einige Meter von mir entfernt auf der Sommerterrasse eines großen Kölner Lokals … Ich wollte sie weder ansprechen noch wirklich Blickkontakt suchen, mir genügte es, einfach meinem Elke-Gefühl nachzuspüren. Und das war gut. Nah.

Stets wusste ich, dass sich um diese Frau niemand Sorgen machen muss: Sie ist bei sich. Und wird es (hoffentlich) auch immer bleiben. Mit all ihrer Streitlust, Lebendigkeit, dem Sprudeln, den guten Ideen, der Sprachliebe und sicher auch einigen Spleens … Ja, sie polarisiert. Und das ist gut so.

Genau das erklärt auch, warum ich zwei Jahre lang gezögert habe, ihr Buch „Altern“ zu lesen. Mein erster Gedanke war: „Och nö, das fühlt sich an wie der Beginn eines Abschieds. Will ich nicht.“ Dann hat ein weiterer Mensch (weiß wirklich nicht mehr, wer) derart warmherzig über dieses Buch geredet, dass ich ahnte: Okay, das muss ich jetzt wohl doch lesen.

Alte sind „eben nicht gleich alt“

Zum Glück wurde das Lesen ganz und gar kein Abschied. Sogar ein Augenöffner – für mich, die 17 Jahre Jüngere: Altern tun wir alle. Doch DAS Alter, das gibt es einfach nicht. Damit hat Elke Heidenreich ein weiteres Mal offene Türen bei mir eingerannt, besser gesagt: mir klargemacht, was ich noch gar nicht zu Ende gedacht hatte. „Erst waren wir die verhassten Revoluzzer, in der Mitte des Lebens die angepassten Spießer, jetzt sind wir die Alten, die an allem schuld sind. So what.“ Ja, so weit war ich auch schon. Doch dann fährt sie fort: „Es kann keine Interessengemeinschaft entstehen, weil wir gleich Alten eben nicht gleich alt sind.“

Da habe ich an Rand des Buchs beschrieben „Memo an mich.“ Denn irgendwie habe ich mir diese Interessengemeinschaft immer erhofft … Doch Elke Heidenreich hat wohl recht: Das geht nicht, allenfalls sehr schwierig. Allenfalls mit sehr ausgeklügelten, gemeinsamen Interessen. Ich werde bei Gelegenheit weiter drüber nachdenken …

„Ich bin keine nette Alte“

Im Moment ist mir vor allem wichtig: Die zwei Zitate beziehen sich auf ein anderes Zitat – von der deutsch-britischen Sozialarbeiterin Lily Pincus, die darüber schon „vor mehr als zwanzig Jahren“ in „Das hohe Alter“ schrieb: „Alte Menschen sind ja nicht alle gleich, wahrscheinlich sind sie das noch weniger als irgendeine andere Altersgruppe, denn ihr langes Leben hat sie zu Individualisten gemacht.“

Individualisten! Ein Wort, das mich wohl nie loslässt … Und ein Wort, das Elke Heidenreich niemals sagen muss – denn sie ist es ganz einfach. Und dann so ein super simpler Satz: „Jedes Alter ist ein Alter.“ Was gibt es da eigentlich noch mehr zu zu sagen?!

Nein, natürlich hat das Buch seine Berechtigung … Elke Heidenreich hat einen wachen Kopf wie eh und je, kann immer noch gut austeilen, gegen die Kardeshians dieser Welt, gegen jede Art von Verhaltenskodex, der unnötig einengt: „Das rundum Versicherte, Gesunde, woke, Brave geht mir auch schon sehr auf den Wecker und ich freue mich jetzt schon auf die empörten Briefe, die ich dazu kriege, und, das sollten Sie wissen, nicht beantworten werde. Ich bin keine nette Alte. Ich bin ich, wie immer.“

Mich beruhigt das ja … Sehr sogar. Aber das ist vermutlich nicht der Grund, aus dem man dieses Buch lesen möchte. Mein wahres Vergnügen war natürlich, ihr durch die riesige Bibliothek zu folgen, die sie sich erst mit 70 Jahren in schöner, physischer Form aus Holz mit Leiter und allem Drum und Dran – nach über 20 Umzügen – endlich „gegönnt“ hat. Würde natürlich alles nichts nützen – ohne die entsprechend eigenen Gedanken, die Erfahrung und das Wissen, was wo zu finden ist. Das hat sie.

Altern: auch ein Feuerwerk an Zitaten

Ihr Buch strotzt nur so von wunderbaren Zitaten – für mich durchaus viele Bekannte darunter … Gottfried Benn etwa – allein den Namen habe ich viel zu lang nicht mehr gelesen, dabei musste ich ihn doch während meines Studiums noch gegen einen „Professor“ durchsetzen, der mich zu diesem Lyriker „aus Prinzip“ nicht prüfen wollte … Ja, Benn war mir auch immer wichtig. Und doch hab ich ihn schon sehr lang nicht mehr gelesen. Allein, um einen an solche Menschen zu erinnern, ist das Buch gut. Oder um Menschen zu entdecken, von denen man noch nie gehört hat.

Oder um ganz alte Gedanken wieder neu zu beleben. Etwa die Sache mit dem Glück und dem Alter in Goethes Faust – wie oft schon habe ich aus dem Gedächtnis versucht, das zu zitieren – und die wenigsten Menschen haben es begriffen. Lag vermutlich an meinem Gedächtnis. Denn bei Elke Heidenreich macht es genau DEN Sinn, den ich auch immer vermitteln wollte … Ihr solltet das selber lesen, ja? Egal, wie alt ihr seid.

„Ich will nicht ‚Früher …‘ sagen. Aber … Oder?“

Denn wenn wir diese 17 Jahre Differenz zwischen Elke Heidenreich und mir mal als Beispiel nehmen, weiß ich doch sicher: Es gibt mehr, was uns eint, als was uns trennt! Und alles, was uns (noch) trennt, kann ich mir in diesem Buch ja schon mal angucken. Dann weiß ich (vielleicht) in etwa schon mal, was auf mich zukommen wird. Vielleicht. Denn wir sind und bleiben Individuen. Und dieses Buch ist für mich ein Feuerwerk an guten Gedanken – von Elke Heidenreich wie von anderen.

Zum Schluss mein absolutes Lieblingszitat – Elke Heidenreich: „Ich will nicht ‚Früher …‘ sagen. Aber … Oder?“

Elke Heidenreich - Altern

Das Buch

habe ich mir selbst gekauft – weil ich es wollte.

Erschienen ist es bei Hanser Berlin und kann auch da gekauft werden. Oder sonst überall, wo es Bücher gibt: ISBN 978-3-446-27964-3

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