Ein Buch „about Sex“ – von einer in den 1970er-Jahren Geborenen. Geht! Und zwar sehr gut …
Um es gleich zu sagen: Anna Lourca ist ein Pseudonym – wie die Dame wirklich heißt, weiß ich zwar, verrate es aber nicht. Denn dieses Buch ist mit Hilfe der Buchhebamme entstanden. Was die Autorin dagegen (beinah) offenlegt, ist ihr Alter – steht im Klappentext: „in den siebziger Jahren in Ostdeutschland geboren.“ Also was zwischen 40 und 50. Hat mir von Anfang an gefallen – gerade, weil das Alter auf die Handlung nullkommanull Einfluss nimmt. Gar keine Frage: Natürlich beschäftigen sich Menschen in diesem Alter noch mit Sex! Wenn auch vielleicht in bisschen subtiler als Jüngere – zumindest ist dies bei Ann Lourca der Fall. Niemals plump, nie aufdringlich, gern mit Humor und eindeutig mit einer großen Portion Sprach-Liebe.
Worum geht es? About Sex …
Aus dem Klappentext: „Zwei Unbekannte mit viel Freude an ungewöhnlichen Geschichten treffen sich im Chat einer Sexplattform. Ein Wort führt zum nächsten und schon bald entspinnt sich ein augenzwinkernd-lustvoller Austausch rund ums Thema Sex und darüber hinaus, verwoben mit kurzen, erotischen Geschichten. Die sind vom Chat inspiriert oder stammen unmittelbar aus dem Leben der beiden. Die Grenzen bleiben fließend, aber das Interesse der beiden steigert sich spürbar von Story zu Story.“
Im Prinzip ist dieses Buch ist eine Sammlung an Kurzgeschichten. Doch der Rote Faden fehlt ganz und gar nicht, im Gegenteil: Es gibt ein festes Ensemble an Mitspielenden, eine klare Hauptprotagonistin. Die schont sich selten, tanzt Tango, geht auf Entdeckungstouren quer durch Berlin und zu wechselnden Liebhabern. Sie ist ziemlich neugierig, probiert (sich) gern aus, lässt immer wieder neue Erfahrungen zu, kann gut über sich selbst wie über andere grinsen, mag „Experimente, Rätsel und Spiel“.
(Sex-)Räume der Möglichkeiten
Vor allem aber geht es in diesem Buch sehr bildhaft zu, viele Geschichten bestehen aus Andeutungen – und die bleiben umso besser im Kopf, je weniger sie zu Ende erzählt werden. Genau das geschieht tatsächlich selten, vieles bleibt knisternd im Raum der Möglichkeiten. Und der ist weit – sehr weit. Darum können diese Geschichten die eigene Fantasie perfekt anregen. Ich glaube ja, dass vor allem die Fantasie von Frauen in puncto Sex über das eigene Kopfkino optimal funktioniert – und genau dafür liefert dieses Buch viel Stoff … jede Menge Raum für eigene Bilder und Emotionen.
Doch es kann gut sein, dass ich mich irre – und viel mehr Männer diese Art von Sex-Fantasien zu schätzen wissen, als ich glaube … Schließlich gibt es auch in diesem Buch einen Mann, der sozusagen der Anker für Geschichten und Erlebnisse der Autorin ist. Das ist ihr Chatpartner. Und dass sie immer wieder zu ihm zurückkehrt, bildet nicht nur den Roten Faden allen Erzählens, sondern schafft sozusagen eine zweite Ebene … Denn zwischen den beiden knistert es zeitweise auch gewaltig.
Die Autorin. Und die Erotik
Anna Lourca bekennt sich zu ihrem „jahrzehntelangen Interesse an menschlichem Erleben“ und sagt, das spiegele sich einerseits in ihrer „beruflichen Entwicklung wieder, in der es sowohl wissenschaftliche als auch pädagogisch-psychologische Stationen gibt.“ Andererseits lässt sich dieses Interesse unschwer in der Handlung dieses Buchs entdecken …
Nicht alle Protagonisten sind so sprachverliebt wie die Erzählerin und ihr Chatpartner … Andere haben sehr viel handfestere Interessen. Etwa Nazar, dessen wichtigste Attribute „Verletzlichkeit und Härte“ sind – und: Er beherrscht die Kunst der „wortlosen Sprache“. Das weckt mit Sicherheit das erotische Interesse der Erzählerin. Doch sie ist ein vielseitiger Mensch … Manchmal müssen es dann eben doch Fitness-Junkies und Body-Fetischisten“ sein … Nun ja, eigentlich nur einmal. Oder eine „erotische Lesung“ – das wird ziemlich komisch, wie überhaupt der Humor oft mitschwingt. Faszination für Dominanz-Fantasien? Ja und nein. Sex im Kleiderschrank … tja.
Nein, es geht ganz und gar nicht nur um das Schwelgen in Fantasien, es gibt durchaus auch handfesten Sex, etwa das „Klatschen aufeinanderprallenden Fleisches, vertraute Eruption, erwartet und doch so unkontrollierbar wie die Flut.“ Natürlich waren dies die letzten Sätze einer Geschichte, deren weitaus wichtigerer Teil die langsame Annäherung dieser zwei Körper war.
About Sex ist ihre erste belletristische Veröffentlichung von Anna Lourca. Ich mag das Buch sehr – darum empfehle ich es allen, die spielerisch mit den eignen Sexfantasien umgehen mögen. Die Protagonistin definiert das ziemlich gut: „Ich glaube, für mich entsteht Erotik in der Fantasie, in der Andeutung, im Ungesagten. Es braucht den Raum des Unbestimmten, das vielsagende Schweigen, die Vibration des Augenblicks, das Schwingen zwischen den Worten.“ Unterschreibe ich sofort.
Das Buch
„About Sex – Eine fast unpornografische Brieffreundschaft“ gibt es als Taschenbuch und ebook, erschienen bei bod. Es hat 116 Seiten und kann überall bestellt werden, wo es Bücher gibt.
ISBN-13: 9783696367695

