Friedrich Ani: Schlupfwinkel – ein Buch, das Frauen aus zwei Generationen ganz verschieden sehen. Warum?
Friedrich Ani: Schlupfwinkel. Ich möchte unbedingt über dieses Buch schreiben, weil
1. Mich sehr interessiert, wie andere Menschen es lesen oder gelesen haben
Für Christine Westermann beispielsweise war es das beste Buch des Jahres 2025. Hat sie im Podcast „zwei Seiten“ ihrer Moderationspartnerin Mona Ameziane gesagt. Und die kam dadurch in Verlegenheit: Sie hätte Christine „gern den Gefallen getan“, dieses Buch wenigstens ansatzweise ebenfalls gut zu finden. So war es aber ganz und gar nicht – Ameziane musste sich offensichtlich zum Lesen zwingen: „Ohne unseren Podcast hätte ich es gar nicht zu Ende gelesen.“ Nun ist es natürlich für einen Buchpodcast nicht eben optimal, wenn beide ständig einer Meinung sind. Und dass man niemandem einen Gefallen damit tut, nur der anderen „zuliebe“ eine ähnliche Einschätzung abzugeben, das wissen die beiden Frauen – sind sie doch echte Buch- und Medienprofis.
Doch dass gerade unter ihnen die Einschätzung ein und desselben Buchs derart weit auseinanderklafft, lässt – zumindest mich – aufhorchen: Was passiert da?
Nun: Christine Westermann ist Jahrgang 1948, Ameziane Jahrgang 1994. Der Autor, um den es hier geht, Friedrich Ani, ist 1959 geboren, ich 1960. Und ich stehe – um das schon mal ganz klar zu sagen – auf der Seite von Christine Westermann. Und genau das ist mein zweiter Punkt:
2. Umarmung contra nicht Berührt-Sein
Dass dieses Buch „wie eine Umarmung“ sei, ist der Satz, mit dem Christine Westermann im Klappentext des Buchs zitiert wird. Und das meint sie tatsächlich so – spätestens jetzt ist der Hinweis auf den podcast natürlich sinnvoll, von dem ich ganze Zeit rede. Es ging um Erinnerungen und war die letzte Folge im Jahr 2025. Ameziane betont da mehrfach, wie „blass“, weit „entfernt von ihr“ einerseits, andererseits aber auch wie „extra tragend“ formuliert oder sprachlich „überladen“ ihr dieses Buch und dessen Sprache vorkommen. Es berührt sie nicht, sie wird nicht warm damit, die Protagonisten sind ihr nicht plastisch genug, sie wünscht sich mehr „Ich“, weniger Distanz im Erzählen.
Warum diese extrem konträre Einschätzung? Das ist, was mich im Moment am meisten interessiert … Dazu ist es sicher ganz gut, sich erst mal kurz die
Handlung dieses Buchs
vor Augen zu führen. Der Verlag (suhrkamp) formuliert es so: „Ein kleines Dorf in Bayern, Ende der 1950er Jahre: Ein Kind kommt zur Welt aus einer Verbindung, die hier niemand für möglich gehalten hätte. Die Mutter ist Schlesierin und gehört zu den „Heimatvertriebenen“, die sich ein Jahrzehnt zuvor im Ort niedergelassen haben. Der Vater ist ein Medizinstudent aus Syrien, der ins Dorf kommt, um am Goethe-Institut Deutsch zu lernen. Zum Zeitpunkt des Kennenlernens hatten sie keine gemeinsame Sprache, und ihr gegenseitiges Sprechen blieb ein Leben lang brüchig. So wächst das Kind in einer Atmosphäre des Schweigens auf, sucht nach einem Schlupfwinkel für die eigene Existenz und findet ihn in der Literatur.“
Was wird erzählt?
Meiner Ansicht nach ist die Haupt-Handlung gar nicht das, was erzählt wird. Sondern das, was NICHT erzählt wird. Beispielsweise wird der Mensch, der da erzählt, unehelich geboren. Dieses Wort wird nie erwähnt. Doch ich weiß aus eigener Erfahrung: In einer derart katholisch geprägten Welt, Ende der 1950er Jahre, war das ein gravierender Makel. Einer, für den Kinder sich durchaus schämen konnten – selbst, wenn es ihnen gelingt, diese Scham (scheinbar) nicht an sich heranzulassen. Ani scheint das zu gelingen … Aber ist es wirklich so? Stattdessen kreisen seine Gedanken und Erinnerungen um Nicht-Gesagtes, Nicht-Getanes, um das Schweigen, manchmal auch um die Wut auf sich selbst, nicht mehr dagegen unternommen zu haben. Tatsache ist: Er war ganz sicher einer, der immer „außerhalb“ stand. Und diese Position ist – wage ich zu behaupten – durchaus autobiografisch. Fast logisch die Konsequenz, dass sein „Schlupfwinkel“ die Welt des Lesens und Schreibens wird. Schon sehr früh.
Das Buch wird aus der Perspektive dieses unehelichen Kinds erzählt. Doch fast zwangsläufig können wir unterstellen, dass auch die junge Mutter sich auf ihre Weise geschämt haben wird … Ist sie darum so verbittert, fast biestig, dass sie ihren späteren Mann – im Verbund mit dessen Schweigermutter – mehrfach als „Kameltreiber“ beschimpft? Will sie – die ja selbst von Flucht und Vertreibung geprägt ist – sich damit von dessen Fremdheit distanzieren? Und vor allem: Was macht all das mit dem Sohn?
In der Familienkonstellation, die da erzählt wird, treffen drei extrem von Fremdheit geprägte Menschen aufeinander: die heimatvertriebene Mutter – die immerhin Rückhalt durch die eigene Mutter hat. Der syrische Mann, der in einer völlig fremden Sprache Medizin (inklusive der notwendigen Grundkenntnisse von Griechisch und Latein) studiert – er hat ein sehr anspruchsvolles, aber auch sehr greifbares Ziel. Und erreicht es. Seine spätere Frau gibt ihm zwar nicht unbedingt Rückhalt, eher im Gegenteil. Aber ein verlässlicher Streitpartner ist auch was wert – und das ist sie vermutlich. Und der Junge? Hat ziemlich früh, nach dem Tod des Großvaters, gar niemanden mehr. Nicht als Rückhalt, noch nicht mal zum Streiten. Er ist also fremd in der eigenen Familie, fremd in der Welt. Und: Die Zeiten waren damals wirklich anders als heute.
Mut, Generationsfragen. Und Verstehen-Können
Für mich ist „Schlupfwinkel“ keine Umarmung wie für Christine Westermann. Und doch folge ich ihr in diesem überaus warmen Gefühl für das Buch. Ihre Familie ist – wie ein Teil meiner Familie übrigens auch – aus der DDR geflohen. „Heimatvertrieben“ aus Schlesien stelle ich mir allerdings noch schlimmer vor. Doch immerhin war beides ein recht präsentes Thema der 60er- und 70er-Jahre in Deutschland: Viele Menschen hatten zumindest eine vage Ahnung davon, was es bedeutet, kannten vielleicht sogar jemanden, der von solchen Erlebnissen sprechen konnte/wollte. Dass gerade hier dieses hartnäckige Schweigen der Eltern zur Last für die Kinder wurde, wissen wir noch nicht allzu lang. Ist auch nicht nötig, denn das ist gar nicht das Thema von Friedrich Anis Buch. Und doch schwingt es natürlich mit – für alle, die es wissen. Hier sehe ich die erste Erklärung für die Diskrepanz in den Einschätzungen von Mona Ameziane und Christine Westermann: Die Ältere hat sehr viel leichter Zugang zu dem, was da im Hintergrund mitschwingt.
Doch es geht sehr viel weiter: Ameziane ist die Tochter eines Marokkaners und einer Deutschen. Naiv gedacht, könnte man jetzt annehmen, dass sich gerade ihr dieses Buch ganz leicht erschließen müsste. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Warum?
Da plaudere ich jetzt mal aus dem eigenen Nähkästchen: 1960 als uneheliche Tochter einer Sächsin und eines Irakers in Westdeutschland geboren, habe ich ungeheuer großen Respekt vor dem Mut von Friedrich Ani. Ja, für mich gehört Mut dazu, sich öffentlich zu Dingen zu bekennen, von denen wir annehmen müssen, dass viele Menschen einfach keinen Zugang dazu haben. Die 1994 geborene Ameziane war in der Wahrnehmung ihrer Umwelt nie derart „exotisch“, unerklärlich seltsam, fremd und für andere (wie oft genug für sich selbst) kaum einschätzbar wie Menschen, die über 30 Jahre vorher unter einer ähnlichen Konstellation geboren wurden. Da sehe ich einen großen Fortschritt bis heute – da wurde sehr, sehr viel Informationsarbeit geleistet! Doch in den 60er- und 70er-Jahren waren wir so was wie Aliens. Mindestens. Und das hat was mit uns gemacht. Etwas, von dem sich (noch) nicht allzu viele Menschen zu sprechen trauen – mich eingeschlossen. Mein vorherrschendes Gefühl war immer: „Das kann doch kein Mensch verstehen! Das kann ich euch gar nicht erklären. Ihr seid alle so weit von meinen Erfahrungen entfernt.“ Und außerdem hatte ich diesen Exotenstatus derart satt, dass ich ihn nicht noch mit dem Reden über aus meiner Sicht kaum Erklärbares weiter aufheizen wollte. Das Gefühl von Wut hatte ich dabei ohne Frage auch immer. Die hat sich eher gegen mich als gegen andere gerichtet. Und so sehr ich auch wollte: Ich konnte nie darüber schreiben. Wirklich nie. Erst seit einigen Jahren nähere ich mich schrittweise dem Thema – in kleinen Passagen wie dieser hier.
Darum also mein Respekt vor dem, was ich den Mut von Friedrich Ani nenne. Und alles, was Mona Ameziane an seinem Buch bemängelt, diese „Sperrigkeit“, das schwer Zugängliche, vielleicht Spröde ist für mich Ausdruck einer Ausgegrenztheit, die damals ungeheuer weit gehen konnte, ungeheuer schmerzhaft war. Genau genommen, spiegelt das Buch exakt dieses Gefühl wieder, das auch ich hatte: „Wer soll das denn verstehen?! Da ist noch immer diese riesige Distanz zwischen uns. Da kann ich mich nur behutsam nähern … habe vielleicht selbst noch immer nicht ganz kapiert, was mir passiert ist. Und wenn jetzt endlich mal jemand bereit ist, mir zuzuhören, schlage ich ihn besser nicht gleich mit allzu lauten Worten in die Flucht. Und vielleicht lerne ich – obwohl ich schon über 60 bin – jetzt erst, wirklich ‚Ich‘ zu sagen.“
Unter diesen Prämissen ist der Protagonist, der seinen Schlupfwinkel hier verlässt, durchaus deutlich, klar und plastisch gezeichnet. Vor allem sprachlich. Finde ich jedenfalls … Sprachlich würde ich dieses Buch sowieso regelrecht perfekt nennen – feingeschliffen und in äußerster Präzision hochkomprimiert.

Das Buch
Friedrich Ani: Schlupfwinkel. Ich habe es mir selbst gekauft, ganz privat. Und kam tatsächlich erst über das Gespräch zwischen Mona Ameziane und Christine Westermann auf die Idee, dass es ein Thema für das Unruhewerk sein könnte … eben wirklich über den Blick aus zwei ganz verschiedenen Generationen darauf.
Bestellt werden kann es direkt bei suhrkamp hier – und natürlich auch überall sonst, wo es Bücher gibt: ISBN 978-3-518-47517-1
Und um zum Anfang zurück zu kommen: Ja, mich interessiert nach wie vor sehr, wie andere dieses Buch gelesen haben! Unter anderem dafür gibt es hier eine Kommentarfunktion …
